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Leserbrief zu „Eisbahn auf der Kippe“

Da gibt es also in Bergneustadt Geschäftsleute, die in diesen Zeiten ernsthaft überlegen, erneut das beliebte, aber extrem energiefressende und klimakillende Spaßevent „Eisbahn“ zu veranstalten, vor Corona als „Wintermärchen“ bekannt.

Haben diese Leute immer noch nicht mitbekommen, dass durch derart konsumistischen Lebensstil inzwischen das Überleben der Menschheit auf der Kippe steht ?

Rückblick: 2020 habe ich mit Freunden aus Protest eine abgestorbene Fichte vor dem Eis aufgestellt mit der Parole: „ Australien grüßt Wintermärchen“. Damals brannte das verdorrte Australien, es interessierte aber kaum einen.

Heute brennt halb Europa , das Ahrtal sieht aus wie nach einem Bombenkrieg, weltweit Fluten, Dürren, extreme Hitze, Hungersnöte: Eine dramatische globale Ernährungskrise hat Fahrt aufgenommen und ist nicht mehr zu stoppen. Verteilungskämpfe um die schwindenden Ackerböden werden jetzt mit brutaler Gewalt geführt, wie Putins kriegerische Aneignung von Ukraines fruchtbarer Schwarzerde zeigt. Auch in Oberberg Hitzewellen, braune Wiesen, trockene Bäche, absterbender Laubwald. Höchste Zeit, Überkonsum und Produktion von nutzlosen Luxusgütern zurückzufahren, viele müssten endlich Verzichten lernen oder dazu gezwungen werden. Die Regierung aber versucht stattdessen in blinder Panik, den Einbruch von Wachstumswirtschaft und Wohlstand mit gigantischen Geldspritzen auf Pump abzuwenden und heizt dabei das Klima durch Frackinggas, Kohle und militärische Aufrüstung noch weiter an. Trotzdem kommt die Wirtschaftskrise mit wachsender Armut und der Gefahr schwerer gesellschaftlicher Verwerfungen, die hoffentlich nicht erneut im Faschismus enden.

Voller Scham habe ich neulich gesehen, dass die Schlange vor der Bergneustädter Tafel bis auf die Kölnerstraße reichte. Diese notleidenden Mitmenschen haben sicherlich viel weniger zur Klima-erhitzung und der Lebenmittelverteuerung beigetragen als die konsumgeilen Mittelklassebürger. In einer gerechten Welt wären es aber diese Leute, die als Hauptverursacher der Not an der Tafel anstehen müssten.

Wie wärs, wenn Bergneustadts kommerzielle Märchenfreunde diesmal ein soziales „Sommermärchen“ auf die Beine stellen und jetzt den Menschen helfen, die unter den Klimawandelfolgen besonders leiden ? Wir haben 2020 jedenfalls die Sponsorentafel fotografiert für ein Mahnmal der Schande, falls demnächst in einer verwüsteten Welt wieder mal keiner Täter oder Mitläufer gewesen sein will.

Leserbrief zum Artikel „Pomykaj stellt Quellenlage vor“

 

Ich begrüße sehr, dass Herr Pomykaj seine Erkenntnisse zu der NS -Belastung des Kreistags und des früheren OKD Goldenbogen öffentlich vorstellen und vor allem auch diskutieren will. Dieser OKD prägte 3 Jahrzehnte lang durch unglaubliche Ämterhäufung und einen autokratischen Führungsstil die oberbergische Politik; eine Machtfülle, die mit einer Demokratie nicht kompatibel ist. Angesichts des neu erstarkenden Rechtsradikalismus ist Goldenbogens NS-Belastung daher für eine historische Aufarbeitung von zentraler Bedeutung.

Einen Vortrag zum selben Thema hat Pomykaj vor Jahren schon einmal gehalten. Den hatte der Kreistag beschlossen, weil ich darauf aufmerksam gemacht hatte, dass in mehreren Studien festgestellt worden war, dass im LVR bis in die Führungsspitzen stark belastete Nazis tätig waren, die in Heimen und Psychiatrien schwerste Menschenrechtsverletzungen zu verantworten hatten. In der Sozialistischen Selbsthilfe Köln ( SSK) habe ich seit 1970 dagegen gekämpft und dabei sind die geistigen und personellen Kontinuitäten zum NS in den Fokus geraten, besonders die des Gründungsdirektors Klausa, der als SA-Mann und Nazilandrat nahe Auschwitz 30000 Juden ins Ghetto treiben ließ und die „Ausssonderung der Entarteten“ gefordert hatte. Da sein Freund Goldenbogen ebenfalls bis 79 eine zentrale Figur im LVR war, hatte ich eine ebensolche Aufarbeitung für ihn und den Kreistag angeregt. Damit wurde Pomykaj beauftragt.

Selbst mein zugegeben laienhaftes „Halbwissen“ reichte aber für die Erkenntnis, dass sein Vortrag unverzeihliche Lücken aufwies: So hatte Pomykaj zwar Goldenbogens NSDAP-Mitgliedschaft erwähnt, ihn aber mit der launigen Bemerkung, er sei „nicht der allerschlimmste Nazi“ gewesen, als harmlosen Mitläufer hingestellt.

Nicht herausgefunden oder verschwiegen hat er jedoch die Mitgliedschaft in der SA, im NS-Rechtswahrerbund und anderen Naziorganisationen, weshalb Big Boss Goldenbogen aus öffentlichen Dienst hätte entfernt werden müssen.. Daher wäre es jetzt wohl Pomykajs vordringlichste Aufgabe, zunächst mit seinem eigenen „Halbwissen“ „aufzuräumen“ und seine Wissenlücke zu erklären, da doch Goldenbogens öffentlich zugängliche Personalakte im Bundesarchiv eine klare „Quellenlage“ darstellt.

Auch die NS Belastung des Landrats Dr. Schild hat nicht er aufgedeckt; die des Heimatforschers Kaufmann brachte der Museumsleiter Kamp ans Tageslicht, dazu kommt all das, was noch immer im Dunkeln liegt.

Pomykajs Vorgesetzter war Landrat Hagt, der seinem Parteifreund Goldenbogen noch zum 25. Todestag am Grab mit Blumen die Ehre erwiesen hatte. Den hätte es wohl kaum erfreut, wenn sein Archivar öffentlich gemacht hätte, dass seine Ehrerbietung einem belasteten Altnazi galt.

Eine meiner „beliebten“ Reden vor dem Kreistag – 31.3.2022

Dass meine Fragen zum Verhältnis des früheren OKD Goldenbogen zu dem Nazimaler Peiner jetzt zum zweiten Mal auf der Tagesordnung stehen, weil sie nicht bzw. nicht ausreichend beantwortet wurden, ist natürlich kein gutes Zeichen für bürgerfreundliche und demokratische Gesinnung des Landrats.

Das Verhalten zeigt aber erneut, welche schwere Hypothek die unterlassene Aufarbeitung der personellen und geistigen Kontinuitäten des Nationalsozialismus für die politische Gegenwart bedeutet. Diese lassen sich auch gut am Umgang des OKD mit Görings Lieblingsmaler Peiner nachweisen, den Adolf Hitler als „gottbegnadet“ gerühmt hat.

Diese außergewöhnliche Ehrung erfuhr Peiner, weil er in seinen Gemälden wie kein anderer die „Blut und Boden Ideologie“ der Nazis zum Ausdruck brachte. Viele tun den heldenhaften Bauern, der mit Kaltblutpferden im Sonnenaufgang die deutsche Scholle umbricht, heute als unpolitisch oder kitschig ab.

Tatsächlich wird damit aber eine völkische Ideologie transportiert, die in ihrem Kern rassistisch und antidemokratisch ist. Während in einer Demokratie alle Staatsbürger gleiche Rechte haben, unabhängig von ihrer Herkunft, Abstammung oder Hautfarbe, stand in dem völkischen Staatswesen der Nazis das Vorrecht der deutschen (arischen) Herrenrasse den minderen Rechten bzw. der Rechtlosigkeit der sog Untermenschen gegenüber.

Der NS Rechtswahrerbund hat daran mitgewirkt, diese menschenverachtende Ideologie in Gesetzesform zu bringen. Ein Mitglied war der Jurist Goldenbogen, damals anscheinend ein glühender Nazi, der schon als Oberprimaner in die SA eingetreten war.

Heute erleben wir, dass die völkischen Ideen sich wieder verbreiten, nicht nur im Höckeflügel der AfD, sondern auch bis weit hinein in die Reichsbürger-, Querdenker- und Spaziergängerszene, in der von „Umvolkung“ die Rede ist.

Eine andere Kontinuität zum NS erfahre ich persönlich, seit ich auf die Mitwirkung von Rechtsradikalen bei den „Spaziergängen“ hingewiesen habe: Die völlig enthemmte Herabsetzung und Entmenschlichung von politischen Gegnern im „Stürmer“-Stil, wie sie z.B. in der Darstellung von Juden als Ratten zum Ausdruck kommt. So werde ich von einem Nazi im Netz u.a. als „Monster“ beschimpft, das die Seelen der Kinder vergifte, an dem nichts Menschliches dran sei, als „elender Bolschewist“, der „mehr als eine Strafe“ verdient habe.

Was er unter „Strafe“ versteht, erläutert er am Beispiel von Merkel u.a., für die nach einer durch Trump herbeigeführten Machtergreifung hoffentlich ein Ast an einem schönen Baum gefunden werde. Ist das nicht zumindest Billigung von politischem Mord? Im Jahr 2022? Was, wenn einer seiner social-media-verblödeten Follower sich zum Befreier vom „bolschewistischen Monster“ berufen fühlt ?

Es gibt Altnazis, die sich selbstkritisch mit ihrer NS-Vergangenheit auseinandergesetzt haben. Goldenbogen gehörte nicht dazu, er hat auch noch 1979 in dem Interview zu seiner Biografie nicht ein einziges Wort des Bedauerns zum Holocaust oder dem Schicksal der Zwangsarbeiter, darunter viele Ukrainer, gefunden Oder zu dem Vernichtungskrieg der deutschen Wehrmacht in der Ukraine , der die heutigen Kriegsverbrechen von Putin noch weit in den Schatten stellt. Seine außergewöhnliche Förderung des bekennenden Antisemiten Peiner und sein sehr autoritärer Führungsstil weisen darauf hin, dass er noch mehr oder weniger im braunen Ungeist verhaftet war.

Die Ehrung dieses belasteten Altnazis durch die „Dr Goldenbogen Str“ in Waldbröl ist daher eine andauernde Schande für den Oberbergischen Kreis und eine Beleidigung der Naziopfer und sie macht das „Bündnis gegen Rechts“ zur peinlichen Farce. Höchste Zeit die verhinderte Aufarbeitung durch unabhängige Historiker nachzuholen, denn die große Wirtschaftskrise steht jetzt vor der Tür, welche damals die NSDAP binnen weniger Jahre an die Macht gebracht hat.

Ukraine

Ja Herr Bundeskanzler, gut dass Sie das auch endlich gemerkt haben:

Wir befinden uns mitten in einer Zeitenwende. Und es ist höchste Zeit, endlich zu handeln, bevor wir alle im Strudel einer herannahenden globalen Katastrophe in die Tiefe gerissen werden und in dystopischen Zuständen umkommen.

Aber das ist doch nicht erst seit Putins Krieg gegen die Ukraine der Fall. Ganz klar ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg, der vom Autokraten im Kreml von langer Hand vorbereitet wurde, mit Aufrüstung, Täuschungsmanövern und Lügen. Es ist alles richtig, was voller Abscheu von Europas Politikern, den Medien und den allermeisten Bürgern zu dem eiskalten Machtpolitiker Putin geäußert wird. Nur eines nicht:

Er ist kein gemeingefährlicher Wahnsinniger, kein durchgeknallter Irrer, der sich nicht im Griff hat und seine psychische Deformation in irrationalen Gewaltakten austobt. Es ist schlimmer: Sein Handeln scheint einer eiskalten imperialen Logik zu folgen, die darauf abzielt, aus dem Chaos einer zusammenbrechenden Weltordnung am Ende als Sieger hervorzugehen.

Um das zu verstehen, müsen wir sein Handeln aus einer längerfristigen Perspektive heraus betrachten, dem näher rückenden zentralen Konflikt dieses Jahrhunderts: Den hat gerade der IPCC in seinem neuen Bericht unmissverständlich beschrieben. Durch die Folgen der fortschreitenden Klimaerwärmung und anderen Umweltzerstörungen steuert die Welt auf eine katastrophale Nahrungsmittelknappheit zu. Während mit zunehmender Geschwindigkeit Ackerböden und Weideland durch Dürren, Regenfluten, Stürme unwiederbringlich zerstört werden, wächst die Weltbevölkerung auf bald 10 Milliarden Mitmenschen an.

Dann wird die Nahrungsmittelsouveränität der entscheidende wirtschaftliche und politische Machtfaktor sein. Das Land, welches die Ernährung seiner Bevölkerung erreichen und absichern kann, wird die Welt beherrschen. Es scheint, als habe der Herrscher im Kreml diese ultimative Herausforderung fest im Blick, und als habe er in seiner Analyse die Erkenntnisse der Klimaforschung ernst genommen und zur Handlungsmaxime gemacht. Er unterliegt offensichtlich nicht der Illusion von einer „Klima-Rettung“ durch ein Weiterso mit „100% Erneuerbare“, „E-Mobilität“ und „grünem Wasserstoff“, sondern bereitet sich jetzt schon auf den Kampf aller gegen alle um die schwindenden Ressourcen vor. Wenn mehr und mehr das blanke Recht des Stärkeren aus den Kulissen der Zivilisation hervor tritt, dann will er auf jeden Fall bei den Stärkeren sein.

Unter diesem Gesichtspunkt ist die Ukraine das Faustpfand fürs Überleben überhaupt. Die wohl fetteste Beute, welche diese Welt zu bieten hat. Es ist seltsam, dass in unseren Medien und politischen Statements aller Coleur davon so gut wie nicht die Rede ist, obwohl doch seit der sogenannten „orangenen Revolution“ ein kaum verdecktes Ringen um diese „Beute“ zwischen Rußland und dem „Westen“ im Gange ist, ein Ringen, welches im Augenblick Putin mit roher militärischer Gewalt für sich entscheiden will.

Was ist es, das die Ukraine so begehrt macht ?

Die Ukraine ist reich an Bodenschätzen, nicht nur Kohle und Öl, sondern auch solchen, die für die Zukunftstechnologien von großer Bedeutung sind (siehe Anhang).

Aber unter dem Gesichtspunkt des beginnenden Welternährungsproblems sind es die riesigen Flächen allerbester Ackerböden, die angesichts der Klimawandelfolgen eine immer größere wirtschaftliche und politische Bedeutung erlangen Die Ukraine verfügt allein über ein Drittel der weltweiten Vorkommen von Schwarzerde, dem fruchtbarsten Boden der Welt. Sie gehört deshalb zu den großen Exporteuren landwirtschaftlicher Rohstoffe.

Seit jeher gilt daher die Ukraine als Kornkammer Europas und sie war schon immer Ziel der Begehrlichkeit der europäische Mächte. Das galt auch und besonders für die Nationalsozialisten.

Die SS hatte komplette Pläne für eine Neuordnung und Neubesiedung der Ukraine nach dem sogenannten „Zentrale- Orte- Modell“, mit arischen Gutsherren und ukrainischen Arbeitssklaven. Im Umfeld von Auschwitz ließ sie dafür bereits Musterhöfe errichten.

Heute kann das riesige Land mit 44 Millionen Einwohnern 650 Millionen Menschen ernähren.

Wer also über diese Böden und die anderen Bodenschätze der Ukraine verfügen kann, der wird in der Klimawandelzukunft die Welt beherrschen oder wird zumindest einer der Beherrscher sein..

Neben allen anderen geopolitischen Gründen ist dieser sicherlich der entscheidende in der Zukunft.

Es sieht so aus, als würde Putin diese globale Lebensbedrohung nicht so verdrängen wie die westlichen Politiker in ihrer Wohlstandsblase, die ja immer noch dem Selbstbetrug unterliegen, ihre rein technologisch ausgerichtete Transformation könne bei Fortbestehen der hohen Verbräuche die Klimakatastrophe verhindern oder zumindest handelbar machen.

Putin geht anscheinend davon aus, dass die Katastrophe unabwendbar geworden ist. Statt in Klimaschutz zu investieren, hat er seit Jahren zielgerichtet für dieses militärische „Landgrabbing“ seine Armee modernisiert und schlagkräftig gemacht. Jetzt setzt er sie ohne jede Rücksicht auf Völkerrecht und Menschenrechte ein, um sich diese Zukunftsbeute zu sichern und sie auf keinen Fall den kapitalistischen Investoren des Westens zu überlassen. Sein völkisches Gerede mag er vielleicht sogar ernst meinen, das harte Faktum ist aber der Kampf ums Überleben in einer Welt, die sich mehr und mehr in Richtung Dystopie bewegt. Neben zerbombten ukrainischen Städten wird die Nachkriegsordnung eines friedlichen Europas als ein weiterer Trümmerhaufen zurück bleiben

Der Schock darüber hat ganz Europa erfasst: Kriege für unsere Interessen hat es ja immer gegeben, doch der jahrzehntelang „outgesourcte“ Krieg ist mit Putin vor unsere Haustür zurückgekehrt und berechtigte Angst treibt Millionen auf die Straße.

Aber auch wenn Putins militärische Aggression zurückgeschlagen werden sollte, ist es keine Lösung, Ukraines Böden westlichen und chinesischen Investoren und dem internationalen Finanzverbrechertum zu überlassen. Das Land würde ein ständiger blutiger Zankapfel bleiben, Anschläge, Terror, Sabotage, Todesschwadrone als Dauerzustand.

Die Pandemie führt uns vor Augen, dass es keine Lösung gibt, solange nicht alle Menschen auf der Welt daran beteiligt werden und eine gewisse globale Gerechtigkeit beim Schutz vor dem tödlichen Virus geschaffen wird. So muss es erst recht sein, wenn es um den Schutz der Lebensgrundlagen in Zeiten des Klimawandels und eine einigermaßen gerechte Verteilung geht, welche den armen Völkern zumindest die nackte Existenz garantiert. Deshalb darf keine Seite im Ukraine-Konflikt die Alleinherrschaft über diese Böden bekommen, welche für das Überleben der ganzen Menschheit von so enormer Bedeutung sind.

Mein Vorschlag wäre, das ukrainische Ackerland und seine Nutzung unter die Herrschaft einer neu zu schaffenden UNO Organisation zu stellen, welche die für die Menschheit unverzichtbaren Lebensgrundlagen vor zerstörerischer Ausbeutung und kapitalistischen Verwertungs- und Profitinteressen schützt. Als eine andere, „ökologische“ Art von „Welterbe“.

Die Schwarzerde müsste Gemeineigentum der Ukraine werden, deren Nutzung könnte auf Zeit unter klaren ökologischen und sozialen Auflagen auch an Private vergeben werden. Die Bewegung der „Bodenreformer“ aus dem 19.Jahrhundert könnte als Vorlage dienen. Die hatten eine Art Zwischending zwischen Christentum und Kommunismus zum Ziel: Der Boden und seine Schätze müsse allen gehören, Privateigentum wäre das, was die Nutzer auf Zeit damit erwirtschaften. Unter dieser Voraussetzung könnte die Ukraine in der EU aufgenommen werden, ohne dass Russland sich existentiell bedroht fühlen müsste. Heute aber käme der EU Beitritt dem Ausverkauf der Böden an westliche, chinesische oder saudi-arabische Agrarkonzerne und Finanzspekulanten gleich, die seit der „orangenen Revolution“ darauf lauern und drängen, dass das bestehende Verkaufsverbot von Land an ausländische Investoren endlich freigegeben wird.

Und dann müssen sich alle Kräfte auf Klimaschutz und Anpassung richten. Wer den neuen Bericht des IPCC nur halbwegs ernst nimmt, muss erkennen, dass die zu erwartenden Zerstörungen, Hungersnöte, Flüchtlingsströme, verbunden mit ständigen Kriegs- Terror- und Gewaltorgien, Putins schrecklichen Krieg gegen die Ukraine weit in den Schatten stellen werden. Klima- und Umweltschutz stehen heute auch im Zentrum echter Friedenspolitik.

Wenn denn schon dauernd von „Wahnsinn“ die Rede ist: Die panische Reaktion von Regierung und Parlament, für gepumpte 100 Milliarden ab sofort militärisch aufzurüsten, wird die Treibhausgasemissionen derart erhöhen, dass die ohnehin unzureichenden Klimaschutzpläne endgültig zu Makulatur werden. Nichts wird dadurch sicherer, nichts friedlicher, für keinen Menschen auf der Welt, im Gegenteil: Deutschlands Militäretat wird zwar größer als der russische, aber ohne jede Chance, eine gleichstarke konventionelle Armee zu schaffen. Deshalb rückt der alte Traum deutscher Militaristen von der eigenen Atomaffe in greifbare Nähe.

Es ist daher allerhöchste Zeit, bei der „Transformation“ den ersten Schritt nicht länger zu übergehen: Eine drastische Reduzierung der Verbräuche, ein Verbot von Luxusprodukten und Überkonsum, eine neue materiell sparsame Lebensweise in den Wohlstandszonen der Industrieländer, eine Überwindung der kapitalistischen Ungleichheit in all ihren Ausformungen.

Auch wenn der Lohn für den Wohlstandsverzicht nur die Chance ist, dass unsere Kinder und alle anderen auf der Welt immer noch ein würdiges Leben führen und nach Glück streben können: Lehrt uns doch Putins kriegerischer Raubzug erneut, dass die materiellen Lebensgrundlagen hierzulande nicht zuletzt um des Friedens willen auf das Notwendige zurückgeführt werden müssen.

Auch in diesem Krieg gibt es nicht hier den Schurken und da die Guten. Es gibt gar keinen Guten in diesem Konflikt, alle direkt oder indirekt Beteiligten gieren nach derselben Beute, auch „wir“. Menschenrechte und Werteordnung treten alle mit Füßen, sobald es ans wirtschaftlich Eingemachte geht, auch vor völkerrechtswidrigen Angriffskriegen schreckt keine Seite zurück. Ich erspare mir hier schon aus Platzgründen, allein die vom Westen angezettelten alle aufzuführen oder etwa unsere KZ-artigen Flüchtlingslager an den EU Außengrenzen näher zu beschreiben.

Annalena und Olaf sind also keineswegs plötzlich in einer „anderen Welt“ aufgewacht. Putin hat sie nur abrupt aus dem verlogenen westlichen Traumgebilde gerissen, wir lebten in einer friedlichen, humanen, an Menschenrechten orientierten Zivilisation. Als sie erkannten, dass er an unseren Wohlstandspelz will, flog die sogenannte Wertordnung und die „Werte basierte Außenpolitik“ wie Müll in die Tonne und schlagartig bleckte unsere konsum-kapitalistische Ausbeutergesellschaft dieselben militärischen Haifischzähne wie der Teufel Putin. Das ist nicht der Hauch einer Entschuldigung für dessen Eroberungskrieg, es ist nur ein realistischer Blick auf den Zustand der Welt.

Wie „Exstinction Rebellion“ oder der „Aufstand der letzten Generation“ gehe ich nicht davon aus, dass echter Klimaschutz sozusagen im letzten Moment noch durch Vernunft und Einsicht zustande kommt. Das Totalversagen der Grünen in der Ampel hat das endgültig klargestellt. Die verbliebene Zeit zur nötigen Radikalumkehr läuft davon und offensichtlich sind Widerstandsaktionen, Blockaden und Sabotage notwendig, um den Stopp und die Wende auf dem „Highway to Hell“ quasi kurz vor Toresschluss noch zu erreichen: Das Abrüsten in der Wirtschaft, beim Konsum und bei den Bedürfnissen in unseren Hirnen und Seelen, bis ein halbwegs nachhaltiger und gerechter Zustand erreicht ist, Dann ergäbe die militärische Aufrüstung nicht einmal mehr einen scheinbaren Sinn.

Leserbrief zu den Artikeln „Ich habe mich genauso täuschen lassen“ und „Paralysiert, entsetzt und fassungslos“

Jetzt reicht es aber, Herr Dechant Bersch! Da kann ein Priester über Jahrzehnte abscheulichste Verbrechen an Kindern in Serie begehen und keiner merkt was? Auch nicht, nachdem solche Vorwürfe im Raum standen? Es habe bei Ihnen und den Gemeindemitgliedern aus „Naivität“ eine „gewisse Blindheit“ geherrscht, sie seien durch einen „perfiden Plan“ des Täters „getäuscht worden“? Also Opfer Nr. 1 die vergewaltigten Kinder, Opfer Nr. 2 das arglose Kirchenvolk und der Klerus?

2019 haben Sie per Mail einen Disput mit mir angefangen, weil ich in Leserbriefen „steile Thesen“ zu Luthers Antisemitismus verbreitet hätte. Bei der Gelegenheit haben Sie sich die „68er“ vorgeknöpft und uns für üble gesellschaftliche Fehlentwicklungen und Sittenverfall verantwortlich gemacht.

Voller Wut ob dieser Arroganz habe ich Ihnen entgegengehalten, dass wir „68er“ bereits 1970 die ersten misshandelten und vergewaltigten Jungen aus dem Kölner Don Bosco Heim in unserer Wohngemeinschaft aufgenommen und für ihre Rechte gekämpft haben. Und dass seitdem Jahr für Jahr immer wieder solche geschundene Menschenkinder von der Domplatte zu unserem SSK kamen. Und dass auch hier in Oberberg allein gelassene Opfer kirchlicher sexueller Gewalt leben. Es seien z. B. Zöglinge aus dem Eckenhagener Josefsheim und Jungen aus dem Gummersbacher Kinderheim, die von Nonnen zu widerlichen sexuellen Handlungen gezwungen worden sind. Einer von diesen habe mir berichtet, wie schwer er bis heute an dem Trauma leidet.

Haben Sie gefragt, ob ich für Sie Kontakt zu diesem Mann herstellen kann ? Ob er vielleicht die Namen weiterer Opfer nennen kann, damit Sie als Vertreter der Täterorganisation zumindest noch den Versuch einer späten Hilfe unternehmen können? Nichts dergleichen!

In Eckenhagen musste sich der Heimleiter gegen das Erzbistum durchsetzen, um „Missbrauchs“-Opfern bei der Glaubhaftmachung ihrer Leiden mit den Heimakten behilflich zu sein. Für die Chance, vom Milliarden schweren Erzbistum 5000 Euro zu erhalten. Lebenslängliche Seelenqual entspricht bei diesen empathiefreien Funktionären in der Schadenshöhe also etwa einer Schramme an der Luxuskarosse des Kardinals!

Das Kinderheim an der Singerbrinkstraße, übrigens eine Stiftung für Waisenkinder, stand jahrelang leer, bis wir vom SSK in den 80ern das gut erhaltene Haus besetzt haben. Ein Mietangebot lehnte das Erzbistum ab und ließ nach Monaten in einer brutalen Aktion die Bewohner in aller Herrgottsfrühe auf die Straße setzen und das Haus sofort abreißen, das persönlichen Eigentum der Menschen lag unter den Trümmern. Ihr Vorgänger Herweg dazu: „Jesus hätte es genauso gemacht“!

Solche Eiseskälte erfahren die Opfer immer noch von der Kirche. So schwärmt der Katholik Paul Kalbhen noch heute von Pfarrer U.s „charismatischer Persönlichkeit“ und seinen „ befreienden Messfeiern“ und findet kein Wort der Scham. „Paralysiert“ und „entsetzt“ sind Sie, weil ein Richter endlich einmal die skandalöse Paralleljustiz der Kirche ignoriert und einen der verbrecherischen Priester auch wie einen gewöhnlichen Verbrecher behandelt, mit U-Haft und Handschellen. Und weil meine frühere Kirche jetzt am Abgrund steht, in dem ihr verdorbener klerikaler Teil besser heute als morgen verschwindet.

Podcast

„Vom Wachsaal in die Gemeinde – 45 Jahre deutsche Psychiatrie – na und?“

So der Titel des Podcasts von Klaus Jansen-Kayser. In der aktuellen Folge „Widerstand beschleunigt Reform“ durfte ich mich über den SSK ausbreiten.  Nach dem ganzen Nazischeißdreck tut so ein bischen Angeberei einem alten linken Stänkerer wie mir auch mal gut.

 

Leserbrief zum Artikel „Staatsschutz ermittelt wegen „Oberberg bewegt“

 

Mein Leserbrief zu den Demos im „ Spaziergänger-Mekka“ Gummersbach hat heftige Reaktionen hervorgerufen, weil ich darin behauptet habe, dass hunderte Rechtsradikale und Nazis mit marschieren (leider ein unpassendes Wort) und eine Parallele zur Nazizeit gezogen habe. Freunde informierten mich, dass ich bei „Oberberg bewegt“ auf Telegram beschimpft, bedroht und als Pädophiler hingestellt werde. Eine Mail droht mir wegen „Rufmord“ „mögliche Konsequenzen“ an, falls ich nicht widerrufe, eine andere eine „gerechte Strafe von OBEN“ und „KEINE GNADE VON GOTT!!!“ für mich als „Lügner und Volksverhetzer“. Friedliche „Spaziergänger“ ?

Erschrocken bin ich darüber, dass Menschen dabei sind, die ich als aufrichtig und ehrlich kenne, zum Teil solche aus der links-grünen Szene, der ich mich selbst zurechne. Sie fühlen sich von mir in die „rechte Ecke“ gestellt und werfen mir vor, auf die Seite der Mächtigen übergelaufen zu sein. Ich hatte aber zwischen Rechtsradikalen, „Verpeilten“ und ernsthaft Besorgten unterschieden und zähle mich als Gegner einer generellen Impfpflicht zu Letzeren, halte aber (berufliche) Einschränkungen für Ungeimpfte für notwendig. Der Regierung werfe ich vor, dass sie wie beim Klima Vorwarnungen ignoriert hat und unvorbereitet in ihre chaotische und krass unsoziale Coronapolitik gestrauchelt ist. Unserer kapitalistisch beschädigten Demokratie stehe ich kritisch gegenüber, aber selbst bei Impfpflicht wäre sie (noch?) KEINE Diktatur! Das liesse sich leicht mit einer Demo in Belarus testen.

Erschreckend finde ich, wie wenig Wissen über den NS und seine Ideologie bei vielen gebildeten Mitbürgern vorhanden ist. Sonst wüßten sie, dass man der großen „Weltverschwörung“ nur „jüdisch“ beifügen muss oder von „Umvolkung“ palavern, und schon mitten im Nazigeist angekommen ist. Mich erinnert dieses Wegschauen und Verharmlosen fatal an ein Theaterstück, bei dem ich Anfang der 60er im Wüllenwebergymnasium unter Regie von Herbert Heitmann, dem späteren Landrat, mitgespielt habe: „Biedermann und die Brandstifter.“

Das Resultat des NS-Totschweigens sehen wir heute auf der Straße. Bei nur 10 % Rechten (Innenminister Reul) wären es hier schon fast 200, es sind sicher mehr. Allein Oberbergs Polizei hat „keinerlei Hinweise“. Muss einem nicht bange werden bei dem Gedanken, dass der Präsident dieser blinden Polizei in seiner Eigenschaft als Landrat gerade eben verhindert hat, dass endlich mal unabhängige Historiker Licht in Oberbergs braune Vergangenheit bringen?

 

Zur Ergänzung und nicht Bestandteil des Leserbriefs:

Bei der letzten Demo in Gummersbach waren 500 Teilnehmer weniger dabei, aber anfangs 75% von ihnen demonstrativ ohne Maske, nach Lautsprechermahnungen des Ordungsamts immer noch 50 %. Das spricht für eine sehr große Zahl Rechter, die jetzt auch von auswärts nach Gummersbach kommen, das inzwischen bundesweit als ein „Spaziergänger- Hotspot“ gilt; so in der Sendung Hart aber fair. Extremismusforscher behaupten, dass die „Spaziergänge“ von denselben Rechtsradikalen im Hintergrund organisiert werden wie Pegida und Querdenker.

 

Leserbrief zum Artikel „Nicht alle hielten sich an Maskenpflicht und Abstand“

 

In Deutschland haben sich am Montag nach Polizeiangaben ca 23 000 Menschen an den „Anti-Impflicht-Demos“ beteiligt und in Köln ist man alarmiert, weil die Zahl der Demonstranten auf 500 angestiegen ist. Allein in Gummersbach waren es aber zum zweiten Mal 1600, diesmal sogar bei strömenden Regen!

Zufall ? Wohl kaum. In der heterogenen Gruppierung der„Spaziergänger“ gibt es neben ernsthaft Besorgten und „Verquer“-Verpeilten viele, teils hochaggressive Angehörige rechter Gruppen. Es ist also wieder soweit, dass hunderte Rechtsradikale und Nazis auf oberbergischen Straßen marschieren und demonstrativ auf Maskenpflicht und Abstandsgebot pfeifen.

Und die Polizei ? Erst kann sie nur 750 Teilnehmer erkennen. Als man aber nicht mehr übersehen konnte, dass es mindestens doppelt so viele waren, hätte sie wegen der Regelverstöße die Demo auflösen müssen. Doch es blieb bei ein paar Personalienfeststellungen. Derartig nachsichtig – sensiblen polizeilichen Umgang mit Regelverstößen und -Verstoßern kennt man eher nicht bei Demos gegen AKWs oder Braunkohleverstromung, da gilt „Kurze Fuffzehn“ und es hagelt z.T. harte Strafen.

Mir fällt dazu ein, dass Oberberg ja schon mal als extrem rechtslastig auffällig geworden ist: Anfang der 1930er Jahre, als die NSDAP im heutigen Kreissüden die größten Erfolge weit über das Rheinland hinaus feierte. Als die SA die Straßen beherrschte,die Polizei auf dem rechten Auge blind war und in Kirchen Luthers antisemitische Hetze gepredigt wurde. Als Mord-und Totschlag gegen Juden, Roma, Kranke und Andersdenkende „normal“ wurde.

Und dass Nazitäter und Quellen für den braunen Ungeist immer noch beschwiegen werden und dass Kreistag und Kirche es auch 2022 noch ablehnen , durch unabhängige Historiker Licht in dieses gefährliche Dunkel zu bringen. So aber kann der NS nicht aufgearbeitet werden und „der Schoß bleibt fruchtbar noch, aus dem das kroch“. Siehe oben! Wenn jetzt auch noch wie damals die große Wirtschaftskrise kommen sollte, dann Gnade uns Gott.

Peter Trechow
Gneisenaustr. 43/43
10961 Berlin

Kölner Stadtanzeiger/ Kölnische Rundschau Lokalredaktion Gummersbach
Frank Klemmer (Redaktionsleiter) Kaiserstr. 1
51643 Gummersbach

Berlin, 06.Januar 2021

Leserbrief zum Komplex NS-Aufarbeitung; Oberbergischen Kreis und die Anregungen des Bürgers Lothar Gothe

Sehr geehrter Herr Klemmer,

als gebürtiger Bergneustädter, der seit 1989 in Berlin lebt, fühle ich mich dem Oberbergischen Land nach wie vor verbunden. Entsprechend schaue ich immer mal wieder auf ihren Webseiten vorbei und informiere mich, was in der alten Heimat vor sich geht. Als historisch interessierter Mensch habe ich aufgemerkt, als ich von Lothar Gothes Anregungen zur Aufarbeitung der NS-Geschichte gelesen habe. Ich bin dann auf dessen Webseiten gestoßen und habe dort weitergelesen.

Der Oberbergische Kreis kann – und sollte (!) – sich glücklich schätzen, einen solchen Unruhestifter zu seinen Einwohnern zu zählen. Der große, im Juli 2020 verstorbene US-Bürgerrechter John Lewis hat oft darauf hingewiesen, wie wichtig „good troube“ für das gesellschaftliche Fortkommen ist. Lothar Gothe ist im engsten und im besten Sinne das, was man unter einem Good Troublemaker versteht.

Als ich in den 1980er Jahren zum Wüllenweber Gymnasium Bergneustadt ging, lehrte dort der leider früh verstorbene Heinz-Wilhelm Brandenburger Geschichte. Er hat uns von seinen Recherchen zu Ley-Land. Dr. Robert Ley und der Nationalsozialismus im Oberbergischen berichtet. Vom sehr frühen Erstarken der NSDAP im Oberbergischen Kreis. Von Gestapo-Folterungen in der Tropfsteinhöhle in Wiehl. Und davon, das er auch in den 1980er Jahren noch in mancher Wohnstube auf Portraits des Führers gestoßen ist. Alte Nazis habe auch ich kennengelernt, als ich als Jugendlicher Mitglied im Kaninchen-Züchterverein war. Sie haben sich absolut positiv auf Hitlers Autobahnen, auf Recht und Ordnung und „diese gute Zeit“ bezogen – ohne Scham. Sie waren es gewohnt, so zu reden. Und es war in den 1980er Jahren absolut nichts Ungewöhnliches, von den Türken auf dem Hackenberg als

„Kanacken“ zu sprechen. „Kanackenhügel“ nannten sie den Hackenberg abfällig. Widerlich. Damals wie heute. „Knoblauchfresser“ für Spanier, Griechen und Italiener. Ist mir in den 1970ern ständig begegnet. Und wehe, die „klauenden Zigeuner“ kamen in die Stadt und campierten am Bisterfeld Stadion…

Die Fragen, die Lothar Gothe aufwirft, sind Fragen, auf deren Klärung ihre Redaktion drängen sollte, statt sie zurückzuweisen. Es gibt auch 2021 viele Gründe zur Nachforschung, warum sich die Nazis in Oberberg so früh und nachhaltig etablieren konnten. Warum Nazis nach der Befreiung am 08. Mai so leicht wieder in Ämter kamen. Herr Pomykaj schreibt in seinem offenen Brief an Lothar Gothe über seine Studie: „Das Hauptergebnis war, dass bis in die 1980er Jahre wichtige Funktionen in der Kreispolitik und Kreisverwaltung von ehemaligen Mitgliedern der NSDAP besetzt waren“. Und noch

viel schlimmer und für mich so noch nie gehört lesen sich seine Zeilen: Die große Mehrheit wollte keine Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen und eine Entfernung von NSDAP-Mitgliedern aus ihren Ämtern. Als KPD und SPD bei den Kommunalwahlen 1946 eine „Entbräunung“ gefordert haben, haben sie krachend verloren. Noch 1947 ergab eine Umfrage in Westdeutschland, dass 55 Prozent der Bevölkerung den Nationalsozialismus als gute Sache ansahen, die nur schlecht gemacht worden sei.

Goldenbogen und andere mussten keine Aufarbeitung verhindern, sondern sie erfüllten damit den Wunsch der Bevölkerungsmehrheit. Kein Wunder, denn mehr als 80 Prozent der Lehrer und Ärzte waren ehemalige Parteimitglieder; die Verwaltungen wären ohne sie zusammengebrochen“.

Diese Generation hat also in zweifacher Hinsicht versagt. Sie hat dem mörderischen NS-System treu gedient, sie hat den Vernichtungskrieg und den Massenmord (ich gehe in Berlin täglich an Dutzenden Häusern vorbei, vor denen Stolpersteine von den abgeholten und ermordeten jüdischen Bewohnern zeugen) mitgetragen – und sie hat sich danach aus ihrer historischen Verantwortung gestohlen. Eine gute Sache, die nur schlecht gemacht worden sei??? War das sagt, findet den Massenmord OK. Hat das Gift der Rassenlehre noch in den Adern. Den harten Kruppstahl und das zähe Leder noch als die Ideale der Männlichkeit im Sinn. Mit der Stunde Null war gar nichts vorbei. Das ideologische Gift war tief eingedrungen. Es hat geprägt, wie diese Generation ihre Kinder erzogen hat. Wie sie Disziplin und Versagen definiert hat. Wie sie selbst und wie wir als die Erzogenen Fremden begegnen. Wie tief in den Köpfen antisemitische Muster noch heute sind.

Aktuell erleben wir wieder so eine verschwörungsideologische, im Kern antisemitische Welle. Eine finstere Macht soll Corona nutzen, um uns mit Impfstoff zu vergiften. Endziel: Die Weltbevölkerung dezimieren. Wer nachfragt, wer denn diese Macht sein soll, die USA, Europa, Asien und Russland in den Coronamaßnahmen hinter den Kulissen eint und die Strippen zieht, der landet bei George Soros. Der ewige Jude. Die Verschwörung.

Es hört nicht auf. Und es hat nie aufgehört – auch weil lästige Fragesteller, die „Good Troublemaker“ abgewimmelt wurden und werden. Wenn Sie nun Gothes Leserbrief zum Artikel „Wenige Antworten auf Gothes Fragen“ nicht drucken, weil er selbst Protagonist in dieser Angelegenheit ist, sollten Sie auch keine Stellungnahmen von Landrat Jochen Hagt mehr dazu drucken. Denn wie dieses Fundstück [https://www.obk.de/cms200/aktuelles/pressemitteilungen/2007/04/artikel/2007-04-20_todestag_dr_goldenbogen.shtml] aus dem Jahr 2007 zeigt, ist auch er kaum als unabhängig im Fall Goldenbogen zu bezeichnen. Auf dessen NS- Verwicklungen und Seilschaften (Klausa, Peiner) hat Herr Gothe ausführlich hingewiesen. Da klingt das Zitat „ein Mann der ersten Stunde“ samt Blumenstrauß am Grab erschreckend unreflektiert.

Natürlich ist es unbequem, sich diesen Fragen und Fakten zu stellen. Aber wenn wir es nicht schaffen, die NS-Strukturen zu benennen und nachvollziehbar zu machen – und uns den teils bis zum heutigen Tag wirksamen Kontinuitäten zu stellen, dann bleiben der nächsten und übernächsten Bewegung von Faschisten und antisemitischen Verschwörungstheoretikern Tür und Tor geöffnet. Es ist geschehen.

Folglich kann es wieder geschehen. Gelesen haben diese Zeilen von Primo Levi viele. Aber wer hat sich ernsthaft die Mühe gemacht, es wirklich zu ergründen? – Ich möchte Sie hiermit ausdrücklich ermuntern und auffordern, der Diskussion um die oberbergische NS-Vergangenheit in ihrem Blatt Raum zu geben und die sperrigen Einwände von „Troublemaker Gothe“ aufzugreifen. Denn genau das ist ein Weg, um der Mahnung Primo Levis gemeinsam und öffentlich auf den Grund zu gehen. Es wird Oberberg gut tun. Denn der einzige Sinn, den wir den monströsen Verbrechen dieser Zeit geben können, ist es, die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen. Es kann wieder geschehen, wenn wir nicht alles daran setzen, aus dieser Zeit zu lernen – und versäumte Lehren nachzuholen.

Mit freundlichen Grüßen Peter Trechow

PS: Dass ich Ihnen am Jahrestag des Sturms auf das US-Kapitol (angeführt von bewaffneten Faschisten wie den Proud Boys, Oath Keepers und Boogaloo Bois/ aufgewiegelt von Antidemokraten, die ein juristisch durch alle Instanzen bis hin zum Supreme Court bestätigtes Wahlergebnis zu Fall bringen wollten) schreibe, ist Zufall. Aber es zeigt sehr aktuell, das Wachsamkeit das Gebot der Stunde ist.