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Antwort auf die Stellungnahme von Gerhard Pomykaj auf meinen offenen Brief an Herrn Klemmer

Hallo Herr Pomykaj,

Nachdem ich Ihre Stellungnahme gelesen habe, ist mir zunächst aufgefallen, dass wir die Verhältnisse im Hinblick auf den alten und neuen NS aus sehr unterschiedlichem Blickwinkel betrachten und bewerten. Sie tun das als als Historiker, der mit wissenschaftlicher Distanz Fakten ermittelt und einordnet, möglichst „objektiv“ und möglichst wenig emotional. Ich hingegen kämpfe nunmehr seit 50 Jahren an der Seite von Opfern dieser Verhältnisse für ihre mit Füßen getretenen Menschenrechte und bin von daher auch emotional eingebunden und verhehle nicht, dass ich in dieser Auseinandersetzung eindeutig parteiisch bin.

Mein offener Brief war ursprünglich viel zu lang geraten, einige der weggelassenen Passagen füge ich aber zur Erläuterung meiner Thesen im Anhang bei.

Es liegt mir fern, Ihre wissenschaftliche Qualifikation und Ihr wissenschaftliches Ethos „masssiv in Frage zu stellen“. Dazu weiß ich – wie Sie zu Recht vermuten – viel zu wenig von Ihnen und kenne die allermeisten Ihrer Arbeiten nicht, kann mir also kein Urteil über den Historiker Pomykaj erlauben.

Beurteilen kann ich aber sehr wohl Ihr Verhalten in meiner Auseinandersetzung mit der oberbergischen Politik im Hinblick auf die bislang sträflich versäumte ehrliche und wahrhaftige Aufarbeitung des Nazirassismus und Antisemitismus. Da allerdings bieten Sie in meinen Augen gerade auch als Historiker Anlaß zu deutlicher Kritik.

Ich hatte seinerzeit beim Kreistag angeregt, dem Beispiel des LVR zu folgen und die nationalsozialistischen Ver-strickungen von Kreis und oberbergischen Kommunen vor und nach 45 von unabhängigen Historikern erforschen und aufarbeiten zu lassen, sowohl was Personal als auch was die Ideologie betrifft. Die umfangreichen Forschungen zu dem bis 1975 autoritär regierenden Gründungsdirektor Klausa (insbesondere das „Opus magnum“ von Kaminsky/Roth) haben neben der Beteiligung dieses Altnazis am Holocaust aufgedeckt, dass bis in die 70er schwerste Menschenrechtsverletzungen in Psychiatrien und Heimen an der Tagesordnung waren. Fortwirkender Nazigeist war eine offensichtliche Ursache und vor allem auch ein Führungspersonal, welches in der einen oder anderen Position an der Judenvernichtung und den Krankenmorden beteiligt war. In den Forschungsprojekten geriet auch das Oberbergische ins Visier, vor allem durch die auch im LVR mächtige Figur Goldenbogen, ein ebenso autokratischer und NS belasteter Herrscher wie Klausa.

Der Kreisausschuss beschloss, meiner Anregung zu folgen. Es zeigte sich aber, dass die Verwaltung den Beschluss nicht wie beim LVR umsetzte. Es wurde nicht ein unabhängiger Historiker beauftragt, sondern Sie als der beim Kreis abhängig beschäftigte Historiker. Sodann – so erfahre ich jetzt von Ihnen- war Ihr Auftrag gar kein zielgerichtetes Forschungsprojekt, eine wissenschaftliche Studie, sondern lediglich ein Vortrag auf der Grundlage von Kenntnissen, die Sie über Jahre in anderen NS Zusammenhängen erlangt hatten.

Darin sehe ich bereits eine Manipulation seitens Ihrer Vorgesetzten mit dem Ziel, tiefer gehendes Schürfen in den besonders tiefen Abgründen des oberbergischen Nazismus zu vermeiden. Der Auftrag war in meinen Augen eine Zumutung, Sie hätten ihn als unethisch ablehnen können oder müssen. Denn es ist ja völlig klar, dass es Druck auf Sie ausübt, wenn Ihr Arbeitgeber, die Kreistagsmehrheit und die Verwaltungsspitze, durch zu genaues Hinsehen schwerwiegende Imageschäden zu befürchten hat, was ja hier der Fall ist. Deshalb gilt ja gerade die Unabhängigkeit des Forschenden als unverzichtbare Voraussetzung für objektive Forschung.

Entsprechend lückenhaft und verharmlosend fiel ihr Vortrag aus. Im Interview mit Herrn Klemmer äußern Sie sich heute deutlich kritischer sowohl zur Einstellung der Bevölkerung als auch zu den Netzwerken der Nazibonzen, die Sie nach meiner Erinnerung damals gar nicht erwähnt haben. Erwähnt haben Sie den Einsatz der Brüchermühler für Leys Mitarbeiter Marenbach, einen großen Bogen haben Sie aber gemacht um den absoluten Nazi-Hotspot Nümbrecht, der jetzt wieder im Rampenlicht steht (siehe Anhang „Nümbrecht“).

Meine „Fixierung auf Goldenbogen“ ? Was für eine Frage! Er hat als autoritärer Machtpolitiker 30 Jahre lang Oberberg autokratisch beherrscht (GM= Goldenbogens Machtbereich) und so einen demokratischen Neuanfang nach 1945 blockiert. (Eine „Kostprobe“ im Anhang). Darin war er seinem Hauptmannkollegen und NSDAP- und SA- Genossen Klausa beim LVR, sehr ähnlich, der sich ebenfalls „schwer tat mit der Demokratie“. Beide haben im LVR eine NS Aufarbeitung verhindert, Klausa als Landesdirektor und Goldenbogen als mächtiger Chef des zuständigen Kulturausschusses (Goldenbogens Betätigung in der SA haben Sie übrigens im Vortrag nicht erwähnt). Die Naziverseuchung des mächtigen Verbandes und somit die fortgesetzte Be- und Mißhandlung von Kranken und Heimkindern als „Minderwertige“ und “Untermenschen“ bis in die 80er gehen somit zu großen Teilen auf beider Konto.

In den letzten Jahren habe ich immer wieder versucht, eine NS Aufarbeitung in Gang zu bringen oder Ver-tuschungen aufzudecken, oft in Leserbriefen. Dabei habe ich keinerlei Unterstützung erfahren, weder von Ihnen, Herr Pomykaj, noch von Gerhard Jenders und „Oberberg ist bunt, nicht braun“.

Gerhard Jenders weiß, dass ich ihn dafür achte, dass er beharrlich die alte Friedensbewegung lebendig gehalten hat. Mittlerweile muss ich jedoch leider feststellen, dass auch er und seine Mitstreiter kein Interesse an einer echten NS-Aufarbeitung erkennen lassen, jedenfalls dann nicht, wenn sie einigen mächtigen „Bündnispartnern gegen Rechts“ weh tut. Beispiele:

Jeder Historiker und jeder Nazigegner hätte aufschreien müssen bei der unsäglichen Geschichtsklitterung, welche auf der Hompage der Christlich-Jüdischen Gesellschaft jahrelang zu lesen war, dass nämlich die „Mitläufer und Mittäter“ der Nazis „ehrenwerte und gutwillige“ Mitmenschen gewesen seien. Doch alle schwiegen dazu, auch Sie. Erst auf Grund meiner Proteste wurde diese skandalöse Aussage entfernt und durch ein leider auch wieder problematisches Zitat von August Dresbach von 1947 ersetzt. „ … Aber ich bin nicht geneigt, über all die politisch ungeschulten Menschen den Stab zu brechen, die damals glaubten, es sei eine neuere und bessere Welt entstanden.“ Welchen Schulabschluss, fragt man sich, musste man denn haben, um den Naziterror als solchen erkennen zu können? Millionen „Ungeschulte“ erkannten ihn durchaus und sei es am eigenen Leibe.

Oberberg ist bunt, nicht braun“ “ ruft jährlich zur Teilnahme am Nümbrechter Gedenken zum Pogromtag auf und ignoriert ebenfalls bis heute die aktive Beteiligung des Mitveranstalters Evangelische Kirche an diesem Auftakt der systematischen Judenvernichtung: Fand es doch gezielt zu Luthers Geburtstag am 10.11. statt, die brennenden Synagogen bejubelt von Bischöfen und Pfarrern, wobei die mörderische antisemitische Hetzschrift „Wider die Juden und ihre Lügen“ des hoch geehrten „Deutschen Helden“ das Drehbuch lieferte. Vermutlich spielte diese in der Entwicklung von Robert Leys zu dem extremen Judenhetzer eine prägende Rolle. Durch das beständige allgemeine Verschweigen dieses historischen Hintergrunds, sehr gut dokumentiert in der Ausstellung „Überall Luthers Worte“ von „Topografie des Terrors“, gerät das Gedenken vor allem im Hinblick auf die Evangelische Kirche in meinen Augen Jahr für Jahr erneut zu abstoßender Heuchelei. Wäre es denn nicht angebracht, am Gedenktag mal Zitate aus Luthers Hetzschrift und den abscheulichen kirchlichen Kommentaren zum Pogrom vorzutragen („Hitler vollendet, was Luther begonnen hat“)?

Das sogenannte Bündnis gegen Rechts tritt im Wesentlichen mit oberflächlichen Lippenbekenntnissen und wohlfeilen allgemeinen Verurteilungen von AfD und Rechtsradikalismus in Erscheinung, die niemandem weh tun und nichts erklären. So wie z. B. ein Protest oder eine Menschenkette gegen die rassistischen Morde von Hanau. Weil ja sowieso so gut wie alle dagegen sind, handelt es sich um wirkungslosen „Gratismut“ (Enzensberger). Warum aber ist es in diesem erlauchten Kreis von Honoratioren aus Politik und Zivilgesellschaft kein Thema, dass CDU und FDP in Thüringen kein Problem damit hatten, nicht nur mit der AfD, sondern ausgerechnet mit dem AfD-Faschisten Höcke zusammenzuarbeiten? Kein Gesprächsbedarf?

Welch absurdes Theater in diesem Scheinbündnis möglich ist, erlebte ich fassungslos bei einer Versammlung, als der Vizelandrat Wilke die von Rechten und Rechtsradikalen verbreitete Kriegsschuld-Relativierung zum Besten gab: Dass wir Deutschen auch Opfer des Krieges seien, als wäre der als eine Art Naturkatastrophe über Polen, Deutsche etc. hereingebrochen. Als niemand widersprach, habe ich das getan und wurde von Wilke von oben herab wutentbrannt „zur Sau gemacht“. Alle duckten sich weg, nix mit „Arsch huh, Zäng useinander“, nur die Künstlerin Christine Bretz wagte es, vor ihrem Auftritt auf die peinliche allgemeine Feigheit hinzuweisen.

Ein solches „Bündnis mit Rechten gegen Rechts“ kann doch nur vernebeln und nicht aufarbeiten.

Und da ich schon mal beim „ Abrechnen“ bin, hier noch ein „frisches“ Beispiel für die partielle Blindheit der Lokalpresse gegenüber dem heimatlichen NS:

Ende letzten Jahres erschien ein Forschungsergebnis des Historikers Alexander Friedman als Buch: „ Der Direktor des Landschaftsverbands Rheinland Udo Klausa (1910-1998) im Spiegel von Weggefährten und Kritikern“, Metropol-Verlag. In Interviews mit rheinischen Führungskräften aus Politik und Verwaltung werden die psychischen Verdrängungsmechanismen im Umgang mit der NS-Belastung am Beispiel Klausa offen gelegt und vorgeführt, in welch bedrückender Art und Weise sie in der Lage waren, allen „Nazischmutz“ von sich oder der Kollegen abzuspalten und sich als „anständig“ geblieben dastehen zulassen. Da auch Goldenbogen eine Rolle spielt, habe ich das Buch der OVZ Mitarbeiterin Siegfried-Hagenow gegeben, in der Hoffnung, dass durch einen Bericht darüber Oberbergs NS und die Rolle Goldenbogens zum Thema wird. Ich bekam das Buch aber zurück mit der Bemerkung, für einen Bericht fehle „der lokale Bezug“. Diese fast lächerliche Ausrede geht vermutlich auf Herrn Klemmer zurück: Oberberg nicht Teil vom LVR? Goldenbogen dort keine mächtige Figur? Wurden keine Oberberger in Psychiatrien und Heimen mißhandelt? Da ansonsten „lokale Bezüge“ notfalls an den Haaren herbeigezogen werden, scheint bei NS/Goldenbogen also immer noch ein Tabu wirksam zu sein. Vielleicht störte zusätzlich noch, dass der Einsatz vom „linksradikalen“ SSK und auch mir persönlich sehr positiv gewürdigt wird.

Was Ihre Ausführungen zu meinem Vater betrifft, Herr Pomykaj, haben Sie Recht, was seine Beteiligung als Offizier an den Verbrechen der Wehrmacht beim Vernichtungskrieg im Osten betrifft. Unrecht haben Sie jedoch mit der Unterstellung, ich habe mich damit nicht auseinandergesetzt. Da haben Sie nicht genügend recherchiert.

Allerdings habe ich bis zur „Wehrmachtsausstellung“ auch an die Legende geglaubt, die Verbrechen seien im Wesentlichen allein auf das Konto von SS und Einsatzgruppen gegangen. Danach erst konnte ich mir das Schicksal meines Vaters erklären, der im bürgerlichen Leben am Ende gescheitert und als Alkoholiker geendet ist. Auch er hat über die Kriegszeit geschwiegen, sich aber Zeit seines Lebens für soziale Projkte eingesetzt (und sein kleines Steuerberaterbüro sehr vernachlässigt). Auch im Rat der Gemeinde Lieberhausen, zuerst für die CDU. Weil die und die Katholische Kirchengemeinde Belmicke sein Siedlungsprojekt für (meist evangelische) Flüchtlinge nicht unterstützte, trat er aus, wurde fortan direkt gewählt und verwirklichte die Siedlung (gemäß der „Bodenreformer“-Bewegung) im evangelischen Neuenothe. Mit seinem sozialen Einsatz hat er offenbar (natürlich vergeblich) versucht, seine Traumatisierung durch die Beteiligung an den Verbrechen loszuwerden, zusammen mit einigen Fehlschlägen bei seinen Projekten führte das wohl in den verzweifelten Alkoholismus.

Als die englische Historikerin Fulbrook in einem Vortrag ihre Erkenntnisse über den LVR- Gründungsdirektor vorstellte, habe ich ihr in einem Brief, der auch veröffentlicht wurde, von meinem Vater berichtet, wie Klausa katholisch und Wehrmachtsoffizier (siehe Anhang).

Während sich Klausa und Goldenbogen ohne jede Spur von Reue und Einsicht wieder in Machtpositionen festsetzten, achte ich heute meinem Vater gerade wegen seines Scheiterns, weil es ja zeigt, dass er immerhin noch ein Gewissen hatte, welches ihn quälte.

Weil er Militär und Uniformen ablehnte und in einer geheimen Untersuchung im Oberbergischen des Soziologieprofessors Scheuch für die Bundeswehr im Zusammenhang mit den Notstandsgesetzen als möglicher „Widerständler“ aufgeführt war, konnte ich mich mit ihm auch ehrlich versöhnen.

In dem erwähnten Buch des Historikers Alexander Friedman gehe ich in einem Interview auch auf meinen Vater und seine Kriegsschuld ein. Ich glaube daher nicht, dass ich ihm gegenüber noch Nachholbedarf habe.

Sie haben aber Recht damit, dass ich mich in meinen jahrelangen Auseinandersetzungen um den NS auch und gerade hier im Oberbergischen hätte auch an Sie wenden sollen, weil wir ja im Kampf gegen alten und neuen NS sicher auf derselben Seite der „Barrikade“ stehen. Vielleicht ist es dafür ja nicht zu spät.

In der Diskussion mit Freunden über „Kaufmann/Schild“ist die Idee entstanden, einen Gesprächskreis von Interessierten einzurichten, der sich mit der Erforschung der Wurzeln des NS hier vor Ort und den konkreten Einflußfaktoren beschäftigt, welche die Mitmenschen zu Rassisten und Antisemiten werden ließen und lassen.

Freundlicher Gruß,
Lothar Gothe

 

Anhänge:
Brief an Mary Fullbrook
Anmerkungen_zu_Goldenbogen

 

Stellungnahme von Gerhard Pomykaj zu dem offenen Brief an den Redaktionsleiter der OVZ zum Umgang mit altem und neuem Rassismus und Antisemitismus von Lothar Gothe vom 16.04.2021

Bochum, den 30.04.2021

Sehr geehrter Herr Gothe,

in dem obengenannten offenen Brief stellen Sie meine wissenschaftliche Qualifikation und mein wissenschaftliches Ethos massiv in Frage. Sie wissen offensichtlich nicht, dass ich vorrangig Historiker bin und in dieser Funktion primär für die Stadt Gummersbach und mit 12 Wochenstunden für den Oberbergischen Kreis gearbeitet habe. Zuvor war ich jahrelang am Lehrstuhl SWG Köllmann an der Ruhr-Universität-Bochum tätig. Weitere Informationen entnehmen Sie bitte dem Artikel über meine Person in Wikipedia; meine Veröffentlichungsliste finden Sie auf der Website des BGV, Abt. Oberberg.

Ich hatte mich gewundert, dass Sie nie mit mir Kontakt aufgenommen haben. Allerdings war ich davon ausgegangen, dass Sie als historisch Interessierter zumindest meine einschlägigen Arbeiten zur NS-Zeit gelesen haben. Dieser Brief wie auch Ihr Leserbrief in der OVZ vom 23.04.2021 lassen aber das Gegenteil vermuten, denn ansonsten hätten Sie dort Antworten zu einem Teil der hier formulierten Fragen erhalten und hätten den Namen des erwähnten Kinderarztes nennen können; es war Alfred Simons, wie man in der „Dokumentation zur Judenverfolgung in Gummersbach während der Herrschaft des Nationalsozialismus“ aus dem Jahre 1995 nachlesen kann. Grundlegend war auch die Broschüre zur Zwangsarbeit (2003) und die damit verbundene Ausstellung auf Schloss Homburg. Am umfangreichsten und wichtigsten ist meine Darstellung der Zeit von 1918 bis 1948 im Dritten Band der Oberbergischen Geschichte aus dem Jahre 2001. Es ist die bisher einzige Überblicksdarstellung über die Weimarer Republik, den Nationalsozialismus und die unmittelbare Nachkriegszeit im Oberbergischen. Sie ist entstanden im wissenschaftlichen Diskurs mit den Professoren Klaus Goebel und Jürgen Reulecke, wobei die schwierige Quellenlage die Arbeit nicht gerade erleichterte, denn fast alle Akten aus den Kommunalarchiven wie auch alle Akten der NSDAP wurden im April 1945 verbrannt.

Diese Darstellungen sind durchweg auch gerade wegen ihrer Objektivität – soweit sie denn möglich ist – sehr positiv rezensiert worden. Die mir wichtigste Beurteilung stammt von Jürgen Habermas, einem Zeitzeugen. Er schrieb mir in einem Brief vom 30.11.2006 aus Starnberg:

„Sehr geehrter Herr Pomykaj,

Sie haben mir mit Ihren Büchern eine große Freude gemacht. Insbesondere die Dokumentation der jüdischen Schicksale aus Gummersbach haben mich beeindruckt. Es gereicht der Stadt zur Ehre, dieses dunkle Kapitel aus ihrer Geschichte so kompetent und umfassend darstellen zu lassen. Die Broschüre über die Zwangsarbeit im Oberbergischen hat bei mir persönliche Irritationen ausgelöst, weil ich eigentlich sehr viel genauere Erinnerungen daran haben müsste. Aber man nimmt eben als Kind und Jugendlicher die Umwelt doch sehr selektiv wahr. Auch den Band über die jüngere Geschichte zwischen 1918 und 1948 habe ich mit Vergnügen gelesen.“

Aufgrund der Qualität meiner vielfältigen Veröffentlichungen zur Oberbergischen und Gummersbacher Geschichte bin ich vor Jahren in den „Brauweiler Kreis“, in dem die renommiertesten Landes- und Regionalhistoriker sich zu wissenschaftlichem Austausch treffen, aufgenommen worden. Diese kurzen Anmerkungen müssen zu meiner Qualifikation reichen.

Nun zu anderen Púnkten in Ihrem offenen Brief: Die Studie, mit der ich angeblich 2012 vom Kreis beauftragt wurde, hat es nie gegeben und auch keinen entsprechenden Auftrag. Was ich zugesagt habe, war auf der Grundlage meiner jahrzehntelangen Forschungen ein Vortrag vor dem Hauptausschuss des Kreises und in der Öffentlichkeit zu halten zum Thema: „Der Nationalsozialismus im Oberbergischen Kreis – Kontinuitäten und Diskontinuitäten nach 1945“. Das Hauptergebnis war, dass bis in die 1980er Jahre wichtige Funktionen in der Kreispolitik und Kreisverwaltung von ehemaligen Mitgliedern der NSDAP besetzt waren. In dem Zusammenhang habe ich im Übrigen auch Heinrich Schild genannt. Meines Wissens waren Sie auch zugegen. Seitdem sind gut vier Jahre vergangen und Sie haben vor diesem offenen Brief mir gegenüber nie Kritik geübt. Eine erweiterte Untersuchung aller Kreistagsmitglieder würde möglicherweise neue Details benennen können; an der Grundaussage dürfte sich nichts ändern. Zudem sind die Kreistagsmitglieder den Vorgaben ihrer Fraktionsvorsitzenden gefolgt.

Die NS-Zeit ist im Vergleich zu den 1980er Jahren in vielen Aspekten aufgearbeitet worden; Sie haben die Veröffentlichungen offensichtlich nur nicht zur Kenntnis genommen. Auch die Organisation der rassistischen Ausstellung durch Otto Kaufmann und Otto Bäcker habe ich bereits vor 20 Jahren i, dritten Band der Oberbergischen Geschichte dargestellt. Sie haben natürlich recht, dass die Forschung noch nicht abgeschlossen ist. „Unser Oberberg ist bunt, nicht braun“ hält zudem die Erinnerungskultur durch ihre vielen Veranstaltungen entscheidend am Leben. Auch wird weiterhin geforscht und veröffentlicht. Aus der letzten Zeit ist besonders der Beitrag von Gerhard Jenders zu den Zwangsarbeiterlagern im Oberbergischen hervorzuheben. Mein Nachfolger Manfred Huppertz hat die Dokumentation zur Judenverfolgung erheblich erweitert und ins Netz gestellt.

Was ich nicht nachvollziehen kann, ist Ihre Fixierung auf Goldenbogen u.a.. Wieso nehmen Sie nicht große Teile der Bevölkerung in den Blickwinkel? Die große Mehrheit wollte keine Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen und eine Entfernung von NSDAP-Mitgliedern aus ihren Ämtern. Als KPD und SPD bei den Kommunalwahlen 1946 eine „Entbräunung“ gefordert haben, haben sie krachend verloren. Noch 1947 ergab eine Umfrage in Westdeutschland, dass 55 Prozent der Bevölkerung den Nationalsozialismus als gute Sache ansahen, die nur schlecht gemacht worden sei. Goldenbogen und andere mussten keine Aufarbeitung verhindern, sondern sie erfüllten damit den Wunsch der Bevölkerungsmehrheit. Kein Wunder, denn mehr als 80 Prozent der Lehrer und Ärzte waren ehemalige Parteimitglieder; die Verwaltungen wären ohne sie zusammengebrochen.

Sie stellen die Frage: „Was haben all die Nazis getan, wo sind sie geblieben?“ Das beziehen Sie besonders auf die Zeit nach 1945. Hier könnten Sie doch einen eigenen Beitrag leisten. In Ihrer Biografie „Der Lauf meines Lebens“ schreiben Sie verharmlosend über Ihren Vater zur Zeit Ihrer Geburt 1944: „er bekämpfte als Oberleutnant der Wehrmacht ‚Führer, Volk und Vaterland‘ die Sowjetunion“. In Wirklichkeit nahm er in nicht untergeordneter Position an einem rassistisch motivierten Eroberungskrieg teil, in dem die Regeln der Genfer Konvention nicht galten und der 20 Millionen Sowjetbürger das Leben kostete. Ohne den Ostfeldzug der Wehrmacht hätte auch die Shoah nicht so stattfinden können. Da Ihr Vater sich nicht mit der Rolle eines einfachen Soldaten zufrieden gab, sondern die Verantwortung als Offizier suchte, darf davon ausgegangen werden, dass er zumindest zeitweise die Kriegsziele teilte. Ob er dabei NSDAP-Mitglied war, spielt in diesem Zusammenhang eine nur sehr untergeordnete Rolle.

Bei Ihrem kritischen Anspruch werden Sie ihn bestimmt gefragt haben, was er als Oberleutnant gemacht hat, wie er mit dem Kommissarbefehl umgegangen ist … Es wäre interessant zu erfahren, ob er sich mit seinem Handeln auseinandergesetzt hat, welche Schlussfolgerungen er gezogen hat. Offensichtlich hatte er ja in den 1960er Jahren eine Abneigung gegen die Bundeswehr, der Ihnen den Militärdienst wie auch die damals unangenehme Kriegsdienstverweigerung mit anschließendem Ersatzdienst ersparte. Ihre Erinnerungen an das Wirken Ihres Vaters könnten Sie ja im Kreisarchiv deponieren. Solche Quellen können einen Beitrag zur Verarbeitung des NS nach 1945 leisten, und zwar in der Bevölkerung.

Hiermit möchte ich es belassen. Ich gehe davon aus, dass Sie meine Stellungnahme auch in Ihrem Blog veröffentlichen.

Mit freundlichen Grüßen

Gerhard Pomykaj

Ein offener Brief zum Umgang mit altem und neuem Rassismus und Antisemitismus

Offener Brief an den Redaktionsleiter der OVZ zum Umgang mit altem und neuem Rassismus und Antisemitismus

Hallo Herr Klemmer,

es gibt mehrere Anlässe dafür, mich in dieser Form an Sie zu wenden.

Der eine ist der Skandal um die jahrzehntelang verheimlichte oder vertuschte NS-Belastung zweier hoch geehrter Oberberger, des „Heimatforschers“ Kaufmann und des früheren Landrats und Bürgermeisters Dr. Schild. Dieser hat schlagartig die Dringlichkeit deutlich gemacht, die bislang unterlassene echte Aufarbeitung der personellen und ideologischen NS- Kontinuität in Oberberg vor und nach 45 endlich nachzuholen. Der andere Anlass ist Ihre diesbezügliche Berichterstattung: Ausgerechnet während der Internationalen Wochen gegen Rassismus verharmlost und relativiert Ihre Zeitung den nationalsozialistischen Rassismus in seiner mörderischen Ausprägung, wie er sich im Fall Kaufmann zeigt, in einer zumindest für Nazigegner und Antifaschisten unerträglichen Weise. Der dritte ist ein nicht veröffentlichter kritischer Leserbrief dazu.

Ich nehme mal an, dass der lobhudelnde „Jubiläumsartikel“ zu Kaufmann Ihnen und Ihrer Redaktion heute peinlich ist. Denn eine Woche später mussten Sie ja berichten, dass der Gummersbacher Hilfsschullehrer sich vor 45 als strammer Nazi und glühender Hitler-Verehrer hervorgetan hat. Diese Erkenntnis beruhte aber nicht etwa auf Ihren eigenen Recherchen, sondern auf Dokumenten, welche der Leiter des Lindlarer LVR-Museums, Herr Kamp, Ihnen präsentiert hat.

Bis heute hat Ihre Zeitung ihre Leser nicht darüber informiert, welche konkreten Vorwürfe dem Hilfsschullehrer Kaufmann als überzeugtem Vertreter der NS-Rassenlehre gemacht werden müssen, die zwischen Herrenmen-schen, Untermenschen und Lebensunwerten unterscheidet. Die Hilfsschule hatte im NS eine „rassenpflegerische Aufgabe, indem sie hilft, die schädlichen Elemente zu orten und der Sterilisierung zuzuführen“ (Ernst Klee. Euthanasie im NS Staat – Die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“). Nach der Machtergreifung, so Klee, wird die Hilfsschule „bereinigt“: Die angeblich „schwerschwachsinnigen“ Kinder „werden ausgeschult und in Anstalten untergebracht, wo sie später die „Euthanasie“ ereilt.“

Kaufmann, der sich in der Nazi-Eugenik schulen ließ, beteiligte sich mit Eifer daran. Er habe „die Schwächsten ausgesondert“ notiert er 1936. Er lässt sich sogar vom Schulrat die Erlaubnis geben, in den Volksschulen nach „Hilfsschulbedürftigen“ Kindern zu fahnden, welche die Lehrer (sicher aus gutem Grund) „widerrechtlich“ nicht überwiesen hätten. Der Lehrer Kaufmann bezeichnete seine Schüler als „minderwertig“, fünf davon führte er im Beisein der Mütter einem Bonner Psychiater vor, der sein Gutachten über die „erbliche Belastung“ auf einem „gesonderten Bogen“ notierte. In Bonn waren die späteren „Euthanasiegutachter“ (also Schreibtischmörder) Prof. Polisch und Prof. Panse tätig. Es kann nach alledem kein Zweifel daran bestehen, dass Kaufmann als überzeugter Nazirassist die „rassepflegerischen Maßnahmen des Staates“ befürwortet und sich daran beteiligt hat. Es stellt sich auch die Frage, wie er es angestellt hat, mit dieser Belastung die Entnazifizierung hinzukriegen..

Zu einer Aufarbeitung des oberbergischen Nationalsozialismus und seiner Nachkriegskontinuität gehört also unbedingt auch die Forschung zu den hiesigen Krankenmorden und Zwangssterilisierungen; anhand der Akten des Einwohnermeldeamts und des damaligen Gummersbacher Erbgesundheitsgerichts sollten dabei auch die Schicksale von Kaufmanns Hilfsschülern aufgeklärt werden.

Die mit der Zwangssterilisierung verbundene Stigmatisierung wirkte auch nach 45 fort. Für eine mir bekannte Frau aus dem Othetal zeitigte sie noch Ende der 50er schlimme „ Spätfolgen“: Ihr und ihrem Ehemann wurde, obwohl sie in Eigenheim und gesicherten sozialen Verhältnissen lebten, die Adoption von Heimkindern vom Jugendamt verweigert. Der einzig erkennbare Grund: die Naziakte zur Sterilisation wegen einer Schwäche beim Rechnen und Schreiben, die jedoch nicht auf Erbanlagen zurückzuführen war, sondern auf unregelmäßigen Schulbesuch wegen der bitteren Armut ihrer Familie. Welch ein Segen wäre aber die Adoption z.B. für Jungen aus dem nahe gelegenen Josefsheim in Eckenhagen gewesen, die dort immer noch als „Minderwertige“ behandelt wurden, gedemütigt, misshandelt und vergewaltigt, ohne dass dasselbe Jugendamt dort eingeschritten wäre! Soviel zu diesem Kapitel „Nachkriegs-Nazi-Kontinuität“ in Oberberg und dem Fortwirken des NS- Menschen-bilds.

Nichts davon, Herr Klemmer, war in Ihrer Zeitung zu lesen. Stattdessen erschien ein langer Artikel, in dem eine ehemalige Schülerin berichtet, dass sie Kaufmann 1940 als liebevollen, den Schülern zugewandten Lehrer kennengelernt habe: „Er hat sich um jedes Kind bemüht“. Sie habe ihn 1940 als Klassenlehrer der Volksschule, kennenlernt und kann nur Gutes berichten. Es folgten ebenso apologetische Leserbriefe mit den üblichen Rein-waschungen: Er habe keine „Ausweichmöglichkeit“gehabt, daher sei es traurig, wie man solche Menschen in die rechte Ecke stelle“! Sie gipfelten in unsäglich zynischen Witzchen aus dem rechten „Schlussstrich“- Milieu wie der anzüglichen Frage, ob man heute überhaupt noch „ Führerschein“ oder „ Reichshof“ sagen dürfe.

Es ist bekannt, dass auch Gewaltherrscher und Naziverbrecher fürsorgliche Familienväter und zärtliche Liebhaber sein konnten – wie z.B. Hans Frank, der „ Schlächter von Polen“. So kann ich natürlich die guten Erfahrungen von Kaufmanns späteren Schülern ebenso wenig in Zweifel ziehen wie seine späteren Verdienste als „Heimatforscher“. Aber das relativiert und entschuldigt NICHTS von seinem (besonders radikalen) Einsatz – ideologisch und praktisch – für die NS-Rassenlehre, die ja die „Aussonderung“ und Vernichtung von behinderten Menschen als „ Lebensunwerte“, „Ballastexistenzen“ und „unnütze Esser“ unbedingt verlangte. 200 000 Krankenmorde waren die Folge dieses NS-Rassismus und Millionen „vernichtete“ Juden, Roma und andere „Minderwertige“.

Wer die Beteiligung daran verharmlost oder diese gleich ganz verschweigt, weil die Täter nach 45 als gute Nachbarn oder fromme Christenmenschen hervorgetreten sind, macht sich vor der Geschichte schuldig und trägt dazu bei, den Rassismus und Antisemitismus unter der Decke weiter am Leben zu halten.

Es kommt im Gegenteil darauf an, alles auf den Tisch zu legen, damit in den Biografien von Kaufmann (und anderen Nazitätern) erforscht werden kann, wie ein offenbar zur Empathie fähiger, gebildeter und christlicher Mitmensch zum Vollstrecker solch mörderischen Rassenwahns mutieren konnte. Nur so können wir und vor allem die heutigen Schüler die Anfänge kennen lernen, denen wir uns längst schon wieder erwehren müssen.

Ihre Berichterstattung wird dieser Pflicht zur rückhaltlosen Aufklärung nicht gerecht. Das zeigt sich auch daran, dass Sie meinen Leserbrief, der dies Versäumnis kritisch anprangert, nicht veröffentlichen. Er wäre der bislang einzige Beitrag in Ihrer Zeitung gewesen, der sich auf die historischen Fakten bezieht, wenn auch in scharfer Form. Aber eben mit diesen unangenehmen Fakten wollen Sie sich offensichtlich nicht auseinandersetzen, genauso wenig wie die oberbergische Politik und große Teile der Zivilgesellschaft. Immer noch nicht!

Die schnelle Umbenennung der Straßennamen durch den Nümbrechter Gemeinderat ist sicher die richtige und unvermeidliche Reaktion. Dass es ohne jede Diskussion geschah, könnte allerdings darauf hin deuten, dass zumindest einflussreiche Kreise ein weiteres Nachforschen in Oberbergs brauner Vergangenheit unterbinden wollen. Jedenfalls dann, wenn man es dabei bewenden lässt und der „Kaufmann/Schild-Skandal“ nicht als Anlass für weitere Nachforschungen in Nümbrechts und Oberbergs tiefbraunem Untergrund genommen wird. Es stellen sich hier doch wichtige Fragen hinsichtlich einer offensichtlich 70 Jahre lang unterlassenen „Vergangenheitsbewältigung“ z. B. die naheliegende, ob es noch andere „braune Leichen“ in Nümbrechts und Oberbergs „Kellern“ gibt. Werden diese Fragen in den Parlamenten nicht gestellt, drängt sich zwangsläufig der Eindruck auf, dass die Glut schnell ausgetreten werden soll, damit nicht daraus womöglich ein Flächenbrand wird: Denn bei Kaufmann/Schild handelt es sich ganz sicher nur um die aufgetauchte Spitze eines Eisbergs, dessen Großteil immer noch im Dunklen liegt. Und im Interesse Vieler sicherlich liegen bleiben soll.

Eine ähnliche vernebelnde Funktion erfüllte die 2012 vom Kreis in Auftrag gegebene historische Studie zur NS-Belastung von Kreisverwaltung und Kreistag vor und nach 45, die als Versuch einer ehrlichen und umfassenden Aufarbeitung kläglich gescheitert ist.

Mit dieser heiklen Aufgabe wurde nicht ein unabhängiger, fachkundiger Historiker beauftragt, wie es der Objek-tivität wegen erforderlich und üblich ist, sondern der beim Kreis abhängig beschäftigte Archivar. Entsprechend dünn und lückenhaft fiel das Ergebnis aus. Der Kreistag und seine Mitglieder wurden völlig ausgespart, obwohl dort bis in die 60ger hochkarätige Nationalsozialisten fast parteiübergreifend das Sagen hatten. Allein diese offensichtlich vorsätzliche Unterlassung entwertet diese Studie als Versuch einer ehrlichen Aufarbeitung und schützt bis heute belastete NS Täter. An oberster Stelle den OKD und Altnazi Goldenbogen („nicht der aller-schlimmste Nazi“), der mehr als 30 Jahre lang das Oberbergische autoritär regierte. Als Mitbegründer des Landschaftsverbands Rheinland ( LVR) und mächtiger Vorsitzender des Kulturausschusses hielt er bis Ende der 70er gemeinsam mit dessen Gründungsdirektor und NS-Kameraden Klausa die Hand über andere Nazis in Führungspositionen, auch solche, die wie Klausa selbst an der Judenverfolgung, dem Holocaust und den „Euthanasie“-Krankenmorden beteiligt waren.

Beim Landschaftsverband bewirkte diese personelle und ideologische Nazikontinuität, dass bis in die 80er in den Psychiatrien und Erziehungsheimen menschenunwürdige Zustände herrschten und Patienten und Heimkinder rechtlos gestellt und Misshandlungen und Erniedrigungen ausgesetzt waren.

Es gibt dafür weitere Beispiele. Sie sind nur erklärlich, weil in den Denk- und Persönlichkeitsstrukturen sehr vieler Mitmenschen immer noch Führerprinzip, Obrigkeitsstaat und Untertanengeist wirksam sind. Ebenso wie ein von Luther bis zu Hitler in der Bevölkerung tief eingeschliffener Antisemitismus und Ryssismus . Der ist 1945 nicht vom Winde verweht worden, sondern lebt seitdem unter der Decke des Verschweigens weiter. Wie weit er bis in die sog. Mitte der Gesellschaft reicht, wurde in Thüringen deutlich, als CDU und FDP Abgeordnete keiner-lei Berührungsängste mit dem AfD-Faschisten Höcke zeigten. Und vielleicht drückt sich unser verborgener Rassismus ja auch in der eiskalten Gleichgültigkeit und Gefühllosigkeit aus, mit der wir Wohlstandsbürger mittlerweile das schreiende Elend in „unseren“ Flüchtlingslagern achselzuckend hinnehmen.

Der Nümbrechter Robert Ley, der Reichsleiter der NSDAP und als „Reichstrunkenbold“ bekannt, gehörte bei den Nürnberger Prozessen zu den 24 Hauptkriegsverbrechern und war unter denen neben Julius Streicher der schlimmste Antisemit und wüsteste Hetzer gegen die Juden. Er hat sich in der Zelle erhängt, aber seine riesige, teils fanatische Gefolgschaft auch und gerade in den evangelischen Kirchengemeinden hat sich 45 ja nicht in Luft aufgelöst. Was haben all diese Nazis getan, wo sind sie geblieben?

Robert Ley wurde aber ebenso wie Otto Kaufmann nicht als Nazi geboren. Deshalb müssen wir herausfinden, wie er und andere Täter zu Antisemiten und Rassisten geworden sind, welche Rolle dabei Elternhäuser, Pfarrer und Lehrer gespielt haben. Der Rassismus wird ja vielleicht schon in die Seelen von Kleinkindern eingepflanzt, wenn sie aus Gesprächen von Erwachsenen mitbekommen, dass Begriffe wie Juden,“ Zigeuner“ „Neger“ oder Behinderte ständig mit negativem, verächtlichem Unterton verbunden sind. Wenn dann aber noch Autoritäts-personen wie Pfarrer die „Theorie“ ( z.B. Luthers Hetzschriften) dazu liefern oder der Nümbrechter Volksschul-lehrer seine Schüler dazu anleitet, jüdische Gräber zu schänden, dann wird die Grundlage dafür gelegt, dass latent vorhandener Antisemitismus in seine mörderische Form übergeht. Erst so konnten aus den unschuldigen kleinen Leys oder Kaufmanns emotional verkrüppelte kalte Vollstrecker der NS-Rassenlehre werden. Diese Wurzeln des Rassenwahns sind immer noch lebendig und dürfen nicht länger verschwiegen sondern müssen endlich offen-gelegt werden, um ihn wirksam bekämpfen zu können.

Solange aber nicht alle Institutionen und Organisationen ihre Verstrickungen in den NS und dessen Verbrechen offen legen und ihre Schuld bekennen, geraten die Gedenkveranstaltungen zu Inhalts leeren, oberflächlichen Ritualen, zu Alibi-Veranstaltungen, auch dann, wenn sie als „Bündnis gegen Rechts“ auftreten. Von der unverzichtbaren offenen und ehrlichen Aufarbeitung sind wir im Oberbergischen, wie durch Kaufmann/Schild jetzt wieder erschreckend deutlich wird, immer noch weit entfernt. Sehr weit!

Einer der Gründe dafür, Herr Klemmer, liegt darin, dass die Lokalpresse ihre Aufgabe in dieser Hinsicht nicht erfüllt und anscheinend lieber nicht (genau) hinsieht, wenn Ärger von mächtiger Seite droht.

Dieses Versäumnis kann sich bitter rächen. Denn es ist ja nicht ausgeschlossen, dass wir vielleicht bald durch Pandemieschäden und Klimawandelfolgen in eine ähnlich brisante politische Situation geraten wie Anfang der 1930er Jahre, als der Staat sozialer Not nicht mehr Herr wurde und den Nazis zur Beute fiel. Die neuen Faschisten, Rassisten und Antisemiten stehen doch schon zur Übernahme bereit und hinter ihnen auch wieder Kapitalkräftige Profiteure.

Ich werde deshalb den Fall Kaufmann/Schild erneut zum Anlass nehmen, beim Kreistag eine (diesmal ehrliche und vollständige) wissenschaftliche Aufarbeitung des NS in Oberberg vor und nach 45 anzuregen und dafür Unterstützer suchen. Und nochmals vorschlagen, das NS-Dokumentationszentrum damit zu beauftragen.

Ich hoffe, dass Sie und Ihre Zeitung diese Anregung unterstützen und sich selbst mit eigenen Recherchen an der Aufklärung beteiligen

Wenn Sie nicht selbst die unterlassene Berichterstattung über Kaufmanns Beteiligung am NS Rassismus nachholen, bestehe ich darauf, meinen Leserbrief als nötiges Korrektiv zu den unverantwortlichen apologetischen Entgleisungen zu veröffentlichen. Auch wenn er in bestimmten rechten Kreisen Wut und Empörung auslösen wird, obwohl (oder gerade weil) ja alle Angaben jedem Faktencheck standhalten.

Abschließen möchte ich mit einem Zitat von Friedrich von Weizsäcker:


Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird für die Gegenwart blind

Leserbrief zur Berichterstattung zur NS-Belastung von Otto Kaufmann und Dr. Schild

Zur Umbennung der Otto-Kaufmann-Straße und der Dr.-Schild-Straße gab es also im Nümbrechter Gemeinderat keine Diskussion, es war eine „Sache von wenigen Sekunden“. Das klingt in meinen Ohren wie „schnell weg mit dem ans Tageslicht gezerrten Nazischmutz“, damit der Teppich des Vergessens und Verleugnens wieder über die anderen nationalsozialistischen Relikte im ehedem tiefbraunen oberbergischen Süden ausgebreitet werden kann.

Keine Fragen? Kein Diskussionsbedarf? Wie es überhaupt zu der Ehrung des glühenden Nazis und Hitlerbejublers Kaufmann kommen konnte ? Eines radikalen Verfechters der Nazi-Rassenlehre, wonach neben Juden auch „Minderwertige“ als „lebensunwerte Ballastexistenzen“ zugunsten der Herrenrasse vernichtet werden mussten? Und wurden, auch schon lange vor dem Beginn der „Euthanasie“. Der Hilfsschullehrer Kaufmann nannte seine Schüler „minderwertig“ und „sonderte“ die „Schwächsten“ aus. Wohin? Sollte man nicht endlich erforschen, wie viele „minderwertige“ Oberberger umgebracht wurden, wieviele zwangssterilisiert? Und wer an den oberbergischen Krankenmorden beteiligt war, z B. an der Tötung sämtlicher Insassen eines Waldbröler Heims in der psychiatrischen Vernichtungsanstalt Meseritz-Obrawalde ?

Warum ist es ein engagierter Bürger, der Museumsleiter Kamp, der diesen Skandal aufdeckt und nicht die Lokalpresse als „vierte Gewalt“, das sogenannte „Bündnis gegen Rechts“ oder „Oberberg ist bunt, nicht braun“? Trotz neuer Nazibedrohung kein Interesse an Aufarbeitung ?

Dass der belastete Landrat Schild bis heute geehrt wurde, zeigt, dass der seinerzeitige Versuch einer NS-Aufarbeitung durch den Kreis weithin mißlungen ist: Wurde doch der Kreistag völlig ausgespart, der in den 50ern von Altnazis beherrscht war. In der SPD hatte der SS-Mann Nehls das Sagen, in der FPD der hochrangige SS-Führer Herrmann Schuster und die CDU wurde vom Altnazi OKD Goldenbogen autoritär regiert. Als mächtiger Chef des Kulturausschusses des LVR sorgte er zusammen mit dessen Direktor Klausa (einem NSDAP-und SA – Kollegen und NS-Landrat) dafür, dass schwerst belastete Nazis dort bis in die 70er unbehelligt ihr Unwesen treiben konnten. Beim LVR ist das historisch aufgearbeitet, beim Kreis steht das immer noch aus.

Vielleicht deshalb, weil sonst noch andere Straßen umbenannt werden müssen, wie etwa die Dr.-Goldenbogen-Straße in Waldbröl?

Leserbrief zum Artikel „Die Angst vor Übergriffen wächst“

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 marschierte ein Trupp SS-Männer von Drabenderhöhe ins tiefbraune Nümbrecht und verwüstete dort den jüdischen Friedhof. Am nächsten Morgen führte der Volkschullehrer seine Schülern dorthin und diese schändeten unter seiner Anleitung die jüdischen Gräber, welche die SS übersehen hatte. Die Nümbrechter Synagoge brauchten sie nicht in Brand zu setzen, sie war zuvor schon abgerissen worden.

Dies berichtete mir der langjährige Vorsitzende der Oberbergischen Christlich Jüdischen Gesell-schaft, Wilfried Hahn, und erklärte, dieser Lehrer sei eigentlich ein anständiger Christ gewesen und habe seine Untat später sehr bereut.

Wie kann denn aber ein gläubiger Mensch moralisch so tief fallen? Wie auch die vielen tausend anderen Christen, die sich an den Ausschreitungen der „ Reichskristallnacht“ so eifrig und freudig beteiligten? Eine Erklärung findet man in der antisemitischen Hetzschrift „Wider die Juden und ihre Lügen“ von Doktor Martin Luther. SS und SA haben dieses Pamphlet als mörderisches „Drehbuch“ genommen und genau das umgesetzt, was Luther darin fordert: Die Synagogen verbrennen, die Häuser der Juden dem Erdboden gleichmachen, sie verjagen …. Und sie haben für diesen Auftakt der Judenvernichtung ein starkes Datum gewählt, den 10. (nicht 9.!)November, Luthers Geburtstag.

Der Thüringer Bischof Sasse und andere evangelische Würdenträger haben das Pogrom zu Ehren des „Deutschen Helden“ bejubelt, (Hitler vollendet, was Luther begonnen hat), waren doch die Deutschen Christen oder auch die Diakone (SA Jesu Christi) mit „Sieg Heil“- Gebrüll und Hakenkreuz im Logo glühende Nazis, eine Art christliche Abteilung der NSDAP.

Die Stiftung Topografie des Terrors hat diesen kirchlichen Abgrund in der erschütternden Ausstellung „Überall Luthers Worte“ vielfach dokumentiert. (Der Katalog sollte schulische Pflichtlektüre sein). Aber in der Öffentlichkeit wird diese ideologische Wurzel der Nazi-Judenverfolgung bis heute totgeschwiegen, der wütige Antisemit wurde sogar vor Jahresfrist wie ein Popstar gefeiert. Eine ehrliche Aufarbeitung gibt es also bis heute nicht und so wabert das über Jahrhunderte verbreitete Luthergift im gesellschaftlichen Untergrund weiter und droht schon wieder zu einem Samenkorn für Mord und Totschlag zu werden.

Mit soviel braunem Unrat unter dem kirchlichen Teppich geraten die oberflächlichen Gedenkrituale mit immer denselben allgemein gehaltenen, wohlfeilen Verurteilungen des Antisemitismus zu immer verantwortungsloserer Heuchelei. Daß Juden dabei mitmachen, ist mir unbegreiflich.

Martin Luther im Nationalsozialismus – ein Leserbrief

Vor einigen Wochen habe ich im El-De-Haus die Ausstellung „Überall Luthers Worte – Martin Luther im Nationalsozialismus“ besucht. Ich wusste zwar zuvor schon von Luthers antisemitischen Hetzschriften, aber welchen überragenden Einfluss sie auf die Verfolgung und Vernichtung der Juden hatten, das ist mir erst in der Ausstellung klar geworden.*

Ausführlich wird z.B. dokumentiert, dass der Pogrome von 1938 heute zwar am 9. November gedacht wird, dass sie aber von SA und SS zu Luthers Geburtstag am 10. geplant waren und durchgeführt wurden.

Luthers Schrift „Wider die Juden und ihre Lügen“ wurde dabei wie ein Drehbuch benutzt, indem ihre Forderungen in die Tat umgesetzt wurden: Die Synagogen verbrennen, die Häuser und Schulen der Juden dem Erdboden gleichmachen, sie vertreiben und wegen ihres „verdorbenen Bluts“ erschlagen usw.. Große Teile der Führung der evangelischen Kirche bejubelten das (Hitler vollendet, was Luther begann) und viele tausend evangelische Christen beteiligten sich freudig an den Ausschreitungen. In 100000fachen Auflagen wurde die Hetzschrift und Broschüren dazu („Martin Luther über die Juden: Weg mit ihnen!“) verbreitet, im Prinzregententheater in München gab es entsprechende Lesungen.

Bis heute wird das weitgehend unter der Decke gehalten und bei den Gedenkveranstaltungen verschwiegen. Dieses jahrhundertelang verbreitete antisemitische Luther-Gift verschwindet aber nicht mal eben von allein, es wirkt untergründig weiter, wenn es nicht rückhaltlos offengelegt und offensiv aufgearbeitet wird.

Stattdessen wurde „der größte Antisemit seiner Zeit “ und der „Warner seines Volkes wider die Juden“ ( Landesbischof Sasse) vor 2 Jahren mit großem Pomp und über die Maßen weitestgehend kritiklos geehrt. Wie wollen die Kirchenleute denn dann einem Nazi-Brandstifter entgegen treten, wenn der sich auf Luther beruft? Oder denen, die den Rabbi angegriffen und beleidigt haben?

Es ist gesellschaftlich gefährliche Heuchelei, einerseits den Antisemitismus zu beklagen und Betroffenheit zu bekunden, andererseits aber dessen starke kirchliche Wurzel weiterhin zu ver-bergen. Ich kann nicht verstehen, warum die jüdische Gemeinde und die Christlich-Jüdische-Gesellschaft dagegen nicht lauthals prostestieren.

Es ist offenbar höchste Zeit, das nachzuholen.

*In diesem Zusammenhang möchte ich besonders auf den sehr informativen Begleitband zur Ausstellung hinweisen!

Uni Düsseldorf distanziert sich von Udo Klausa!

Im Dezember 2018 habe ich, zusammen mit 50 Mitunterzeichnern, in einem offenen Brief die Rektorin der Uni Düsseldorf aufgefordert, Udo Klausa die Ehrendoktorwürde zu entziehen.

Durch mehrere Studien ist inzwischen zweifelsfrei belegt, dass Klausa als nationalsozialistischer Landrat in Bendzin, nahe bei Auschwitz, zigtausende Juden in mörderische Ghettos treiben ließ. Wer die unmenschlichen Verhältnisse überlebte, wurde in Viehwaggons verladen und ins Gas von Auschwitz-Birkenau transportiert.

Seine rassistische und antisemitische Gesinnung hat er 1936 in seiner Schrift „Rasse und Wehrrecht“ zum Ausdruck gebracht, in welcher er u.a. forderte, „die guten Ströme des Bluts“ zu fördern und die „Entarteten auszusondern“.

Heute ist die offizielle Antwort der Uni Düsseldorf eingetroffen (hier als PDF), der offene Brief war offenbar „Drohung“ genug, um sie endlich zum Handeln zu zwingen. Das können wir als erfreulichen Erfolg verbuchen, auch wenn damit noch lange keine offensive NS-Aufarbeitung von LVR und Uni abgeschlossen ist. Aber immerhin ist die ungeheuerliche Ehrung eines NS- und Nachkriegstäters beendet („Wer die Täter ehrt, mordet die Opfer noch einmal“ – Ernst Klee).

Der Brief enthält aber für eine akademisch/wissenschaftliche Einrichtung wie eine Uni unentschuldbare Fehler: Klausa war nicht erst während des „2.Weltkriegs“ in den NS „verstrickt“, sondern als NSDAP- und SA-Mitglied seit 1933 und sehr stark mit seiner rassistischen und antisemitischen Abhandlung „Rasse und Wehrrecht“ 1936. Das war bei der Verleihung der Ehrenpromotion schon bekannt, wie konnte es also überhaupt dazu kommen?

Kaminsky/Roth haben nicht Klausas NS-Rolle in Polen untersucht, das hat vielmehr Mary Fulbrook getan und das Ergebnis in ihrem Buch “ A small town near Auschwitz“ veröffentlicht. Kaminsky/Roth haben Klausas Rolle nach 45 untersucht, so steht es ja auch im Untertitel. Die Uni kannte also bereits 2012  sämtliche Fakten zu seiner „NS-Verstrickung“, die zur heutigen Entscheidung geführt haben, und nicht erst 2016, wie die falsche Angabe es suggeriert. Mary Fulbrook hat damals sogar auf Einladung des Instituts für Geschichte, Theorie und  Ethik der Medizin an der Uni einen Vortrag dazu gehalten.

Warum ignorierte die Uni also bis zu unserem offenen Brief diese eindeutigen Fakten, die heute zu dem einstimmigen Beschluss geführt haben, sich von der Ehrenpromotion „ausdrücklich zu distanzieren“?

Leserbrief zur Berichterstattung zum „Pogromtag“

Wegen der alljährlichen Kirchenheuchelei zum Novemberpogrom habe ich wieder den alljährlichen Leserbrief verfassen müssen. Die Medienobrigkeit hat aber anscheinend die Schnauze davon voll (nicht von der Heuchelei). Dabei habe ich ihn kurz und knackig gehalten und denen mitgeteilt, sie brauchten diesmal nicht zu kürzen, ich hätte es selber schon getan. Hat nichts genützt, er ist nicht veröffentlicht worden.

Ich schrieb:

Es ist angesichts des anwachsenden Antisemitismus und Rechtsradikalismus sehr zu begrüßen, dass endlich auch über die Gewaltexzesse am “Reichspogromtag“ im Oberbergischen berichtet wird.

Wenn allerdings Superintendent Knabe die Schuld der Kirche bekennt, die im Wegschauen bestanden habe, so ist das nicht die ganze Wahrheit. Denn tatsächlich haben sich tausende evangelische Christen eifrig als „Freiwillige“ an den Ausschreitungen von SS und SA aktiv beteiligt und sich dabei auf Dr. Martin Luther berufen.

Das konnten sie, weil dieser in seiner Schrift „Über die Juden und ihre Lügen“ genau das Pogrom gefordert hat, was in der Nacht vom 9. zum 10. begann und bis zum 11.November andauerte: Synagogen niederbrennen, die Häuser und Geschäfte der Juden zerstören, sie verjagen und erschlagen.

Die Naziführung hatte das Datum mit Bedacht gewählt, denn am 10. November ist der Geburtstag des glühenden Antisemiten. Kirchliche Würdenträger wie der thüringische Landesbischof begrüßten die Untaten auch ausdrücklich unter Berufung auf Luther.

Das „Wegschauen“ vieler Christen ist also Anlass zu Scham, aber die aktive Beteiligung so vieler anderer an der Gewaltorgie gegen wehrlose Mitmenschen und deren theologische „Rechtfertigung“ durch Kirchenobere, das ist die wirklich schwere Schuld, die auch nach 80 Jahren immer noch unter einem Mantel des (Ver)Schweigens verborgen wird. Solange das so bleibt, kann keine ehrliche Aufarbeitung stattfinden und der „Schoß bleibt fruchtbar noch, aus dem das kroch“.

 

Europa: Bald vereinigt im Faschismus?

Über den blinden Fleck bei den links-alternativen Protesten gegen die AfD

Überall, wo die AfD auftritt, gibt es z.T. heftige Demonstrationen gegen gegen deren rechte, fremdenfeindliche und teils rassistische Politik, so auch vor kurzem in Gummersbach. Hier wird der Protest von einer Vereinigung organisiert, die sich „Oberberg ist bunt, nicht braun“ nennt.

Meine nachfolgende Kritik bezieht sich auf deren Demonstration, gilt aber sicherlich auch für die allermeisten anderen.

Nachdem ich die Berichte dazu und die Redebeiträge gelesen habe, hat sich ein sehr ungutes Gefühl bei mir eingestellt. Es verfestigt sich mein Eindruck, dass wir nämlich den Rechtsradikalismus der AfD lauthals anprangern, aber von eigenen Anteilen an rechten Geisteshaltungen und Verhaltensweisen oder denen der eigenen Partei schweigen; alles Rechte und Rechtsradikale der AfD aufladen um dann drauf zu dreschen und sie somit auch zum Sündenbock zu machen. Dabei tritt dann ein simples, manichäisches Weltbild zu Tage, welches mit der Realität in diesem Land fast nichts zu tun hat: WIR hier, DIE dort. Hier die Guten, da die Bösen. Aus der Rundmail von „Oberberg ist bunt, nicht braun“:

„Wir: 200 – die: 80. Wir: gute Stimmung, Musik, kreative Ideen – die: steife Reden, Selbstbeweihräucherung“.

Auf dieser flachen Ebene von Multikulti-Klischees bewegen sich alle Redebeiträge, bis auf den von Jürgen, der tiefer schürft. Doch die Zeit ist über diese Art links-alternativer, ebenfalls selbstbeweihräuchernder Rituale (z.T auch steifer Reden) hinweg gegangen. Längst sind globale Verteilungskämpfe um die schwindenden Ressourcen und Lebensgrundlagen entbrannt, wobei die egomanische, gewalttätige Verteidigung der westlichen Privilegien und des Wohlstands kein Alleinstellungsmerkmal der AfD ist, sondern parteiübergreifend stattfindet.

Als eine Person, die der „bunten“ oberbergischen Szene zugerechnet wird, schäme ich mich deshalb für diesen selbstgefälligen Auftritt fremd. Zu den Gründen einige Anmerkungen:

Die nationalistische, teils völkisch-rassistische AfD ist angetreten, um die deutsche Wohlstandszone (an der nicht alle gleichermaßen teilhaben) radikal zu verteidigen. Sie will zu diesem Zweck die deutschen Grenzen dicht machen und mit (militärischer) Gewalt gegen alle Eindringlinge vorgehen. Zum Teil liegt dem das NS-Menschenbild vom Herrenmenschen und Untermenschen zugrunde.

Nach innen verfolgt die AfD ein Staatsmodell, das unter Aufrechterhaltung einer demokratischen Fassade autoritäre bis faschistische Strukturen herausbildet, Erdogan läßt grüßen.

Deshalb wird zu Recht gegen die AfD demonstriert.

Die Politik der Bundesregierung und die der EU ist es, die EU-Außengrenzen radikal abzuschotten, um die europäische Wohlstandszone zu schützen (an der allerdings auch nicht alle Europäern gleichermaßen teilhaben). Dabei bedient man sich des türkischen Diktators sowie nordafrikanischer Despoten und Warlordbanden, die für Geld mit Mord, Folter, Vergewaltigung und Versklavung gegen die Flüchtenden vorgehen und andere dadurch abschrecken. Zu diesem Zweck lassen die EU und die Bundesregierung auch seit Jahren zu, dass tausende Geflüchtete auf Lesbos wie Tiere im Freien dahinvegetieren.

Macron und Merkel haben organisiert, dass quer durch Nordafrika eine Grenzsperre errichtet wird, vor der die vor Krieg und Hunger Flüchtenden in den Wüsten verdursten, fernab unserer Blicke und Kameras. Gerade wurde im TV berichtet, dass Algerien seit Jahren unzählige Geflüchtete mit Bussen bis weit hinaus in die Wüste karren läßt und sie dort aussetzt, Zehntausende sollen schon gestorben sein.

Wer dennoch diese Sperre überwindet, soll in Lagern wie denen in Libyen interniert werden und dort – welch widerlicher Zynismus – „Asyl“ in der EU beantragen dürfen.

Diese Abschottungspolitik ist sehr erfolgreich, denn die Flüchtlingszahlen gehen anhaltend stark zurück, obwohl ja die Fluchtursachen Armut, Elend, Ausbeutung, (kriegerische) Gewalt zunehmen.

Nach innen wird der Polizeistaat ausgebaut, in Bayern ist eine Vorbeugehaft eingeführt, die an die „Schutzhaft“ der Nazis erinnert. Sogar psychisch Kranke will man in Bayern wie im NS polizeilich „erfassen“.

Hiergegen rühren sich aber keine Proteste auf der Straße, obwohl doch das AfD-Programm in die Tat umgesetzt wird: Demos gegen die, welche das „Böse“ bislang nur fordern können, aber Schweigen gegenüber denen, die dieses „Böse“ tun, ist da denn nicht etwas total aus den Fugen geraten ?

Kann man denn in dieser Lage „böse“ (AfD) und „gut“ (alle andern im Parteienspektrum) wirklich so sauber unterscheiden?

Die abgehalfterte SPD-Abgeordnete Engelmeier kann das anscheinend und geißelt die böse AfD. Aber wenn ich mich nicht irre, ist ihre Partei seit Jahren an der Regierung und somit auch verantwortlich für die oben beschriebenen schweren Menschenrechtsverletzungen und Brutalitäten.

Auch zwei Grüne blasen vor Empörung über die rechten Rassisten die Backen auf, obwohl ihre Oberen bereit waren und sind, fast alle humanitären und ökologischen Grundsätze zu opfern, um endlich ebenfalls an Merkels Kabinettstisch Platz nehmen zu dürfen. Obwohl ein Innenminister Boris Palmer an Fremdenfeindlichkeit und Abschiebungseifer sich von einem Seehofer nicht übertreffen ließe, obwohl ihr Idol Kretschmann ein Elendsland nach dem anderen als „sicheren Drittstaat“ ( z.B. auch Algerien) anerkennt, um schnelle Abschiebungen zu ermöglichen.

Wer die unmenschliche Flüchtlingspolitik der AfD anprangert, aber zu den unmenschlichen Vorgehensweisen der eigenen Partei schweigt, muss man den denn nicht Heuchler nennen? Ist dann der ausschließliche Protest gegen die AfD nicht billig, „Gratismut“ (Enzensberger)?

Die Selbstgerechtigkeit solcher Anti-AfD Kämpfer wird aber besonders unangenehm, wenn es um die Fluchtursachen geht. Fluchtursachen bekämpfen, das fordern ja alle einschließlich der AfD unentwegt und leiern dieses Mantra ab wie das Vaterunser im Gottesdienst.

Wir wissen genau, was die Fluchtursachen sind und dass sie alle in der millionenfachen Folter namens Hunger enden. Wir alle verurteilen das immer wieder aufs Allerschärfste, bleiben dabei aber stets hübsch im Allgemeinen.

Wohlweislich, denn die Fluchtursachen haben identifizierbare Verursacher. Schaut man etwas zu genau hin, dann müssen wir im Hintergrund des Bildes – oh Schreck! – uns selbst erkennen, nämlich als Nutznießer des Konsumkapitalismus, der mit seinen globalen Raubzügen, Umweltzerstörungen, mit Ausbeutung und Klimawandel, letztlich hinter all dem Elend hervortritt und der die extreme Ungleichheit hervorruft.

Und eine Welt geschaffen hat, in der Milliarden Menschen für unseren Mindeststundenlohn z.B. als Näherin oder in der Kaukauplantage eine ganze Woche lang schuften müssen, wovon sie nicht satt werden können. Wir hingegen können uns von den Scheiß-9Euro drei T Shirts kaufen und nach zweimaligem Gebrauch wegschmeißen oder 15 Tafeln Schokolade futtern.

Das ist eine grausame Welt, beherrscht von einer Wirtschaft , die tötet und auch aus Mitmenschen Müll und Abfall macht, so die Analyse von Papst Franziskus. Im Blick auf uns sagt er in Wim Wenders sehenswertem Film, dass „wir alle etwas ärmer werden müssen“, um diesen Menschheitsskandal zu beenden. Natürlich muss die Weltherrschaft der Bankster, Spekulanten und Finanzverbrecher gestürzt werden, die Macht der globalen Konzerne gebrochen, aber ohne ein deutliches Runterfahren unserer Verbräuche, ohne Konsumverzicht hier wird für die Armen dort so oder so nicht genug zum Leben übrigbleiben können. Wie wir es auch drehen und wenden: Entweder werden wir deutlich „ärmer“ , oder es gibt keine humane Lösung.

Wer aber die extrem ungleiche Verteilung akzeptiert und die konsumistischen Privilegien als sein Recht ansieht, sich ganz selbstverständlich ihrer bedient und vom Staat erwartet, dass der diese auf jeden Fall absichert: Gehört der im Kern nicht selbst zu den Ausbeutern, Menschenverachtern und vielleicht sogar zu den Rassisten, egal ob er nun AfD oder CDUSPDFDPGRÜNELINKE wählt ?

Der Rechtsradikale, der eine Kreuzfahrt auf den Spuren der Wikinger macht, erzeugt genauso Klimaschäden und damit weitere Fluchtursachen wie der liberale Studienrat mit seiner Bildungsreise nach Fernost , der Linke mit dem Flug nach Kuba oder der Sextourist mit dem nach Thailand.

Dafür und für unsere gesamte Verschwendungs- und Vermüllungskultur lassen wir alle vornehmlich andere bezahlen, als Arbeitssklaven, Klimaflüchtlinge, als Hungerleider, als Kriegsopfer.

Die sogenannte Flüchtlingswelle von 2015 ist durch das blutige Kriegschaos im Nahen Osten verursacht worden, in welchem Syrien zerfetzt wird. Wurde diese Gewaltorgie denn nicht dadurch ausgelöst, dass im Irak ein Krieg um Öl geführt wurde mit dem Ziel, den Ölpreis niedrig zu halten, so dass wir unsere übermotorisierten Spritfresser weiterhin kostengünstig volltanken können ?

Die kapitalistische Wachstumswirtschaft und unser Lebensstil kommen bei Millionen unschuldiger Mitmenschen jeden Tag als strukturelle Gewalt an und als militärische, wenn sie sich nicht in ihr Schicksal fügen.

Weil wir so reich leben wollen, müssen sie so arm sein und bleiben.

Wer ehrlich ist, muss zugeben, dass diese Verhältnisse längst nicht nur AfD-Leute beibehalten und abgesichert haben wollen, sondern vermutlich die Mehrheit unserer Bevölkerung. Das zeigt sich auch an der beschämenden Tatsache, dass abertausende Wähler auch von der Linken ruckzuck zur AfD überwechseln, sobald sie das Gefühl haben, durch Flüchtlinge würde ihnen was genommen (was ja bei den hiesigen Armen leider stimmt, bei der Mittelklasse aber gar nicht)

Wie hohl klingen dem allen gegenüber in der Gummersbacher Rede der Grünen die sattsam bekannten grün-alternativen Textbausteine , in denen die Würde des Menschen beschworen wird und Geflüchtete in eine Reihe gestellt werden mit Alleinerziehenden, Demenzkranken, Hartz 4- Beziehern, Pflegebedürftigen, Behinderten, Schwulen und Lesben.

Soweit es sich um Deutsche handelt, wird die AfD wie andere Neoliberale wohl kaum gegen kleine Verbesserungen sein, aber darauf verweisen können, dass andere (z.B. die Grünen) für deren prekäres Leben verantwortlich sind; was Homosexuelle angeht, zeigt die AfD eine geradezu vorbildliche Toleranz: Hat sie doch eine bekennende Lesbe zur Vorsitzenden der Bundestagsfraktion gewählt; auch der stramm rechte Unionsminister Spahn fühlt sich in seinem politischen Umfeld als Schwuler offensichtlich wohl. Unsere diesbezüglichen alten Sprüche laufen also voll an der AfD vorbei ins Leere. Einige Rosinen aus der „grün-versifften“ 68er Revolte hat sie sich freudig heraus gepickt.

Welch ein Rohrkrepierer, wenn der grüne Redner der AfD vorwirft, es sei „diesen Leuten vollkommen egal, was aus Menschen wird, die in Not sind“. Sie würden sich oft „auf christliche Traditionen und Werte berufen“, um dann fortzufahren: “Was sind denn das für Werte, wenn man tausende Menschen in Konzentrationslagern – die verschämt Ankerzentren genannt werden – zusammenfasst und ihnen die Würde nimmt oder sie gleich im Mittelmeer ertrinken läßt“.

Offensichtlich ist dem Redner gar nicht klar, dass seine zutreffende Beschreibung mit AfD falsch adressiert ist, weil diese ja (noch) keinerlei Entscheidungsmacht besitzt um z.B. „Konzentrationslager“ einzurichten. „Diese Leute“ sind also in Wahrheit die Spitzenkräfte der Regierungsparteien CDU, CSU und SPD, wobei auch die von FDP, Grünen und teilweise auch Linken hinter der „Sicherung“ der nach Afrika verschobenen EU-Außengrenzen stehen.

Um die Verwirrung weiter zu steigern: Die oberbergischen Ableger dieser Parteien, „dieser Leute“, haben sich allesamt in einem „Bündnis gegen Rechts“ vereinigt, zusammen mit Kirchen, Gewerkschaften, ca 80 weiteren Organisationen wie auch „Oberberg ist bunt, nicht braun“ . Im Ranking verlogener Veranstaltungen stehen diejenigen dieses Bündnisses ganz weit oben.

Als ich es einmal wagte, dort eine unsäglich verharmlosende Äußerung vom Vizelandrat Prof. Wilke (FDP) zum 2. Weltkrieg zu kritisieren, in der er die Deutschen zu Opfern erklärte, da machte er mich in einer primitiven Schimpfkanonade nieder, als hätte ich eine Majestätsbeleidigung begangen. Keiner trat diesem autoritären „rechten“ Ausfall entgegen, auch die „bunten Oberberger“ duckten sich feige weg, allein die Künstlerin Christine Bretz hatte den Mut, dagegen und gegen das Schweigen der andern zu protestieren.

Zum endgültigen „Erfolg“ fehlt diesem Bündnis nur noch, dass auch die AfD beitritt, um sich von der noch weiter rechts stehenden NPD abzugrenzen: Allen wohl und niemand weh, Karneval beim MCC.

Auch Gerhards Versuch, in den Biografien der AfD-Mandatsträger das „Böse“ heraus zu destillieren, gerät beim Abgeordneten Espendiller zu einer Peinlichkeit: Weil sich offenbar nichts greifbar Rechtsradikales finden läßt (den früheren Vorwurf einer Krimreise muss G. zurück nehmen), behilft sich Gerhard mit psychologisierenden Vermutungen über die Gründe von dessen AfD-Mitgliedschaft, die man genauso auch für tausende Mandatsträger anderer Parteien anstellen könnte. Bringt uns das irgendwie weiter?

Ich meine nach alledem, es wäre Zeit inne zuhalten und die alten links-alternativen Rituale auf ihre Tauglichkeit in der politischen Gegenwart zu überprüfen. Und es scheint ebenfalls notwendig zu sein , angesichts der Zeitenwende und des Grundkonflikts dieses Jahrhunderts die politischen Fronten neu zu sortieren: Vor uns der immer härter werdende Kampf um schwindende Ressourcen und Lebensgrundlagen bei gleichzeitig enorm anwachsender Weltbevölkerung.

Carl Amery hat den Nazifaschismus und Auschwitz nicht als Rückfall ins Mittelalter gesehen, sondern als Vorläufer, quasi als teuflische Generalprobe für diesen unausweichlichen Überlebenskampf aller gegen alle im 21. Jahrhundert. („Hitler als Vorläufer – Auschwitz- Beginn des 21. Jahrhunderts?“ , Luchterhand Verlag)

Die ungebremst fortgesetzte Natur- und Klimazerstörung im Verein mit der rasanten Ausbreitung faschistischer und faschistoider Ideologien und Handlungsweisen im gesamten Parteienspektrum und den Mainstream-Medien scheint für seine düstere Vision zu sprechen.

Leben wir hier denn nicht wie “Herrenmenschen“, während unsere Arbeitssklaven in den Ländern des Südens unter denselben Lebensbedingungen leiden, welche die SS für die slawischen „Untermenschen“ vorgesehen hatte ?

Seit 3 Jahren zerbomben und zertrümmern die Saudis mit ihren Kumpanen den armseligen Jemen mit Waffen, an denen Rheinmetall fette Profite macht. (deren Ausfuhrgenehmigung übrigens auch nicht die AfD erteilt hat). Zu den ständig neuen Toten und Verletzten tritt eine wachsende Hungersnot hinzu und eine Cholera-Epedemie. In dieser Situation blockieren die Saudis den einzigen Hafen und verhindern Hilfe von außen. Für mich ist das Völkermord.

Wer hätte denn vor kurzem noch für möglich gehalten, dass private Schiffsbesatzungen, die Menschen vor dem Ertrinken retten müssen, weil die Staaten das unterlassen, nicht etwa belobigt, sondern als kriminelle „Schlepper“ verfolgt werden ?

Bin ich eigentlich völlig abgedreht, wenn mich die eiskalte Gleichgültigkeit, mit der unser „humanitärer“ Westen das achselzuckend hinnimmt, an dieselbe abscheuliche Gleichgültigkeit erinnert, mit der die viele tausende Akteure im „Dritten Reich“ Behinderte als „Lebensunwerte“ oder „unnütze Esser“ töteten oder verhungern ließen?

Wenn wir es unterlassen, uns über diesen Zustand unserer Welt zu verständigen, werden wir blind für die wirkliche Gefahr und wir bemerken vielleicht gar nicht mehr, dass wir von den Mächtigen instrumentalisiert werden. Vielleicht präsentieren sie uns ja die AfD, damit wir uns an ihr abarbeiten, während sie hinter den Kulissen in aller Ruhe eine neue faschistische Weltordnung organisieren. Trump ist dabei schon weit fort-geschritten, aber die EU holt kräftig auf.

Es müsste ja tatsächlich wieder das Naziprinzip Herrenmensch/Untermensch gelten und mit militärischer Gewalt durchgesetzt werden, wenn der relativ kleine Teil der Menschheit on the sunny side of the street seine von Gier dominierte Lebensweise mit obzönen Verbräuchen und katastrophalen Schäden fortsetzen will. Den Wesenskern dieser Art zu leben bringt ein perverser Werbespruch kurz und knackig auf den Punkt: „Shoppen. Immer. Überall. Kaufhof“ – Dasselbe von der andern Seite betrachtet: „Vergiften/Vermüllen/Versklaven/Vernichten. Immer. Überall. Konsumkapitalismus.“

Nun meine ich, es wäre Zeit, über die Kernfrage der Zukunft zu diskutieren und zu streiten bis die Köpfe rauchen. Dies hier soll ja auch ein Versuch sein, das anzustoßen.

Ich befürchte aber, dass in Zeiten von Facebook, Twitter & Co sich der Unfähigkeit zu trauern die Unfähigkeit zu offener und lebendiger Diskussion hinzugesellt hat. Dass wir in unseren jeweiligen Blasen bald nur noch oberflächliche Statements und Tweets austauschen können, Fotos vom Urlaub, dem Abendessen oder der Demo posten, Smileys verteilen und blind dafür werden, dass rundherum die „Wirtschaft, die tötet“ mehr und mehr einen mörderischen Faschismus des 21. Jahrhunderts gebiert.

Damit wäre dann das Ende von Demokratie, Freiheit und Menschenwürde eingeleitet sowie der physische und kulturelle Ruin unseres immer noch wunderbar schönen blauen Planeten.

Leserbrief zum Artikel „Zeichen setzen gegen den Antisemitismus“

Leserbrief zum Artikel „Zeichen setzen gegen den Antisemitismus“

Wieder dasselbe oberflächliche Ritual zur Reichsprogromnacht: Betroffenheitsbekundungen, scharfe Verurteilung von Antisemitismus und Rassismus, das jüdische Totengebet, Schülerauftritt und wir alle gehen als die Guten nach Hause.

Dabei wäre es gerade in diesem Jahr so wichtig gewesen, endlich auf die tieferen Ursachen der nationalsozialistischen Verfolgung und Vernichtung der Juden zu sprechen zu kommen. Denn die sind zu einem sehr großen Teil in dem mörderischen Antisemitismus des so pompös gefeierten Jubilars Martin Luther zu finden. An den Progromen des 9.November 1938 zeigt sich dies besonders deutlich. Der Ablauf dieser Gewaltorgie entsprach nämlich genau den menschenverachtenden Forderungen Luthers in seiner Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“: Synagogen und Schulen verbrennen, Häuser zerstören, Juden vogelfrei machen, ausplündern, erschlagen…

Anlass war zwar das Attentat eines verzweifelten jüdischen Jugendlichen auf einen deutschen Diplomaten in Paris am 7.11., wonach zunächst ein paar vereinzelte Übergriffe folgten. Doch SA und SS inszenierten dann das Progrom in der Nacht zum 10.11., denn dieses Datum kam sehr gelegen:

„Am 10. November, Luthers Geburtstag, brennen in Deutschland die Synagogen (…) In dieser Stunde muss die Stimme eines Mannes gehört werden, der als der Deutschen Prophet (…) im 16. Jahrhundert der größte Antisemit seiner Zeit geworden ist, der Warner seines Volkes wider die Juden“, so begrüßte der thüringische Landesbischof Sasse die Untaten, an denen sich viele, viele Christen beteiligten. Der evangelische Reichsbischof erklärte, Hitler vollende nun, was Luther begonnen habe.

Dieser Hintergrund des Nazi-Antisemitismus wird weithin tabuisiert, vermutlich haben die Schüler nie davon gehört und die lauen Schuldbekenntnisse seitens der Kirche führen in die Irre:

Man habe sich nicht genug gegen die Nazis gewehrt. So als sei der Nationalsozialismus als etwas Fremdes über die deutschen Christen gekommen. Der Wahlforscher Falter hat herausgefunden, dass jeder zweite evangelische Christ 1932 NSDAP gewählt hat. Die “Deutschen Christen“ waren eine Naziorganisation mit Hitlergruss und Hakenkreuz in ihrer Fahne. Nichts Kirchen-“Fremdes“ also, etwas sehr „Eigenes“. Widerstand leisteten nur wenige Einzelne wie Dietrich Bonhoeffer.

Wer diese Wurzeln des Antisemitismus weiterhin nicht wahr haben will und sich immer noch nicht zu seinem Anteil daran bekennt, der macht sich vor der Jugend schuldig. Wie will er denn heute dem Neonazi entgegentreten, der einen Anschlag auf eine Synagoge verübt hat und sich auf den so hoch geehrten Luther beruft ? Der habe es so nicht gemeint?

Es ist auch kein echtes Zeichen gegen Antisemitismus, Partnerschaften mit israelischen Orten zu pflegen, aber hier wie dort zutiefst beschämende historische Wahrheiten zu leugnen oder totzuschweigen. Dabei wären ehrliche Zeichen angesichts des anwachsenden Rassismus und Antisemitismus doch so dringend nötig.

Nachtrag:

Ich hatte zu meinem Leserbrief extra noch ein kleines Anschreiben verfasst, daß ich dem interessierten Leser meines Blogs auch nicht vorenthalten möchte:

Sehr geehrter Herr Klemmer,

im Anhang finden Sie einen Leserbrief, dessen Inhalt Sie vielleicht als problematisch betrachten. Deshalb weise ich darauf hin, dass alle Tatsachenbehauptungen sorgfältig recherchiert und nachprüfbar sind und dass ich aus Platzgründen auf weitere Zitate verzichtet habe.

Wie ich bereits Ihrem Herrn Thies im Gespräch mitgeteilt habe, hätte ich mir auch diesen Leserbrief gern verkniffen, wenn von Seiten Ihrer Redaktion, etwa in einem Kommentar, die bei den Gedenkveranstaltungen unterschlagenen Informationen der Leserschaft zugänglich gemacht worden wären.

Ich gehe jedenfalls davon aus, dass wir darin übereinstimmen, dass ganz besonders die jungen Menschen einen Anspruch auf die ganze Wahrheit haben. Mag sie auch noch so unangenehm sein.

Mit freundlichen Grüssen, Lothar Gothe Eckenhagenerstr. 33,
51702 Bergneustadt 02265 / 7357

Der Brief ist dann – erwartungsgemäß – nicht abgedruckt worden.

Zweiter Nachtrag:

Auf diesen „unveröffentlichten Leserbrief“ hat dann am 29.11.2017 Herr Dechant Christoph Bersch mit einer an mich adressierten Email reagiert. Der daraus entstandene Mailwechsel ist so interessant – und aufschlussreich – daß ich ihn der geneigten Leserschaft nicht vorenthalten möchte. Auch, wenn dieses Vorgehen als „unfein“ empfunden werden könnte. Hier geht es weiter.