Archiv der Kategorie: Antisemitismus

„Nicht der allerschlimmste Nazi“?

Anmerkungen zu dem Buch: „Friedrich Wilhelm Goldenbogen – Ein Leben für den Oberbergischen Kreis“, mit dem der Kreis ihm 1979 zu seinem Ruhestand Dank abstatten möchte „für seine Arbeit, für seine Treue und für seine Pflichterfüllung“.

Dieses Buch ist eine außergewöhnliche Ehrung mit 20 Beiträgen verschiedenster Honoratioren vom Regierungs-präsidenten Antwerpes bis zum Banker Herrmann Josef Abs: Lauter Huldigungen, in denen nur ab und zu mal leise Kritik aufscheint an seinem autoritären Regierungsstil.

Heute wissen wir, dass Goldenbogen ein belasteter Nazi war, nicht nur Mitglied in der NSDAP, sondern auch in der SA, im NS Rechtswahrerbund und der NS-Altherren. Im Buch ist davon in keiner Zeile die Rede, auch nicht in dem langen Interview, in dem Goldenbogen quasi eine Bilanz seines Lebens seit März 1945 zieht. Da tauchte er als Wehrmachtshauptmann mit seiner Truppe im Oberbergischen auf und der Pommer schaffte es, den 8.Mai nicht als Kriegsgefangener, sondern mit neuen Papieren als frisch gebackener Oberberger in einer Anstellung als Regierungsassessor zu erleben. Ein halbes Jahr später begann seine Karriere als Oberkreisdirektor, zuerst von der Militärregierung auf Empfehlung von August Dresbach eingesetzt, später gewählt.

Ich habe das Buch und insbesondere das lange Interview mit Goldenbogen daraufhin angeschaut, in welcher Weise sich die Beteiligten und Goldenbogen mit der nationalsozialistischen Vergangenheit auseinandergesetzt haben. Und so gut wie Nichts gefunden! Durchgängig wurde der 8.Mai als „Zusammenbruch“, „totaler Zusammenbruch“ oder immer wieder als „Stunde Null“ bezeichnet. Als hätte man an diesem Tag eine Lösch-Taste gedrückt und alles, was davor existierte, verschwand spurlos. Natürlich ist viel die Rede von Kriegsfolgen, Not, Flüchtlingen usw, aber es gibt nicht die geringste Andeutung deutscher Kriegsschuld oder der Naziverbrechen. Alles gelöscht! Das Interview fand aber nicht 1946 oder Anfang der 50er statt, als man sich rundum gegenseitig versichern konnte, von nichts gewußt zu haben, sondern 1979, als der Holocaust, der Vernichtungskrieg im Osten, die Verbrechen der SS, SA, Gestapo etc. allgemein bekannt waren. Aber der SA-Mann und Wehrmachtshauptmann findet kein einziges Wort des Bedauerns oder gar der Reue und auch für den Interviewer ist das kein Thema.

Einmal wird das Wort „Jude“ erwähnt:

Als ich hier anfing,wurde überall erzählt: ‚Jetzt sind die Juden gekommen‘. Man hielt mich auf Grund meines Namens für einen Juden! Ich habe darüber gelächelt. Schwierigkeiten gab es deshalb aber nicht.“

Auch Zwangsarbeiter kommen einmal vor:

Bei seinem Marsch zur Unterkunft beim Unternehmer Schmidt sei ihm „mulmig“ geworden, als er am Stahlwerk von Schmidt & Clemens vorbeikam. „Die Fabrik war mittlerweile zum Ausländersammellager geworden. Es wimmelte von Russen, Polen und anderen Männern aus aller Herren Länder, die als Zwangsarbeiter ins Oberbergische gekommen waren. Alle waren bewaffnet, kein schönes Gefühl für mich.“

Mit einem Juden verwechselt, wie komisch. Zwangsarbeiter, eine bedrohliche Zusammenrottung von Ausländern. Er wußte natürlich von den Verbrechen an beiden, aber in seiner Lebensbilanz war deren Schicksal keiner Erwähnung wert. Man könnte daraus schließen, dass er völlig gefühlskalt und empathieunfähig war. Doch weit gefehlt, denn an anderer Stelle zeigt er tief empfundenes Mitgefühl:

„… wenn wir nicht weiterkamen in dieser Notzeit, sind sie zu den Alliierten gegangen und haben für Hilfe gesorgt. Herr Hurtz (Dechant) und Herr Fach (Superintendent) haben damals manches menschliches Schicksal positiv beeinflusst. Dies betrifft vor allem Leute, die in der NSDAP waren.

Die beiden Geistlichen haben in solchen Fragen nie die politische, sondern immer die menschliche Seite in den Vordergrund gestellt. Das war außerordentlich wichtig, in dieser Zeit Menschlichkeit zu zeigen.“

So sieht die „Menschlichkeit“ eines in meinen Augen unverbesserlichen Nazis aus, der sein früheres Leben für Führer, Volk und Vaterland zwar unter dem allgemeinen Teppich des Verschweigens entsorgt hat, in dem aber nach wie vor offensichtlich eine Art emotionaler Antisemitismus und Rassismus fest verankert blieb: Morde und Folter an den Untermenschen lösen beim Herrenmenschen kein sonderliches Mitempfinden aus, sind ihre Opfer doch lange genug durch Propaganda entmenschlicht worden, indem sie z.B wie die Juden ständig als Ratten dargestellt wurden und immer wieder vor ihnen als existentielle monströse Bedrohung gewarnt wurde. Schließlich waren die seelisch deformierten Täter in der Lage, die ausgegrenzten Menschen so ungerührt zu quälen und töten wie der Bauer die „Schädlinge“ auf dem Feld. (Das Zyklon B in Auschwitz war ja auch eigentlich ein landwirtschaftliches „Schädlingsbekämpfungsmittel“).

Ganz anders sieht es aber für den Herrenmenschen aus, wenn einem der seinen „Böses“ zugefügt wird, und sei es auch nur eine drohende Entlassung aus dem Öffentlichen Dienst wegen einer Nazi-Belastung. Gegen solche „Unmenschlichkeit“ eilt ihm sogar die Geistlichkeit zu Hilfe.

Liegt es denn nicht nahe, diese krasse Diskrepanz in Goldenbogens Gefühlswelt der gespaltenen „Menschlichkeit“ auf ein innerliches Fortwirken des Nazirassismus zurückzuführen?

Bei Goldenbogens SA- und Hauptmann-Kameraden Klausa ist genau dasselbe festzustellen: Einerseits sensibel und gefühlvoll der Familie oder der adeligen Sekretärin gegenüber, andererseits vollkommen gleichgültig und untätig gegenüber dem jahrzehntelangen Elend der Insassen seiner Psychiatrien und Heime, die er vor der „Stunde Null“ noch als „Entartete“ bezeichnet hatte.

Es gibt verblüffend viele weitere Parallelen mit Klausa, der ja ohne Goldenbogens Unterstützung kaum Landesdirektor geworden wäre. Der nordrhein-westfälische Landkreistag fungierte dabei wie ein informelles Netzwerk, über das hochrangige NS-Funktionsträger mit Spitzenjobs im öffentlichen Dienst versorgt wurden.

Der LVR-Kulturdezernent und Hofliterat Hartung schrieb zu Klausas Verabschiedung, dass der („ein Rassepferd unter Ackergäulen“) sich „schwer tat mit der Demokratie“. Klausa schlug allen Ernstes in den 60ern ein „Ver- waltungsplanspiel“ vor, wonach das Parlament alle Gesetzesvorlagen zuerst der Verwaltung hätte vorlegen müssen, um es vor der Verabschiedung auf seine Durchführbarkeit hin zu prüfen. Von wegen Gewaltenteilung! In dem Buch zu Goldenbogens Abschied findet sich folgende Passage aus der Feder dieses begnadeten Elogen-schreibers, die ein – sicherlich unbeabsichtigtes – Schlaglicht auf das Demokratieverständnis des Geehrten wirft:

Goldenbogen war stets frei von kleinlichen Bedenken, Ängsten und Zaudern. Was ihm vernünftig erschien, boxte er durch.

Freilich, die Art seiner Verhandlungsführung als Ausschussvorsitzender hat ihm nicht nur Freunde gemacht. Bei jedem Zusammentritt eines neuen Ausschusses muckten die „jungen Leute“ auf; sie waren oft ahnungslos und fühlten sich „verschaukelt“, wenn langes Palavern kurzerhand erstickt wurde. Dem Vorsitzenden ging es weniger um langatmige Diskussionen als um Entscheidungen. Kleinkariertheit im Denken, wie es oft in Diskussionen deutlich wird, war ihm ein Greuel.“

Die von den Nazis gezeigte Verachtung des Parlaments als „Schwatzbude“ und „Weimarismus“ scheint bei beiden Herren also durchaus noch akut gewesen zu sein. Bei beiden war die Effizienz reibungslos funktio-nierender Verwaltungsapparate die oberste Maxime, darauf beruhten ihre Erfolge auf wirtschaftlichem Gebiet, für die sie über die Maßen geehrt wurden.

Diese Effizienz war auch den Nazis eigen, sie kann vielen Herren dienen und ist kein Wert an sich. Klausa hat die früher so genannten “Ballastexistenzen“ in Heimen und Psychiatrien jahrzehntelang menschenunwürdig, aber kostengünstig weggesperrt, Goldenbogen schreckte bei der rücksichtslosen Durchsetzung von Wirtschafts- und Unternehmerinteressen nicht einmal vor strafbaren Handlungen zurück.

Dazu werde ich eine Dokumentation über die Geschichte der Othetaler Spinnerei vorlegen, die von Ende der 40er bis in die 70er keinen einzigen Tag legal gearbeitet hat, ungehindert Schwarzbauten errichten konnte und unter den Augen der Behörden durch ungeklärte Abwässer den Othebach vergiften durfte bis dieses Umweltverbrechen in den 70ern durch eine Bürgerinitiative gestoppt wurde. Goldenbogen war rundum zuständig: Als Chef der Baubehörde für die Duldung der Schwarzbauten, als Chef der Unteren Wasserbehörde für die Duldung der Gewässervergiftung, als Vorsteher des Aggerverbands für die Manipulation der Gewässerproben durch dessen Labor, als Polizeipräsident für die Nichtverfolgung schwerer Umweltstraftaten. Diese Miß- und Verachtung des Rechtsstaats gipfelte darin, dass er anläßlich der Gründung der Bürgerinitiative durch den Leiter der Unteren Wasserbehörde mit dem Gewässervergifter vereinbaren ließ, die stinkende Giftbrühe nur noch „ nachts abzulassen“. Der Unternehmer wurde dank Bürgerinitiative bestraft, die Verfahren wegen Strafver-eitelung im Amt gegen die Beamten zögerte die Staatsanwaltschaft so lange hinaus, bis die absolute Verjährung eintrat.

Goldenbogen hatte sämtliche wirtschaftlichen Machtpositionen – sicher mehr als 20 – in Oberberg besetzt, bei Agger- und Abfallverband, Sparkasse, OVAG, LVR, Rheinischer Sparkassen- und Giroverband, usw. usw, an ihm kam keiner vorbei. Sein Wirken als RWE Aufsichtsrat lobte Big Boss Abs in höchsten Tönen, so bei der Erweiterung des Braunkohletagebaus. Nur ein einziges Gross-Projekt sei ihm mißlungen, bedauerte Goldenbo-gen, nämlich die oberbergischen Abfälle in der Braunkohlegrube zu „entsorgen“.

So wie der Altnazi Klausa die Menschenrechte der Anstaltsinsassen systematisch verletzen ließ, so hebelte der Altnazi Goldenbogen die Umweltgesetze zugunsten des Industriellen einfach aus. Wäre es nicht angebracht, diese Vorgänge daraufhin zu untersuchen, ob hier nicht noch im Verborgenen eine Rechtsordnung wirksam war, in der vor 45 eben nicht alle Menschen vor dem (völkisch ausgerichteten) Gesetz gleich waren und in der es erklärtermaßen Vorrechte für „Herrenmenschen“ gab ?

Dass sicherlich sehr viele Menschen das Durchgreifen dieser „starken Männer“ auch gegen die Gesetze gut fanden, wenn es um wirtschaftliche Vorteile ging, macht es nicht besser. Es beweist ja nur, dass hinter den demokratischen Kulissen noch weitgehend sowohl das „Führerprinzip“ als auch der zugehörige „Unter-tanengeist“ herrschte. Und noch herrscht?

Der anwachsende Rechtsradikalismus zeigt, dass es höchste Zeit ist, die unterlassene Aufarbeitung nachzuholen.

Einwohnerfrage

Lothar Gothe
Eckenhagenerstr. 33
51702 Bergneustadt

An den Kreistag des OBK
Herrn Landrat Hagt

2. Nov. 2021

Einwohnerfrage

Auf Betreiben des ehem. OKD Goldenbogen wurden Anfang der 50er 4 Gemälde des Malers Werner Peiner für den Sitzungssaal des Kreistages angekauft.

  1. Wie hoch war der Kaufpreis ? Wie hoch war der Anteil von eingeworbenen Sponsorengeldern?
  2. War dem Kreistag bekannt, dass es sich bei Peiner um den früheren Leiter der Herrmann-Göring- Meisterschule in der Nähe der „Ordensburg“ Vogelsang handelte, der von Adolf Hitler aufs Höchste geehrt und in den erlauchten Kreis der „ Gottbegnadeten“ aufgenommen worden war ?
  3. Wenn ja: Gab es im Kreistag deshalb Kritik an diesem Kauf?
  4. OKD Goldenbogen hat den „Blut-und-Boden“-Maler Peiner seit der Entlassung aus dem Internierungslager in einem so außergewöhnlichen Ausmaß gefördert, dass Peiner in ihm einen „Freund fürs Leben“ sah. Dabei störte es Goldenbogen offensichtlich nicht, dass Peiner seiner braunen Gesinnung treu blieb und aus seinem radikalen Antisemitismus keinen Hehl machte. So zitiert ihn die Zeitung Die Welt mit der Äußerung Anfang der 50er, dass man wieder „die jüdische Journaille“ ertragen müsse, „wie vor 33“.
  5. Stimmt der Kreistag der Aussage zu, dass die distanzlose Förderung des Antisemiten Peiner ein starkes Indiz dafür ist, dass Goldenbogen selbst ebenfalls Antisemit war oder zumindest keinen sonderlichen Makel im Antisemitismus sah ?
  6. Die Gemälde sind wohl immer noch im Archiv eingelagert: Wie beabsichtigt der Kreis zukünftig mit dieser Goldenbogen-Hinterlassenschaft umzugehen ?

Martin Luther im Nationalsozialismus – ein Leserbrief

Vor einigen Wochen habe ich im El-De-Haus die Ausstellung „Überall Luthers Worte – Martin Luther im Nationalsozialismus“ besucht. Ich wusste zwar zuvor schon von Luthers antisemitischen Hetzschriften, aber welchen überragenden Einfluss sie auf die Verfolgung und Vernichtung der Juden hatten, das ist mir erst in der Ausstellung klar geworden.*

Ausführlich wird z.B. dokumentiert, dass der Pogrome von 1938 heute zwar am 9. November gedacht wird, dass sie aber von SA und SS zu Luthers Geburtstag am 10. geplant waren und durchgeführt wurden.

Luthers Schrift „Wider die Juden und ihre Lügen“ wurde dabei wie ein Drehbuch benutzt, indem ihre Forderungen in die Tat umgesetzt wurden: Die Synagogen verbrennen, die Häuser und Schulen der Juden dem Erdboden gleichmachen, sie vertreiben und wegen ihres „verdorbenen Bluts“ erschlagen usw.. Große Teile der Führung der evangelischen Kirche bejubelten das (Hitler vollendet, was Luther begann) und viele tausend evangelische Christen beteiligten sich freudig an den Ausschreitungen. In 100000fachen Auflagen wurde die Hetzschrift und Broschüren dazu („Martin Luther über die Juden: Weg mit ihnen!“) verbreitet, im Prinzregententheater in München gab es entsprechende Lesungen.

Bis heute wird das weitgehend unter der Decke gehalten und bei den Gedenkveranstaltungen verschwiegen. Dieses jahrhundertelang verbreitete antisemitische Luther-Gift verschwindet aber nicht mal eben von allein, es wirkt untergründig weiter, wenn es nicht rückhaltlos offengelegt und offensiv aufgearbeitet wird.

Stattdessen wurde „der größte Antisemit seiner Zeit “ und der „Warner seines Volkes wider die Juden“ ( Landesbischof Sasse) vor 2 Jahren mit großem Pomp und über die Maßen weitestgehend kritiklos geehrt. Wie wollen die Kirchenleute denn dann einem Nazi-Brandstifter entgegen treten, wenn der sich auf Luther beruft? Oder denen, die den Rabbi angegriffen und beleidigt haben?

Es ist gesellschaftlich gefährliche Heuchelei, einerseits den Antisemitismus zu beklagen und Betroffenheit zu bekunden, andererseits aber dessen starke kirchliche Wurzel weiterhin zu ver-bergen. Ich kann nicht verstehen, warum die jüdische Gemeinde und die Christlich-Jüdische-Gesellschaft dagegen nicht lauthals prostestieren.

Es ist offenbar höchste Zeit, das nachzuholen.

*In diesem Zusammenhang möchte ich besonders auf den sehr informativen Begleitband zur Ausstellung hinweisen!

Flugblatt zum Auschwitz-Gedenktag in Köln am 28.1.2018

Denis Stuart Rose, „Luther“, 2016

Auschwitz – Luther – Ehrendoktor

Gut, dass es inzwischen endlich vielfältige Formen des Gedenkens an die Opfer der NS-Diktatur gibt. Dennoch bleibt es bei der halben Wahrheit, denn es kann ja keine Opfer ohne Täter geben. Diese aber werden meist weiterhin ver- oder beschwiegen.

Ein solcher wurde gerade ein Jahr lang mit großem Pomp gefeiert: Doktor Martin Luther. In seiner Hetzschrift „Von den Juden und iren Luegen“ hat er rassistisch ( „verdorbenes Blut“ ) zum Massaker an ihnen aufgerufen: Die Synagogen sollen verbrannt, ihre Schulen und Häuser zerstört, sie sollen ausgeplündert und erschlagen werden. Es liest sich wie ein Aktionsplan für die „Reichspogromnacht“, die nicht zufällig in der Nacht zum 10. November 1938 begann, organisiert von SA und SS, unter Beteiligung tausender „Freiwilliger“.

Der thüringische Landesbischof Sasse: „Am 1o. November, Luthers Geburtstag, brennen in Deutschland die Synagogen (…) In dieser Stunde muss die Stimme eines Mannes gehört werden, der als der Prophet der Deutschen… der größte Antisemit seiner Zeit geworden ist…“ Der evangelische Reichsbischof erklärte, Hitler vollende nun, was Luther begonnen habe. Dieser christliche Hintergrund der Schoah wird immer noch tabuisiert, die lauen Schuldbekenntnisse der Kirchen drücken sich darum herum, dass „Nazis“ und Christen weitgehend identisch waren. Wie wollen sie eigentlich heute Neonazis entgegentreten, die einen Anschlag auf eine Synagoge verübt haben und sich auf den so hoch geehrter Luther berufen?

Ein anderer Nazi-Täter heißt Udo Klausa, er war von 1954 bis 1975 erster Landesdirektor des Landschaftsverbands Rheinland und hatte schwere Menschenrechtsverletzungen in Heimen und Psychiatrien zu verantworten.

Als NSDAP- und SA- Angehöriger hat er 1936 die rassistische Hetzschrift „Rasse und Wehrrecht“ verfasst, in welcher er die Förderung der „guten Ströme des Bluts“ forderte und die „Aussonderung der Entarteten“. Als Nazi-Landrat von Bendzin – ca. 40 km von Auschwitz entfernt- hat er 30 000 Juden in viehische Gettos einsperren lassen, von wo aus sie ins Gas deportiert wurden. (siehe: Mary Fulbrook, „Eine kleine Stadt bei Auschwitz“, Klartext Verlag )

Klausa ist aber immer noch Ehrenbürger der Uni Bonn und Inhaber der Ehrendoktorwürde, Mitte der 60er verliehen im Namen der Düsseldorfer Uni vom Inhaber des Lehrstuhls für Psychiatrie, Friedrich Panse, einem „Euthanasiegutachter“, also ein Schreibtischtäter bei den Krankenmorden.

Solch brauner Unrat unterm Teppich, aber Betroffenheit bekunden: PFUI TEUFEL !

V.i.S.d.P. LOTHAR GOTHE ECKENHAGENERSTR 33 51702 BERGNEUSTADT

Luthers Antisemitismus – ein interessanter Link dazu

Aus einer Mail an mich:

„Lieber Lothar,
vielen Dank, ich habe die Schreiben mit intensiven Interesse gelesen – du gibst ja deiner früheren Kirche ein scharfes Contra. […]
Luther trug aus deiner Sicht auch nach 421 Jahren (Mit-)Schuld an den Pogromen 1938 und späteren Vernichtungen, konnte sich aber gegen die Vereinnahmung durch die Nazis und alle sonst beteiligten Deutschen nicht wehren. Hast du übrigens für die Berufung auf Luthers Hetzschriften durch SA, SS eine Quelle? “

Die Frage ist natürlich berechtigt. Ich möchte darum auf diesen interessanten Artikel  von Jan Süselbeck bei literaturkritik.de hinweisen:

Die 500-Jahr-Feier der Reformation hat einen Haken – Martin Luther, der Begründer des Protestantismus, war Antisemit

Leserbrief zum Artikel „Zeichen setzen gegen den Antisemitismus“

Leserbrief zum Artikel „Zeichen setzen gegen den Antisemitismus“

Wieder dasselbe oberflächliche Ritual zur Reichsprogromnacht: Betroffenheitsbekundungen, scharfe Verurteilung von Antisemitismus und Rassismus, das jüdische Totengebet, Schülerauftritt und wir alle gehen als die Guten nach Hause.

Dabei wäre es gerade in diesem Jahr so wichtig gewesen, endlich auf die tieferen Ursachen der nationalsozialistischen Verfolgung und Vernichtung der Juden zu sprechen zu kommen. Denn die sind zu einem sehr großen Teil in dem mörderischen Antisemitismus des so pompös gefeierten Jubilars Martin Luther zu finden. An den Progromen des 9.November 1938 zeigt sich dies besonders deutlich. Der Ablauf dieser Gewaltorgie entsprach nämlich genau den menschenverachtenden Forderungen Luthers in seiner Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“: Synagogen und Schulen verbrennen, Häuser zerstören, Juden vogelfrei machen, ausplündern, erschlagen…

Anlass war zwar das Attentat eines verzweifelten jüdischen Jugendlichen auf einen deutschen Diplomaten in Paris am 7.11., wonach zunächst ein paar vereinzelte Übergriffe folgten. Doch SA und SS inszenierten dann das Progrom in der Nacht zum 10.11., denn dieses Datum kam sehr gelegen:

„Am 10. November, Luthers Geburtstag, brennen in Deutschland die Synagogen (…) In dieser Stunde muss die Stimme eines Mannes gehört werden, der als der Deutschen Prophet (…) im 16. Jahrhundert der größte Antisemit seiner Zeit geworden ist, der Warner seines Volkes wider die Juden“, so begrüßte der thüringische Landesbischof Sasse die Untaten, an denen sich viele, viele Christen beteiligten. Der evangelische Reichsbischof erklärte, Hitler vollende nun, was Luther begonnen habe.

Dieser Hintergrund des Nazi-Antisemitismus wird weithin tabuisiert, vermutlich haben die Schüler nie davon gehört und die lauen Schuldbekenntnisse seitens der Kirche führen in die Irre:

Man habe sich nicht genug gegen die Nazis gewehrt. So als sei der Nationalsozialismus als etwas Fremdes über die deutschen Christen gekommen. Der Wahlforscher Falter hat herausgefunden, dass jeder zweite evangelische Christ 1932 NSDAP gewählt hat. Die “Deutschen Christen“ waren eine Naziorganisation mit Hitlergruss und Hakenkreuz in ihrer Fahne. Nichts Kirchen-“Fremdes“ also, etwas sehr „Eigenes“. Widerstand leisteten nur wenige Einzelne wie Dietrich Bonhoeffer.

Wer diese Wurzeln des Antisemitismus weiterhin nicht wahr haben will und sich immer noch nicht zu seinem Anteil daran bekennt, der macht sich vor der Jugend schuldig. Wie will er denn heute dem Neonazi entgegentreten, der einen Anschlag auf eine Synagoge verübt hat und sich auf den so hoch geehrten Luther beruft ? Der habe es so nicht gemeint?

Es ist auch kein echtes Zeichen gegen Antisemitismus, Partnerschaften mit israelischen Orten zu pflegen, aber hier wie dort zutiefst beschämende historische Wahrheiten zu leugnen oder totzuschweigen. Dabei wären ehrliche Zeichen angesichts des anwachsenden Rassismus und Antisemitismus doch so dringend nötig.

Nachtrag:

Ich hatte zu meinem Leserbrief extra noch ein kleines Anschreiben verfasst, daß ich dem interessierten Leser meines Blogs auch nicht vorenthalten möchte:

Sehr geehrter Herr Klemmer,

im Anhang finden Sie einen Leserbrief, dessen Inhalt Sie vielleicht als problematisch betrachten. Deshalb weise ich darauf hin, dass alle Tatsachenbehauptungen sorgfältig recherchiert und nachprüfbar sind und dass ich aus Platzgründen auf weitere Zitate verzichtet habe.

Wie ich bereits Ihrem Herrn Thies im Gespräch mitgeteilt habe, hätte ich mir auch diesen Leserbrief gern verkniffen, wenn von Seiten Ihrer Redaktion, etwa in einem Kommentar, die bei den Gedenkveranstaltungen unterschlagenen Informationen der Leserschaft zugänglich gemacht worden wären.

Ich gehe jedenfalls davon aus, dass wir darin übereinstimmen, dass ganz besonders die jungen Menschen einen Anspruch auf die ganze Wahrheit haben. Mag sie auch noch so unangenehm sein.

Mit freundlichen Grüssen, Lothar Gothe Eckenhagenerstr. 33,
51702 Bergneustadt 02265 / 7357

Der Brief ist dann – erwartungsgemäß – nicht abgedruckt worden.

Zweiter Nachtrag:

Auf diesen „unveröffentlichten Leserbrief“ hat dann am 29.11.2017 Herr Dechant Christoph Bersch mit einer an mich adressierten Email reagiert. Der daraus entstandene Mailwechsel ist so interessant – und aufschlussreich – daß ich ihn der geneigten Leserschaft nicht vorenthalten möchte. Auch, wenn dieses Vorgehen als „unfein“ empfunden werden könnte. Hier geht es weiter.

 

Lesung, Vortrag, Diskussion „Eine kleine Stadt bei Auschwitz“

EINE KLEINE STADT BEI AUSCHWITZ

So lautet der Titel des Buchs der englischen Historikerin Mary Fulbrook aus dem sie lesen wird. Es befaßt sich mit der nationalsozialistischen Vergangenheit des Udo Klausa, der von 1954 bis 1975 (der erste) Direktor des Landschaftsverbands Rheinland war und als solcher die schweren Missstände in den Erziehungsheimen und Psychiatrischen Anstalten zu verantworten hatte.

Frau Fulbrook ist ein außergewöhnlich tiefer Einblick in die Persönlichkeitsstruktur eines deutschen Bildungsbürgers gelungen, der dem Dritten Reich in der Verwaltung als Landrat gedient hat, an den Nazi-Verbrechen und dem Holocaust beteiligt war und im Nachkriegsdeutschland davon unbeschadet und unbeirrt als Führungskraft im Rheinland seine Karriere fortsetzen konnte.

Der Historikerin ist deshalb ein so einzigartiger Beitrag zur Aufarbeitung der deutschen Nazivergangenheit gelungen, weil ihr bei diesem Forschungsobjekt nicht nur die wissenschaftlichen Mittel des universitären Elfenbeinturms zur Verfügung standen, sondern auch Erkenntnisse, die aus der persönlichen Beziehung zur Familie Klausa herrühren. Klausas Ehefrau war zeitlebens eine enge Freundin von Fulbrooks Mutter.

Die Geschichte des Udo Klausa ist hochaktuell, weil man an ihr nachvollziehen kann, wie ein humanistisch gebildeter Akademiker in seiner Karriere nach und nach zivilisatorischen Boden verlässt und als Zuarbeiter der rassistischen Barbarei endet. Am Prototyp Klausa hat Mary Fulbrook auch gezeigt, wie die Anfänge aussehen, deren wir uns heute wieder – oder immer noch – erwehren müssen.

In dem Zusammenhang wird Frau Fulbrook auch über ihr neuestes Buch sprechen. Es befasst sich mit den langfristigen Folgen der Beteiligung an Naziverbrechen. Die Nachkriegsjustiz hat die Schuldigen nur sehr unzureichend vor Gericht zur Verantwortung gezogen und private Erzählungen haben die Vergangenheit umgedeutet. Viele Familien – nicht nur die Kinder der Überlebenden, auch die der Täter – müssen die emotionellen Folgen tragen.

(Das Buch erscheint 2018 bei OUP unter dem Titel „Reckonings: Legacies of Nazi Persecution“)

 

Alte Feuerwache, Melchiorstr. 3, Köln – 6. Dezember 20 Uhr

Netzwerk gegen Rechts?

Dem Aufruf von „Oberberg ist bunt, nicht braun“ zur Teilnahme an der Veranstaltung des „Netzwerks gegen Rechts“ bin ich gefolgt und erwartete die angekündigte „spannende Diskussion“ zu den „Grundwerten einer „zivilisierten Gesellschaft“.

Es gab aber keine Diskussion und schon gar keine spannende. Stattdessen klopften sich Vertreter der (54 !) Mitgliedsorganisationen und der 13 Kommunen verbal auf die Schultern und beklatschten sich gegenseitig, als wäre allein das bloße formale Bestehen des Netzwerks bereits ein Erfolg im Kampf gegen Rechtsextremismus und Rassismus.

Die Podiumsteilnehmer wurden vom moderierenden Theologen und aus dem Publikum reihum abgefragt und so erfuhren wir, daß die Streetworkerin mit den Problemfällen im Gespräch bleibt, das Gymnasium die Schüler zu respektvollen Bürgern erzieht, der Blogger gegen Haßmails anschreibt, in Bergneustadt trotz 4000 Türken „die Straße nicht brennt“ und der Kampfsportler „im Sport noch nie Rassismus erlebt hat“.

Also offenbar eine ziemlich heile oberbergisch/deutsche Politwelt, in der Grundwerte gelten und die daher von ein paar Rechtsextremen oder der AfD nicht erschüttert werden kann.

Diese Darbietung erschien mir so oberflächlich und so selbstgefällig, dass ich mich zu einem kritischen Einwand habe hinreißen lassen: Denn im Augenblick werden ja in unserem Namen und mit unserem Geld von der Frontex im „failed state“ Lybien kriminelle Banden mit Uniformen, Waffen und Schnellbooten ausgestattet, damit sie als „Küstenwache“ afrikanische Armutsflüchtlinge jagen und abfangen, um sie in – laut Amnesty – „KZ-artigen Lagern“ zu internieren, in denen brutale Gewalt, Vergewaltigung und Sklavenarbeit an der Tagesordnung sind. Das dient offensichtlich der Abschreckung und der Abschottung unserer Wohlstandsfestung Europa.

Zweifellos wird hier der absolut oberste unserer Grundwerte mit Füßen getreten: Die unantastbare Würde des Menschen. Aber diese Menschenrechtsverletzungen nehmen wir achselzuckend hin und auch das Netzwerk gegen Rechts wollte sich wohl die Feierstimmung nicht vermiesen lassen und blieb stumm gegenüber der Frage, ob diese Gleichgültigkeit vielleicht Ausdruck eines unausgesprochenen, weit verbreiteten rassistischen Menschenbilds (Herrenmensch/Untermensch) sei.

Im Gegensatz zu diesem bleiernen (Ver)schweigen stauchte mich der Vize-Landrat aber lauthals zusammen, weil ich es gewagt hatte, einen bedenklichen Satz aus seiner Ansprache zu kritisieren: „Wir haben in der Vergangenheit bittere Erfahrungen mit dem Extremismus machen müssen“. Das klingt, als wären auch wir Deutsche Opfer des Nazismus geworden, während doch in Wahrheit andere Völker, Juden, Roma, Schwule „bittere Erfahrungen“ mit unserem Extremismus machen mußten.

Solche autoritäre Unterdrückung von Kritik, solche Unfähigkeit zu demokratischem Diskurs und das Ersticken einer lebendigen Diskussion habe ich bisher für ein Markenzeichen von rechten (oder stalinistischen) Organisationen gehalten. Aber man lernt ja nie aus.

Richtigstellung zu „Luther – ein Nachtrag“

Ein Besucher der Homepage hat darauf hingewiesen, dass 2009 zum 60sten Jahrestag des Abtransports der 700 BewohnerInnen der Heil- und Pflegeanstalt Waldbröl auf Initiative der Stadt ein Gedenkstein mit folgender Inschrift enthüllt wurde:

„Zum Gedenken an die in der Zeit des Nationalsozialismus als lebensunwert bezeichneten Menschen aus der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt Waldbröl, die durch Zwangssterilisation und Euthanasie ihrer Würde und Ihres Lebens beraubt wurden“

Auf zwei am Stein befestigten Textplatten seien Einzelheiten nachzulesen.

Somit ist mein Vorwurf, dieser oberbergische Krankenmord sei bisher völlig verschwiegen worden, nicht berechtigt.

Allerdings gibt es Unstimmigkeiten: 2009 kann nicht der 60ste Jahrestag gewesen sein, denn dann hätte die Deportation ja 1949 stattgefunden. Nach den Erkenntnissen von Ernst Klee sind die Heimbewohner in der psychiatrischen Vernichtungsanstalt Meseritz-Obrawalde in Polen ermordet worden und nicht wie angegeben in Hadamar. Dort wurden die Vergasungen im August 1941 beendet, im August ’42 wurden die Morde mit Medikamenten wieder aufgenommen.

Den Begriff „Euthanasie“ (schöner, leichter Tod) haben die Nazis zur Verhüllung der systematischen Tötung verwendet, deshalb sollte er heute nur in Anführungszeichen verwendet werden. Selbst nach Nazirecht handelte es sich um Mord, so sollten wir es heute der Klarheit halber auch benennen.

Ein Mantel des Schweigens liegt nach wie vor über den Naziaktivitäten im Oberbergischen, dem Fortbestehen von Nazigeist nach 1945 und dem Schutz der Täter. Der nach jahrelangen Aufforderungen an den Kreistag vom Kreishistoriker dazu vorgelegte Bericht ist sehr lückenhaft, den Kreistag und seine schwer belasteten Nazis hat er ganz außen vor gelassen. Dass z.B. der von 1946 bis 1979 autokratisch regierende OKD Goldenbogen („nicht der allerschlimmste Nazi“) nicht nur Mitglied in der NSDAP, sondern auch in der SA war – siehe Kaminsky/ Roth – wird nicht erwähnt.

Nazitäter werden sogar noch posthum geschützt, während ihre geistigen Nachfolger des NSU wieder „Untermenschen“ mordend jahrelang durch Deutschland ziehen konnten.