Das Hofkozert! Die „Talking Horns“ in der freien Republik Hüngringhausen

Die fabelhaften „Talking Horns“ spielen am Samstag, 3.7.2021, ab 18:00 Uhr!

Das Bläserquartett aus Köln spielt ein jazziges, abwechslungsreiches, kreatives Repertoire auf unserer Streuobstwiese – (aka Thomas Münzer Arena, benannt nach dem Bauernrevolutionär). Wir freuen uns auf Achim Fink, Bernd Winterschladen, Stefan Schulze und Reiner Witzel (vertritt Andreas Gilgenberg).

Es gelten ein paar Corona Regeln s. u. – außerdem müssen wir dokumentieren wer da war, damit wir die Teilnehmenden erreichen können, falls es notwendig ist, daher bitten wir Euch, euch alle unter <https://kurzelinks.de/br6q> https://kurzelinks.de/br6q eintragen!

 

Ein paar Dinge zu beachten:

* Statt Eintritt lassen wir einen Hut für Band und Ausgaben rumgehen, jeder gibt so viel er kann
* Sitzen könnt ihr auf der Wiese oder auf Holzklötzen oder ihr bringt eigene Sitze oder Picknickdecken mit. (Je höher die Sitze, desto weiter nach hinten setzten bitte
* Parken geht nicht im Dorf direkt, sondern bitte alle auf dem Wanderparkplatz und auf unserer Wiese zwischen Baldenberg und Hüngringhausen, von da aus den Wanderweg etwa 1 km weiterlaufen, dann landet man direkt bei uns.
* Corona Regeln besagen aktuell, dass bis zu 200 Menschen draußen, ohne Maske und auf Abstand zusammenkommen dürfen. Wir werden nicht mehr als 100 Teilnehmer:innen einladen. Bitte achtet während der gesamten Zeit auf den Abstand. Wir wollen niemanden gefährden, die Teilnahme erfolgt auf eigenen Gefahr.
* Nachweis: Wir bitten um den Nachweis eines negativen Tests (max. 48h), bzw. über Genesung oder Impfung (14 Tage Abstand).
* Wir müssen die Kontaktdaten sicherstellen, daher bitte alle unter dem Link <https://kurzelinks.de/br6q> https://kurzelinks.de/br6q registrieren.
* Getränke bieten wir in Flaschen an.
* Helfende Hände sind immer willkommen. Gerne melden bei Dorle Gothe 01520 9840809, dorle.gothe@kommunare.de <mailto:dorle.gothe@kommunare.de>

 

Antwort auf die Stellungnahme von Gerhard Pomykaj auf meinen offenen Brief an Herrn Klemmer

Hallo Herr Pomykaj,

Nachdem ich Ihre Stellungnahme gelesen habe, ist mir zunächst aufgefallen, dass wir die Verhältnisse im Hinblick auf den alten und neuen NS aus sehr unterschiedlichem Blickwinkel betrachten und bewerten. Sie tun das als als Historiker, der mit wissenschaftlicher Distanz Fakten ermittelt und einordnet, möglichst „objektiv“ und möglichst wenig emotional. Ich hingegen kämpfe nunmehr seit 50 Jahren an der Seite von Opfern dieser Verhältnisse für ihre mit Füßen getretenen Menschenrechte und bin von daher auch emotional eingebunden und verhehle nicht, dass ich in dieser Auseinandersetzung eindeutig parteiisch bin.

Mein offener Brief war ursprünglich viel zu lang geraten, einige der weggelassenen Passagen füge ich aber zur Erläuterung meiner Thesen im Anhang bei.

Es liegt mir fern, Ihre wissenschaftliche Qualifikation und Ihr wissenschaftliches Ethos „masssiv in Frage zu stellen“. Dazu weiß ich – wie Sie zu Recht vermuten – viel zu wenig von Ihnen und kenne die allermeisten Ihrer Arbeiten nicht, kann mir also kein Urteil über den Historiker Pomykaj erlauben.

Beurteilen kann ich aber sehr wohl Ihr Verhalten in meiner Auseinandersetzung mit der oberbergischen Politik im Hinblick auf die bislang sträflich versäumte ehrliche und wahrhaftige Aufarbeitung des Nazirassismus und Antisemitismus. Da allerdings bieten Sie in meinen Augen gerade auch als Historiker Anlaß zu deutlicher Kritik.

Ich hatte seinerzeit beim Kreistag angeregt, dem Beispiel des LVR zu folgen und die nationalsozialistischen Ver-strickungen von Kreis und oberbergischen Kommunen vor und nach 45 von unabhängigen Historikern erforschen und aufarbeiten zu lassen, sowohl was Personal als auch was die Ideologie betrifft. Die umfangreichen Forschungen zu dem bis 1975 autoritär regierenden Gründungsdirektor Klausa (insbesondere das „Opus magnum“ von Kaminsky/Roth) haben neben der Beteiligung dieses Altnazis am Holocaust aufgedeckt, dass bis in die 70er schwerste Menschenrechtsverletzungen in Psychiatrien und Heimen an der Tagesordnung waren. Fortwirkender Nazigeist war eine offensichtliche Ursache und vor allem auch ein Führungspersonal, welches in der einen oder anderen Position an der Judenvernichtung und den Krankenmorden beteiligt war. In den Forschungsprojekten geriet auch das Oberbergische ins Visier, vor allem durch die auch im LVR mächtige Figur Goldenbogen, ein ebenso autokratischer und NS belasteter Herrscher wie Klausa.

Der Kreisausschuss beschloss, meiner Anregung zu folgen. Es zeigte sich aber, dass die Verwaltung den Beschluss nicht wie beim LVR umsetzte. Es wurde nicht ein unabhängiger Historiker beauftragt, sondern Sie als der beim Kreis abhängig beschäftigte Historiker. Sodann – so erfahre ich jetzt von Ihnen- war Ihr Auftrag gar kein zielgerichtetes Forschungsprojekt, eine wissenschaftliche Studie, sondern lediglich ein Vortrag auf der Grundlage von Kenntnissen, die Sie über Jahre in anderen NS Zusammenhängen erlangt hatten.

Darin sehe ich bereits eine Manipulation seitens Ihrer Vorgesetzten mit dem Ziel, tiefer gehendes Schürfen in den besonders tiefen Abgründen des oberbergischen Nazismus zu vermeiden. Der Auftrag war in meinen Augen eine Zumutung, Sie hätten ihn als unethisch ablehnen können oder müssen. Denn es ist ja völlig klar, dass es Druck auf Sie ausübt, wenn Ihr Arbeitgeber, die Kreistagsmehrheit und die Verwaltungsspitze, durch zu genaues Hinsehen schwerwiegende Imageschäden zu befürchten hat, was ja hier der Fall ist. Deshalb gilt ja gerade die Unabhängigkeit des Forschenden als unverzichtbare Voraussetzung für objektive Forschung.

Entsprechend lückenhaft und verharmlosend fiel ihr Vortrag aus. Im Interview mit Herrn Klemmer äußern Sie sich heute deutlich kritischer sowohl zur Einstellung der Bevölkerung als auch zu den Netzwerken der Nazibonzen, die Sie nach meiner Erinnerung damals gar nicht erwähnt haben. Erwähnt haben Sie den Einsatz der Brüchermühler für Leys Mitarbeiter Marenbach, einen großen Bogen haben Sie aber gemacht um den absoluten Nazi-Hotspot Nümbrecht, der jetzt wieder im Rampenlicht steht (siehe Anhang „Nümbrecht“).

Meine „Fixierung auf Goldenbogen“ ? Was für eine Frage! Er hat als autoritärer Machtpolitiker 30 Jahre lang Oberberg autokratisch beherrscht (GM= Goldenbogens Machtbereich) und so einen demokratischen Neuanfang nach 1945 blockiert. (Eine „Kostprobe“ im Anhang). Darin war er seinem Hauptmannkollegen und NSDAP- und SA- Genossen Klausa beim LVR, sehr ähnlich, der sich ebenfalls „schwer tat mit der Demokratie“. Beide haben im LVR eine NS Aufarbeitung verhindert, Klausa als Landesdirektor und Goldenbogen als mächtiger Chef des zuständigen Kulturausschusses (Goldenbogens Betätigung in der SA haben Sie übrigens im Vortrag nicht erwähnt). Die Naziverseuchung des mächtigen Verbandes und somit die fortgesetzte Be- und Mißhandlung von Kranken und Heimkindern als „Minderwertige“ und “Untermenschen“ bis in die 80er gehen somit zu großen Teilen auf beider Konto.

In den letzten Jahren habe ich immer wieder versucht, eine NS Aufarbeitung in Gang zu bringen oder Ver-tuschungen aufzudecken, oft in Leserbriefen. Dabei habe ich keinerlei Unterstützung erfahren, weder von Ihnen, Herr Pomykaj, noch von Gerhard Jenders und „Oberberg ist bunt, nicht braun“.

Gerhard Jenders weiß, dass ich ihn dafür achte, dass er beharrlich die alte Friedensbewegung lebendig gehalten hat. Mittlerweile muss ich jedoch leider feststellen, dass auch er und seine Mitstreiter kein Interesse an einer echten NS-Aufarbeitung erkennen lassen, jedenfalls dann nicht, wenn sie einigen mächtigen „Bündnispartnern gegen Rechts“ weh tut. Beispiele:

Jeder Historiker und jeder Nazigegner hätte aufschreien müssen bei der unsäglichen Geschichtsklitterung, welche auf der Hompage der Christlich-Jüdischen Gesellschaft jahrelang zu lesen war, dass nämlich die „Mitläufer und Mittäter“ der Nazis „ehrenwerte und gutwillige“ Mitmenschen gewesen seien. Doch alle schwiegen dazu, auch Sie. Erst auf Grund meiner Proteste wurde diese skandalöse Aussage entfernt und durch ein leider auch wieder problematisches Zitat von August Dresbach von 1947 ersetzt. „ … Aber ich bin nicht geneigt, über all die politisch ungeschulten Menschen den Stab zu brechen, die damals glaubten, es sei eine neuere und bessere Welt entstanden.“ Welchen Schulabschluss, fragt man sich, musste man denn haben, um den Naziterror als solchen erkennen zu können? Millionen „Ungeschulte“ erkannten ihn durchaus und sei es am eigenen Leibe.

Oberberg ist bunt, nicht braun“ “ ruft jährlich zur Teilnahme am Nümbrechter Gedenken zum Pogromtag auf und ignoriert ebenfalls bis heute die aktive Beteiligung des Mitveranstalters Evangelische Kirche an diesem Auftakt der systematischen Judenvernichtung: Fand es doch gezielt zu Luthers Geburtstag am 10.11. statt, die brennenden Synagogen bejubelt von Bischöfen und Pfarrern, wobei die mörderische antisemitische Hetzschrift „Wider die Juden und ihre Lügen“ des hoch geehrten „Deutschen Helden“ das Drehbuch lieferte. Vermutlich spielte diese in der Entwicklung von Robert Leys zu dem extremen Judenhetzer eine prägende Rolle. Durch das beständige allgemeine Verschweigen dieses historischen Hintergrunds, sehr gut dokumentiert in der Ausstellung „Überall Luthers Worte“ von „Topografie des Terrors“, gerät das Gedenken vor allem im Hinblick auf die Evangelische Kirche in meinen Augen Jahr für Jahr erneut zu abstoßender Heuchelei. Wäre es denn nicht angebracht, am Gedenktag mal Zitate aus Luthers Hetzschrift und den abscheulichen kirchlichen Kommentaren zum Pogrom vorzutragen („Hitler vollendet, was Luther begonnen hat“)?

Das sogenannte Bündnis gegen Rechts tritt im Wesentlichen mit oberflächlichen Lippenbekenntnissen und wohlfeilen allgemeinen Verurteilungen von AfD und Rechtsradikalismus in Erscheinung, die niemandem weh tun und nichts erklären. So wie z. B. ein Protest oder eine Menschenkette gegen die rassistischen Morde von Hanau. Weil ja sowieso so gut wie alle dagegen sind, handelt es sich um wirkungslosen „Gratismut“ (Enzensberger). Warum aber ist es in diesem erlauchten Kreis von Honoratioren aus Politik und Zivilgesellschaft kein Thema, dass CDU und FDP in Thüringen kein Problem damit hatten, nicht nur mit der AfD, sondern ausgerechnet mit dem AfD-Faschisten Höcke zusammenzuarbeiten? Kein Gesprächsbedarf?

Welch absurdes Theater in diesem Scheinbündnis möglich ist, erlebte ich fassungslos bei einer Versammlung, als der Vizelandrat Wilke die von Rechten und Rechtsradikalen verbreitete Kriegsschuld-Relativierung zum Besten gab: Dass wir Deutschen auch Opfer des Krieges seien, als wäre der als eine Art Naturkatastrophe über Polen, Deutsche etc. hereingebrochen. Als niemand widersprach, habe ich das getan und wurde von Wilke von oben herab wutentbrannt „zur Sau gemacht“. Alle duckten sich weg, nix mit „Arsch huh, Zäng useinander“, nur die Künstlerin Christine Bretz wagte es, vor ihrem Auftritt auf die peinliche allgemeine Feigheit hinzuweisen.

Ein solches „Bündnis mit Rechten gegen Rechts“ kann doch nur vernebeln und nicht aufarbeiten.

Und da ich schon mal beim „ Abrechnen“ bin, hier noch ein „frisches“ Beispiel für die partielle Blindheit der Lokalpresse gegenüber dem heimatlichen NS:

Ende letzten Jahres erschien ein Forschungsergebnis des Historikers Alexander Friedman als Buch: „ Der Direktor des Landschaftsverbands Rheinland Udo Klausa (1910-1998) im Spiegel von Weggefährten und Kritikern“, Metropol-Verlag. In Interviews mit rheinischen Führungskräften aus Politik und Verwaltung werden die psychischen Verdrängungsmechanismen im Umgang mit der NS-Belastung am Beispiel Klausa offen gelegt und vorgeführt, in welch bedrückender Art und Weise sie in der Lage waren, allen „Nazischmutz“ von sich oder der Kollegen abzuspalten und sich als „anständig“ geblieben dastehen zulassen. Da auch Goldenbogen eine Rolle spielt, habe ich das Buch der OVZ Mitarbeiterin Siegfried-Hagenow gegeben, in der Hoffnung, dass durch einen Bericht darüber Oberbergs NS und die Rolle Goldenbogens zum Thema wird. Ich bekam das Buch aber zurück mit der Bemerkung, für einen Bericht fehle „der lokale Bezug“. Diese fast lächerliche Ausrede geht vermutlich auf Herrn Klemmer zurück: Oberberg nicht Teil vom LVR? Goldenbogen dort keine mächtige Figur? Wurden keine Oberberger in Psychiatrien und Heimen mißhandelt? Da ansonsten „lokale Bezüge“ notfalls an den Haaren herbeigezogen werden, scheint bei NS/Goldenbogen also immer noch ein Tabu wirksam zu sein. Vielleicht störte zusätzlich noch, dass der Einsatz vom „linksradikalen“ SSK und auch mir persönlich sehr positiv gewürdigt wird.

Was Ihre Ausführungen zu meinem Vater betrifft, Herr Pomykaj, haben Sie Recht, was seine Beteiligung als Offizier an den Verbrechen der Wehrmacht beim Vernichtungskrieg im Osten betrifft. Unrecht haben Sie jedoch mit der Unterstellung, ich habe mich damit nicht auseinandergesetzt. Da haben Sie nicht genügend recherchiert.

Allerdings habe ich bis zur „Wehrmachtsausstellung“ auch an die Legende geglaubt, die Verbrechen seien im Wesentlichen allein auf das Konto von SS und Einsatzgruppen gegangen. Danach erst konnte ich mir das Schicksal meines Vaters erklären, der im bürgerlichen Leben am Ende gescheitert und als Alkoholiker geendet ist. Auch er hat über die Kriegszeit geschwiegen, sich aber Zeit seines Lebens für soziale Projkte eingesetzt (und sein kleines Steuerberaterbüro sehr vernachlässigt). Auch im Rat der Gemeinde Lieberhausen, zuerst für die CDU. Weil die und die Katholische Kirchengemeinde Belmicke sein Siedlungsprojekt für (meist evangelische) Flüchtlinge nicht unterstützte, trat er aus, wurde fortan direkt gewählt und verwirklichte die Siedlung (gemäß der „Bodenreformer“-Bewegung) im evangelischen Neuenothe. Mit seinem sozialen Einsatz hat er offenbar (natürlich vergeblich) versucht, seine Traumatisierung durch die Beteiligung an den Verbrechen loszuwerden, zusammen mit einigen Fehlschlägen bei seinen Projekten führte das wohl in den verzweifelten Alkoholismus.

Als die englische Historikerin Fulbrook in einem Vortrag ihre Erkenntnisse über den LVR- Gründungsdirektor vorstellte, habe ich ihr in einem Brief, der auch veröffentlicht wurde, von meinem Vater berichtet, wie Klausa katholisch und Wehrmachtsoffizier (siehe Anhang).

Während sich Klausa und Goldenbogen ohne jede Spur von Reue und Einsicht wieder in Machtpositionen festsetzten, achte ich heute meinem Vater gerade wegen seines Scheiterns, weil es ja zeigt, dass er immerhin noch ein Gewissen hatte, welches ihn quälte.

Weil er Militär und Uniformen ablehnte und in einer geheimen Untersuchung im Oberbergischen des Soziologieprofessors Scheuch für die Bundeswehr im Zusammenhang mit den Notstandsgesetzen als möglicher „Widerständler“ aufgeführt war, konnte ich mich mit ihm auch ehrlich versöhnen.

In dem erwähnten Buch des Historikers Alexander Friedman gehe ich in einem Interview auch auf meinen Vater und seine Kriegsschuld ein. Ich glaube daher nicht, dass ich ihm gegenüber noch Nachholbedarf habe.

Sie haben aber Recht damit, dass ich mich in meinen jahrelangen Auseinandersetzungen um den NS auch und gerade hier im Oberbergischen hätte auch an Sie wenden sollen, weil wir ja im Kampf gegen alten und neuen NS sicher auf derselben Seite der „Barrikade“ stehen. Vielleicht ist es dafür ja nicht zu spät.

In der Diskussion mit Freunden über „Kaufmann/Schild“ist die Idee entstanden, einen Gesprächskreis von Interessierten einzurichten, der sich mit der Erforschung der Wurzeln des NS hier vor Ort und den konkreten Einflußfaktoren beschäftigt, welche die Mitmenschen zu Rassisten und Antisemiten werden ließen und lassen.

Freundlicher Gruß,
Lothar Gothe

 

Anhänge:
Brief an Mary Fullbrook
Anmerkungen_zu_Goldenbogen

 

Stellungnahme von Gerhard Pomykaj zu dem offenen Brief an den Redaktionsleiter der OVZ zum Umgang mit altem und neuem Rassismus und Antisemitismus von Lothar Gothe vom 16.04.2021

Bochum, den 30.04.2021

Sehr geehrter Herr Gothe,

in dem obengenannten offenen Brief stellen Sie meine wissenschaftliche Qualifikation und mein wissenschaftliches Ethos massiv in Frage. Sie wissen offensichtlich nicht, dass ich vorrangig Historiker bin und in dieser Funktion primär für die Stadt Gummersbach und mit 12 Wochenstunden für den Oberbergischen Kreis gearbeitet habe. Zuvor war ich jahrelang am Lehrstuhl SWG Köllmann an der Ruhr-Universität-Bochum tätig. Weitere Informationen entnehmen Sie bitte dem Artikel über meine Person in Wikipedia; meine Veröffentlichungsliste finden Sie auf der Website des BGV, Abt. Oberberg.

Ich hatte mich gewundert, dass Sie nie mit mir Kontakt aufgenommen haben. Allerdings war ich davon ausgegangen, dass Sie als historisch Interessierter zumindest meine einschlägigen Arbeiten zur NS-Zeit gelesen haben. Dieser Brief wie auch Ihr Leserbrief in der OVZ vom 23.04.2021 lassen aber das Gegenteil vermuten, denn ansonsten hätten Sie dort Antworten zu einem Teil der hier formulierten Fragen erhalten und hätten den Namen des erwähnten Kinderarztes nennen können; es war Alfred Simons, wie man in der „Dokumentation zur Judenverfolgung in Gummersbach während der Herrschaft des Nationalsozialismus“ aus dem Jahre 1995 nachlesen kann. Grundlegend war auch die Broschüre zur Zwangsarbeit (2003) und die damit verbundene Ausstellung auf Schloss Homburg. Am umfangreichsten und wichtigsten ist meine Darstellung der Zeit von 1918 bis 1948 im Dritten Band der Oberbergischen Geschichte aus dem Jahre 2001. Es ist die bisher einzige Überblicksdarstellung über die Weimarer Republik, den Nationalsozialismus und die unmittelbare Nachkriegszeit im Oberbergischen. Sie ist entstanden im wissenschaftlichen Diskurs mit den Professoren Klaus Goebel und Jürgen Reulecke, wobei die schwierige Quellenlage die Arbeit nicht gerade erleichterte, denn fast alle Akten aus den Kommunalarchiven wie auch alle Akten der NSDAP wurden im April 1945 verbrannt.

Diese Darstellungen sind durchweg auch gerade wegen ihrer Objektivität – soweit sie denn möglich ist – sehr positiv rezensiert worden. Die mir wichtigste Beurteilung stammt von Jürgen Habermas, einem Zeitzeugen. Er schrieb mir in einem Brief vom 30.11.2006 aus Starnberg:

„Sehr geehrter Herr Pomykaj,

Sie haben mir mit Ihren Büchern eine große Freude gemacht. Insbesondere die Dokumentation der jüdischen Schicksale aus Gummersbach haben mich beeindruckt. Es gereicht der Stadt zur Ehre, dieses dunkle Kapitel aus ihrer Geschichte so kompetent und umfassend darstellen zu lassen. Die Broschüre über die Zwangsarbeit im Oberbergischen hat bei mir persönliche Irritationen ausgelöst, weil ich eigentlich sehr viel genauere Erinnerungen daran haben müsste. Aber man nimmt eben als Kind und Jugendlicher die Umwelt doch sehr selektiv wahr. Auch den Band über die jüngere Geschichte zwischen 1918 und 1948 habe ich mit Vergnügen gelesen.“

Aufgrund der Qualität meiner vielfältigen Veröffentlichungen zur Oberbergischen und Gummersbacher Geschichte bin ich vor Jahren in den „Brauweiler Kreis“, in dem die renommiertesten Landes- und Regionalhistoriker sich zu wissenschaftlichem Austausch treffen, aufgenommen worden. Diese kurzen Anmerkungen müssen zu meiner Qualifikation reichen.

Nun zu anderen Púnkten in Ihrem offenen Brief: Die Studie, mit der ich angeblich 2012 vom Kreis beauftragt wurde, hat es nie gegeben und auch keinen entsprechenden Auftrag. Was ich zugesagt habe, war auf der Grundlage meiner jahrzehntelangen Forschungen ein Vortrag vor dem Hauptausschuss des Kreises und in der Öffentlichkeit zu halten zum Thema: „Der Nationalsozialismus im Oberbergischen Kreis – Kontinuitäten und Diskontinuitäten nach 1945“. Das Hauptergebnis war, dass bis in die 1980er Jahre wichtige Funktionen in der Kreispolitik und Kreisverwaltung von ehemaligen Mitgliedern der NSDAP besetzt waren. In dem Zusammenhang habe ich im Übrigen auch Heinrich Schild genannt. Meines Wissens waren Sie auch zugegen. Seitdem sind gut vier Jahre vergangen und Sie haben vor diesem offenen Brief mir gegenüber nie Kritik geübt. Eine erweiterte Untersuchung aller Kreistagsmitglieder würde möglicherweise neue Details benennen können; an der Grundaussage dürfte sich nichts ändern. Zudem sind die Kreistagsmitglieder den Vorgaben ihrer Fraktionsvorsitzenden gefolgt.

Die NS-Zeit ist im Vergleich zu den 1980er Jahren in vielen Aspekten aufgearbeitet worden; Sie haben die Veröffentlichungen offensichtlich nur nicht zur Kenntnis genommen. Auch die Organisation der rassistischen Ausstellung durch Otto Kaufmann und Otto Bäcker habe ich bereits vor 20 Jahren i, dritten Band der Oberbergischen Geschichte dargestellt. Sie haben natürlich recht, dass die Forschung noch nicht abgeschlossen ist. „Unser Oberberg ist bunt, nicht braun“ hält zudem die Erinnerungskultur durch ihre vielen Veranstaltungen entscheidend am Leben. Auch wird weiterhin geforscht und veröffentlicht. Aus der letzten Zeit ist besonders der Beitrag von Gerhard Jenders zu den Zwangsarbeiterlagern im Oberbergischen hervorzuheben. Mein Nachfolger Manfred Huppertz hat die Dokumentation zur Judenverfolgung erheblich erweitert und ins Netz gestellt.

Was ich nicht nachvollziehen kann, ist Ihre Fixierung auf Goldenbogen u.a.. Wieso nehmen Sie nicht große Teile der Bevölkerung in den Blickwinkel? Die große Mehrheit wollte keine Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen und eine Entfernung von NSDAP-Mitgliedern aus ihren Ämtern. Als KPD und SPD bei den Kommunalwahlen 1946 eine „Entbräunung“ gefordert haben, haben sie krachend verloren. Noch 1947 ergab eine Umfrage in Westdeutschland, dass 55 Prozent der Bevölkerung den Nationalsozialismus als gute Sache ansahen, die nur schlecht gemacht worden sei. Goldenbogen und andere mussten keine Aufarbeitung verhindern, sondern sie erfüllten damit den Wunsch der Bevölkerungsmehrheit. Kein Wunder, denn mehr als 80 Prozent der Lehrer und Ärzte waren ehemalige Parteimitglieder; die Verwaltungen wären ohne sie zusammengebrochen.

Sie stellen die Frage: „Was haben all die Nazis getan, wo sind sie geblieben?“ Das beziehen Sie besonders auf die Zeit nach 1945. Hier könnten Sie doch einen eigenen Beitrag leisten. In Ihrer Biografie „Der Lauf meines Lebens“ schreiben Sie verharmlosend über Ihren Vater zur Zeit Ihrer Geburt 1944: „er bekämpfte als Oberleutnant der Wehrmacht ‚Führer, Volk und Vaterland‘ die Sowjetunion“. In Wirklichkeit nahm er in nicht untergeordneter Position an einem rassistisch motivierten Eroberungskrieg teil, in dem die Regeln der Genfer Konvention nicht galten und der 20 Millionen Sowjetbürger das Leben kostete. Ohne den Ostfeldzug der Wehrmacht hätte auch die Shoah nicht so stattfinden können. Da Ihr Vater sich nicht mit der Rolle eines einfachen Soldaten zufrieden gab, sondern die Verantwortung als Offizier suchte, darf davon ausgegangen werden, dass er zumindest zeitweise die Kriegsziele teilte. Ob er dabei NSDAP-Mitglied war, spielt in diesem Zusammenhang eine nur sehr untergeordnete Rolle.

Bei Ihrem kritischen Anspruch werden Sie ihn bestimmt gefragt haben, was er als Oberleutnant gemacht hat, wie er mit dem Kommissarbefehl umgegangen ist … Es wäre interessant zu erfahren, ob er sich mit seinem Handeln auseinandergesetzt hat, welche Schlussfolgerungen er gezogen hat. Offensichtlich hatte er ja in den 1960er Jahren eine Abneigung gegen die Bundeswehr, der Ihnen den Militärdienst wie auch die damals unangenehme Kriegsdienstverweigerung mit anschließendem Ersatzdienst ersparte. Ihre Erinnerungen an das Wirken Ihres Vaters könnten Sie ja im Kreisarchiv deponieren. Solche Quellen können einen Beitrag zur Verarbeitung des NS nach 1945 leisten, und zwar in der Bevölkerung.

Hiermit möchte ich es belassen. Ich gehe davon aus, dass Sie meine Stellungnahme auch in Ihrem Blog veröffentlichen.

Mit freundlichen Grüßen

Gerhard Pomykaj

Einwohneranregung

Lothar Gothe
Eckenhagenerstr. 33
51702 Bergneustadt 15. April 2021
An den Kreistag
z.Hd. Landrat Hagt
mail@obk.de

Einwohneranregung

Der Kreistag möge beschließen, dass unabhängige Historiker damit beauftragt werden, personelle und ideologische Kontinuitäten zum Nationalsozialismus in der oberbergischen Kommunalpolitik, insbe- sondere im Kreistag, zu untersuchen.

Vor einigen Jahren ist der Kreistag wiederholten Aufforderungen nachgekommen und hat beschlossen, die längst überfällige Aufarbeitung des Nationalsozialismus im besonders betroffenen Oberbergischen und sein Fortwirken in den Nachkriegsjahrzehnten zu untersuchen. Beauftragt wurden aber nicht unabhängige und außenstehende Historiker, wie es die wissenschaftliche gebotene Objektivität erfordert, sondern der beim Kreis angestellte Archivar.

Das Ergebnis war entsprechend sehr lückenhaft und in der Tendenz verharmlosend. Das größte und unentschuldbare Versäumnis ist aber, dass der Kreistag (ebenso wie die Kommunalparlamente) völlig ausgespart wurde, obwohl er ein Hort schwerbelasteter Nazis war.

Dass demgegenüber bis heute immer noch (Ver)Schweigen vorherrscht, zeigen die Fälle des Landrats Dr. Schild und des hochgeehrten Heimatforschers Kaufmann, der ausweislich seiner Berichte als Hilfschullehrer in Gummersbach ein glühender Nazi und Hitlerverehrer war und als radikaler Verfechter der mörderischen NS Rassenlehre hervorgetreten ist.

Zur weiteren Begründung verweise ich auf den angehängten Offenen Brief an den Redaktionsleiter der OVZ.

Ein offener Brief zum Umgang mit altem und neuem Rassismus und Antisemitismus

Offener Brief an den Redaktionsleiter der OVZ zum Umgang mit altem und neuem Rassismus und Antisemitismus

Hallo Herr Klemmer,

es gibt mehrere Anlässe dafür, mich in dieser Form an Sie zu wenden.

Der eine ist der Skandal um die jahrzehntelang verheimlichte oder vertuschte NS-Belastung zweier hoch geehrter Oberberger, des „Heimatforschers“ Kaufmann und des früheren Landrats und Bürgermeisters Dr. Schild. Dieser hat schlagartig die Dringlichkeit deutlich gemacht, die bislang unterlassene echte Aufarbeitung der personellen und ideologischen NS- Kontinuität in Oberberg vor und nach 45 endlich nachzuholen. Der andere Anlass ist Ihre diesbezügliche Berichterstattung: Ausgerechnet während der Internationalen Wochen gegen Rassismus verharmlost und relativiert Ihre Zeitung den nationalsozialistischen Rassismus in seiner mörderischen Ausprägung, wie er sich im Fall Kaufmann zeigt, in einer zumindest für Nazigegner und Antifaschisten unerträglichen Weise. Der dritte ist ein nicht veröffentlichter kritischer Leserbrief dazu.

Ich nehme mal an, dass der lobhudelnde „Jubiläumsartikel“ zu Kaufmann Ihnen und Ihrer Redaktion heute peinlich ist. Denn eine Woche später mussten Sie ja berichten, dass der Gummersbacher Hilfsschullehrer sich vor 45 als strammer Nazi und glühender Hitler-Verehrer hervorgetan hat. Diese Erkenntnis beruhte aber nicht etwa auf Ihren eigenen Recherchen, sondern auf Dokumenten, welche der Leiter des Lindlarer LVR-Museums, Herr Kamp, Ihnen präsentiert hat.

Bis heute hat Ihre Zeitung ihre Leser nicht darüber informiert, welche konkreten Vorwürfe dem Hilfsschullehrer Kaufmann als überzeugtem Vertreter der NS-Rassenlehre gemacht werden müssen, die zwischen Herrenmen-schen, Untermenschen und Lebensunwerten unterscheidet. Die Hilfsschule hatte im NS eine „rassenpflegerische Aufgabe, indem sie hilft, die schädlichen Elemente zu orten und der Sterilisierung zuzuführen“ (Ernst Klee. Euthanasie im NS Staat – Die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“). Nach der Machtergreifung, so Klee, wird die Hilfsschule „bereinigt“: Die angeblich „schwerschwachsinnigen“ Kinder „werden ausgeschult und in Anstalten untergebracht, wo sie später die „Euthanasie“ ereilt.“

Kaufmann, der sich in der Nazi-Eugenik schulen ließ, beteiligte sich mit Eifer daran. Er habe „die Schwächsten ausgesondert“ notiert er 1936. Er lässt sich sogar vom Schulrat die Erlaubnis geben, in den Volksschulen nach „Hilfsschulbedürftigen“ Kindern zu fahnden, welche die Lehrer (sicher aus gutem Grund) „widerrechtlich“ nicht überwiesen hätten. Der Lehrer Kaufmann bezeichnete seine Schüler als „minderwertig“, fünf davon führte er im Beisein der Mütter einem Bonner Psychiater vor, der sein Gutachten über die „erbliche Belastung“ auf einem „gesonderten Bogen“ notierte. In Bonn waren die späteren „Euthanasiegutachter“ (also Schreibtischmörder) Prof. Polisch und Prof. Panse tätig. Es kann nach alledem kein Zweifel daran bestehen, dass Kaufmann als überzeugter Nazirassist die „rassepflegerischen Maßnahmen des Staates“ befürwortet und sich daran beteiligt hat. Es stellt sich auch die Frage, wie er es angestellt hat, mit dieser Belastung die Entnazifizierung hinzukriegen..

Zu einer Aufarbeitung des oberbergischen Nationalsozialismus und seiner Nachkriegskontinuität gehört also unbedingt auch die Forschung zu den hiesigen Krankenmorden und Zwangssterilisierungen; anhand der Akten des Einwohnermeldeamts und des damaligen Gummersbacher Erbgesundheitsgerichts sollten dabei auch die Schicksale von Kaufmanns Hilfsschülern aufgeklärt werden.

Die mit der Zwangssterilisierung verbundene Stigmatisierung wirkte auch nach 45 fort. Für eine mir bekannte Frau aus dem Othetal zeitigte sie noch Ende der 50er schlimme „ Spätfolgen“: Ihr und ihrem Ehemann wurde, obwohl sie in Eigenheim und gesicherten sozialen Verhältnissen lebten, die Adoption von Heimkindern vom Jugendamt verweigert. Der einzig erkennbare Grund: die Naziakte zur Sterilisation wegen einer Schwäche beim Rechnen und Schreiben, die jedoch nicht auf Erbanlagen zurückzuführen war, sondern auf unregelmäßigen Schulbesuch wegen der bitteren Armut ihrer Familie. Welch ein Segen wäre aber die Adoption z.B. für Jungen aus dem nahe gelegenen Josefsheim in Eckenhagen gewesen, die dort immer noch als „Minderwertige“ behandelt wurden, gedemütigt, misshandelt und vergewaltigt, ohne dass dasselbe Jugendamt dort eingeschritten wäre! Soviel zu diesem Kapitel „Nachkriegs-Nazi-Kontinuität“ in Oberberg und dem Fortwirken des NS- Menschen-bilds.

Nichts davon, Herr Klemmer, war in Ihrer Zeitung zu lesen. Stattdessen erschien ein langer Artikel, in dem eine ehemalige Schülerin berichtet, dass sie Kaufmann 1940 als liebevollen, den Schülern zugewandten Lehrer kennengelernt habe: „Er hat sich um jedes Kind bemüht“. Sie habe ihn 1940 als Klassenlehrer der Volksschule, kennenlernt und kann nur Gutes berichten. Es folgten ebenso apologetische Leserbriefe mit den üblichen Rein-waschungen: Er habe keine „Ausweichmöglichkeit“gehabt, daher sei es traurig, wie man solche Menschen in die rechte Ecke stelle“! Sie gipfelten in unsäglich zynischen Witzchen aus dem rechten „Schlussstrich“- Milieu wie der anzüglichen Frage, ob man heute überhaupt noch „ Führerschein“ oder „ Reichshof“ sagen dürfe.

Es ist bekannt, dass auch Gewaltherrscher und Naziverbrecher fürsorgliche Familienväter und zärtliche Liebhaber sein konnten – wie z.B. Hans Frank, der „ Schlächter von Polen“. So kann ich natürlich die guten Erfahrungen von Kaufmanns späteren Schülern ebenso wenig in Zweifel ziehen wie seine späteren Verdienste als „Heimatforscher“. Aber das relativiert und entschuldigt NICHTS von seinem (besonders radikalen) Einsatz – ideologisch und praktisch – für die NS-Rassenlehre, die ja die „Aussonderung“ und Vernichtung von behinderten Menschen als „ Lebensunwerte“, „Ballastexistenzen“ und „unnütze Esser“ unbedingt verlangte. 200 000 Krankenmorde waren die Folge dieses NS-Rassismus und Millionen „vernichtete“ Juden, Roma und andere „Minderwertige“.

Wer die Beteiligung daran verharmlost oder diese gleich ganz verschweigt, weil die Täter nach 45 als gute Nachbarn oder fromme Christenmenschen hervorgetreten sind, macht sich vor der Geschichte schuldig und trägt dazu bei, den Rassismus und Antisemitismus unter der Decke weiter am Leben zu halten.

Es kommt im Gegenteil darauf an, alles auf den Tisch zu legen, damit in den Biografien von Kaufmann (und anderen Nazitätern) erforscht werden kann, wie ein offenbar zur Empathie fähiger, gebildeter und christlicher Mitmensch zum Vollstrecker solch mörderischen Rassenwahns mutieren konnte. Nur so können wir und vor allem die heutigen Schüler die Anfänge kennen lernen, denen wir uns längst schon wieder erwehren müssen.

Ihre Berichterstattung wird dieser Pflicht zur rückhaltlosen Aufklärung nicht gerecht. Das zeigt sich auch daran, dass Sie meinen Leserbrief, der dies Versäumnis kritisch anprangert, nicht veröffentlichen. Er wäre der bislang einzige Beitrag in Ihrer Zeitung gewesen, der sich auf die historischen Fakten bezieht, wenn auch in scharfer Form. Aber eben mit diesen unangenehmen Fakten wollen Sie sich offensichtlich nicht auseinandersetzen, genauso wenig wie die oberbergische Politik und große Teile der Zivilgesellschaft. Immer noch nicht!

Die schnelle Umbenennung der Straßennamen durch den Nümbrechter Gemeinderat ist sicher die richtige und unvermeidliche Reaktion. Dass es ohne jede Diskussion geschah, könnte allerdings darauf hin deuten, dass zumindest einflussreiche Kreise ein weiteres Nachforschen in Oberbergs brauner Vergangenheit unterbinden wollen. Jedenfalls dann, wenn man es dabei bewenden lässt und der „Kaufmann/Schild-Skandal“ nicht als Anlass für weitere Nachforschungen in Nümbrechts und Oberbergs tiefbraunem Untergrund genommen wird. Es stellen sich hier doch wichtige Fragen hinsichtlich einer offensichtlich 70 Jahre lang unterlassenen „Vergangenheitsbewältigung“ z. B. die naheliegende, ob es noch andere „braune Leichen“ in Nümbrechts und Oberbergs „Kellern“ gibt. Werden diese Fragen in den Parlamenten nicht gestellt, drängt sich zwangsläufig der Eindruck auf, dass die Glut schnell ausgetreten werden soll, damit nicht daraus womöglich ein Flächenbrand wird: Denn bei Kaufmann/Schild handelt es sich ganz sicher nur um die aufgetauchte Spitze eines Eisbergs, dessen Großteil immer noch im Dunklen liegt. Und im Interesse Vieler sicherlich liegen bleiben soll.

Eine ähnliche vernebelnde Funktion erfüllte die 2012 vom Kreis in Auftrag gegebene historische Studie zur NS-Belastung von Kreisverwaltung und Kreistag vor und nach 45, die als Versuch einer ehrlichen und umfassenden Aufarbeitung kläglich gescheitert ist.

Mit dieser heiklen Aufgabe wurde nicht ein unabhängiger, fachkundiger Historiker beauftragt, wie es der Objek-tivität wegen erforderlich und üblich ist, sondern der beim Kreis abhängig beschäftigte Archivar. Entsprechend dünn und lückenhaft fiel das Ergebnis aus. Der Kreistag und seine Mitglieder wurden völlig ausgespart, obwohl dort bis in die 60ger hochkarätige Nationalsozialisten fast parteiübergreifend das Sagen hatten. Allein diese offensichtlich vorsätzliche Unterlassung entwertet diese Studie als Versuch einer ehrlichen Aufarbeitung und schützt bis heute belastete NS Täter. An oberster Stelle den OKD und Altnazi Goldenbogen („nicht der aller-schlimmste Nazi“), der mehr als 30 Jahre lang das Oberbergische autoritär regierte. Als Mitbegründer des Landschaftsverbands Rheinland ( LVR) und mächtiger Vorsitzender des Kulturausschusses hielt er bis Ende der 70er gemeinsam mit dessen Gründungsdirektor und NS-Kameraden Klausa die Hand über andere Nazis in Führungspositionen, auch solche, die wie Klausa selbst an der Judenverfolgung, dem Holocaust und den „Euthanasie“-Krankenmorden beteiligt waren.

Beim Landschaftsverband bewirkte diese personelle und ideologische Nazikontinuität, dass bis in die 80er in den Psychiatrien und Erziehungsheimen menschenunwürdige Zustände herrschten und Patienten und Heimkinder rechtlos gestellt und Misshandlungen und Erniedrigungen ausgesetzt waren.

Es gibt dafür weitere Beispiele. Sie sind nur erklärlich, weil in den Denk- und Persönlichkeitsstrukturen sehr vieler Mitmenschen immer noch Führerprinzip, Obrigkeitsstaat und Untertanengeist wirksam sind. Ebenso wie ein von Luther bis zu Hitler in der Bevölkerung tief eingeschliffener Antisemitismus und Ryssismus . Der ist 1945 nicht vom Winde verweht worden, sondern lebt seitdem unter der Decke des Verschweigens weiter. Wie weit er bis in die sog. Mitte der Gesellschaft reicht, wurde in Thüringen deutlich, als CDU und FDP Abgeordnete keiner-lei Berührungsängste mit dem AfD-Faschisten Höcke zeigten. Und vielleicht drückt sich unser verborgener Rassismus ja auch in der eiskalten Gleichgültigkeit und Gefühllosigkeit aus, mit der wir Wohlstandsbürger mittlerweile das schreiende Elend in „unseren“ Flüchtlingslagern achselzuckend hinnehmen.

Der Nümbrechter Robert Ley, der Reichsleiter der NSDAP und als „Reichstrunkenbold“ bekannt, gehörte bei den Nürnberger Prozessen zu den 24 Hauptkriegsverbrechern und war unter denen neben Julius Streicher der schlimmste Antisemit und wüsteste Hetzer gegen die Juden. Er hat sich in der Zelle erhängt, aber seine riesige, teils fanatische Gefolgschaft auch und gerade in den evangelischen Kirchengemeinden hat sich 45 ja nicht in Luft aufgelöst. Was haben all diese Nazis getan, wo sind sie geblieben?

Robert Ley wurde aber ebenso wie Otto Kaufmann nicht als Nazi geboren. Deshalb müssen wir herausfinden, wie er und andere Täter zu Antisemiten und Rassisten geworden sind, welche Rolle dabei Elternhäuser, Pfarrer und Lehrer gespielt haben. Der Rassismus wird ja vielleicht schon in die Seelen von Kleinkindern eingepflanzt, wenn sie aus Gesprächen von Erwachsenen mitbekommen, dass Begriffe wie Juden,“ Zigeuner“ „Neger“ oder Behinderte ständig mit negativem, verächtlichem Unterton verbunden sind. Wenn dann aber noch Autoritäts-personen wie Pfarrer die „Theorie“ ( z.B. Luthers Hetzschriften) dazu liefern oder der Nümbrechter Volksschul-lehrer seine Schüler dazu anleitet, jüdische Gräber zu schänden, dann wird die Grundlage dafür gelegt, dass latent vorhandener Antisemitismus in seine mörderische Form übergeht. Erst so konnten aus den unschuldigen kleinen Leys oder Kaufmanns emotional verkrüppelte kalte Vollstrecker der NS-Rassenlehre werden. Diese Wurzeln des Rassenwahns sind immer noch lebendig und dürfen nicht länger verschwiegen sondern müssen endlich offen-gelegt werden, um ihn wirksam bekämpfen zu können.

Solange aber nicht alle Institutionen und Organisationen ihre Verstrickungen in den NS und dessen Verbrechen offen legen und ihre Schuld bekennen, geraten die Gedenkveranstaltungen zu Inhalts leeren, oberflächlichen Ritualen, zu Alibi-Veranstaltungen, auch dann, wenn sie als „Bündnis gegen Rechts“ auftreten. Von der unverzichtbaren offenen und ehrlichen Aufarbeitung sind wir im Oberbergischen, wie durch Kaufmann/Schild jetzt wieder erschreckend deutlich wird, immer noch weit entfernt. Sehr weit!

Einer der Gründe dafür, Herr Klemmer, liegt darin, dass die Lokalpresse ihre Aufgabe in dieser Hinsicht nicht erfüllt und anscheinend lieber nicht (genau) hinsieht, wenn Ärger von mächtiger Seite droht.

Dieses Versäumnis kann sich bitter rächen. Denn es ist ja nicht ausgeschlossen, dass wir vielleicht bald durch Pandemieschäden und Klimawandelfolgen in eine ähnlich brisante politische Situation geraten wie Anfang der 1930er Jahre, als der Staat sozialer Not nicht mehr Herr wurde und den Nazis zur Beute fiel. Die neuen Faschisten, Rassisten und Antisemiten stehen doch schon zur Übernahme bereit und hinter ihnen auch wieder Kapitalkräftige Profiteure.

Ich werde deshalb den Fall Kaufmann/Schild erneut zum Anlass nehmen, beim Kreistag eine (diesmal ehrliche und vollständige) wissenschaftliche Aufarbeitung des NS in Oberberg vor und nach 45 anzuregen und dafür Unterstützer suchen. Und nochmals vorschlagen, das NS-Dokumentationszentrum damit zu beauftragen.

Ich hoffe, dass Sie und Ihre Zeitung diese Anregung unterstützen und sich selbst mit eigenen Recherchen an der Aufklärung beteiligen

Wenn Sie nicht selbst die unterlassene Berichterstattung über Kaufmanns Beteiligung am NS Rassismus nachholen, bestehe ich darauf, meinen Leserbrief als nötiges Korrektiv zu den unverantwortlichen apologetischen Entgleisungen zu veröffentlichen. Auch wenn er in bestimmten rechten Kreisen Wut und Empörung auslösen wird, obwohl (oder gerade weil) ja alle Angaben jedem Faktencheck standhalten.

Abschließen möchte ich mit einem Zitat von Friedrich von Weizsäcker:


Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird für die Gegenwart blind

Leserbrief zur Berichterstattung zur NS-Belastung von Otto Kaufmann und Dr. Schild

Zur Umbennung der Otto-Kaufmann-Straße und der Dr.-Schild-Straße gab es also im Nümbrechter Gemeinderat keine Diskussion, es war eine „Sache von wenigen Sekunden“. Das klingt in meinen Ohren wie „schnell weg mit dem ans Tageslicht gezerrten Nazischmutz“, damit der Teppich des Vergessens und Verleugnens wieder über die anderen nationalsozialistischen Relikte im ehedem tiefbraunen oberbergischen Süden ausgebreitet werden kann.

Keine Fragen? Kein Diskussionsbedarf? Wie es überhaupt zu der Ehrung des glühenden Nazis und Hitlerbejublers Kaufmann kommen konnte ? Eines radikalen Verfechters der Nazi-Rassenlehre, wonach neben Juden auch „Minderwertige“ als „lebensunwerte Ballastexistenzen“ zugunsten der Herrenrasse vernichtet werden mussten? Und wurden, auch schon lange vor dem Beginn der „Euthanasie“. Der Hilfsschullehrer Kaufmann nannte seine Schüler „minderwertig“ und „sonderte“ die „Schwächsten“ aus. Wohin? Sollte man nicht endlich erforschen, wie viele „minderwertige“ Oberberger umgebracht wurden, wieviele zwangssterilisiert? Und wer an den oberbergischen Krankenmorden beteiligt war, z B. an der Tötung sämtlicher Insassen eines Waldbröler Heims in der psychiatrischen Vernichtungsanstalt Meseritz-Obrawalde ?

Warum ist es ein engagierter Bürger, der Museumsleiter Kamp, der diesen Skandal aufdeckt und nicht die Lokalpresse als „vierte Gewalt“, das sogenannte „Bündnis gegen Rechts“ oder „Oberberg ist bunt, nicht braun“? Trotz neuer Nazibedrohung kein Interesse an Aufarbeitung ?

Dass der belastete Landrat Schild bis heute geehrt wurde, zeigt, dass der seinerzeitige Versuch einer NS-Aufarbeitung durch den Kreis weithin mißlungen ist: Wurde doch der Kreistag völlig ausgespart, der in den 50ern von Altnazis beherrscht war. In der SPD hatte der SS-Mann Nehls das Sagen, in der FPD der hochrangige SS-Führer Herrmann Schuster und die CDU wurde vom Altnazi OKD Goldenbogen autoritär regiert. Als mächtiger Chef des Kulturausschusses des LVR sorgte er zusammen mit dessen Direktor Klausa (einem NSDAP-und SA – Kollegen und NS-Landrat) dafür, dass schwerst belastete Nazis dort bis in die 70er unbehelligt ihr Unwesen treiben konnten. Beim LVR ist das historisch aufgearbeitet, beim Kreis steht das immer noch aus.

Vielleicht deshalb, weil sonst noch andere Straßen umbenannt werden müssen, wie etwa die Dr.-Goldenbogen-Straße in Waldbröl?

Leserbrief zu dem Artikel „Der Wolf ist nicht willkommen“

Über ein Internetforum hat mich der Aufruf erreicht, bitte einen Protest gegen den beabsichtigten Abschuss der Wölfin „Gloria“ zu unterschreiben: Ich solle mir vorstellen, dass ich wie sie Kinder und einen Lebengefährten hätte und jetzt eiskalt getötet werden solle. Ich stelle mir aber vor, dass ich eines der über 200 Weidetiere wäre, Lamm, Rind oder Pony, welches die liebe Gloria bislang gerissen hat (übrigens mit äußerster Brutalität und ohne vorherige Betäubung). Deshalb bin ganz klar dafür, sie endlich zu erschießen.

Auch deshalb, weil sich hier dieselbe Schizophrenie austobt wie beim Tierschutz überhaupt: Das geliebte deutsche Haustier erhält beste Nahrung, medizinische Betreuung und viel Zuwendung, viel mehr als ein paar Milliarden Mitmenschen auf dieser Welt, während gleichzeitig dem Tierfreund an der Fleischtheke die Leiden und Qualen der sogenannten „Nutztiere“ offensichtlich völlig egal sind.

Die Wiederansiedlung der Wölfe ist eine PR-Kampagne, die der angebliche Natur“schutz“Bund NABU ins Leben gerufen hat, kräftig gesponsert von einem für seine Liebe zur sauberen Umwelt bekannt gewordenen Autokonzern aus WOLFsburg. Der spektakuläre Wolf eignet sich blendend als Werbeträger und kommt so gut beim tierlieben Mitmenschen an, siehe Aufruf, dass er das Thema Artenschutz seit Jahren dominiert. Der Aufwand für eine Handvoll Tiere ist gigantisch: Eine ganze Wolfs-Bürokratie wurde etabliert, Kameras installiert, ständig werden Proben zum Senckenberg-Institut gefahren, Unmengen spezieller Zäune mit extra starken Stromgeräten werden hergestellt und verrammeln zunehmend die offene Landschaft. Weil der Wolf auch diese überwinden kann, werden trotzdem tausende Weidetiere allein in Oberberg jetzt im Stall gehalten. Zum Schaden der Artenvielfalt beim Grünland. Die CO2-Bilanz dieses Aufwands ist enorm.

Dabei ist der Wolf tatsächlich gar nicht vom Aussterben bedroht, es gibt mehr als 200 000 Exemplare in Europa und zwar in Gebieten mit ihm gemäßem Lebensraum wie im Balkan, Osteuropa oder den Pyrenäen. Das dichtbesiedelte NRW ist wegen fehlender Rückzugsräume völlig ungeeignet.

Ein wahrlich dramatisches Artenstreben gibt es allerdings bei Insekten und den Bodenlebewesen, die der intensiven Landwirtschaft (viermal Mähen und Güllen) und der Klimaerwärmung zum Opfer fallen. Diese unscheinbaren Arten sind zwar für das Überleben der Menschheit von existentieller Bedeutung, geben aber leider für Werbezwecke gar nichts her. Also: Verhätschelte Haustiere hier und Billigfleisch für den Tierfreund da, verlogene Wolfsromantik hier und fette Spenden für den NABU da: Was solls, ist ja sowieso bald alles am Arsch. Oder?

Ein Brief an den Bürgermeister – und die etwas überraschende Antwort

Lothar Gothe
Eckenhagenerstr. 33
51702 Bergneustadt 14.12.2020

An den Bürgermeister,
Herrn Thul
Rathaus
51702 Bergneustadt

Vorschlag zur Flexibilisierung der Verwaltung

Hallo Herr Thul,

um auch mal der Verwaltung gegenüber positiv und produktiv in Erscheinung zu treten, erlaube ich mir, Ihnen einen Verbesserungsvorschlag zu unterbreiten. Dazu schildere ich meine heutigen Erlebnisse in Ihrem Rathaus.

Ich habe dort gegen 11.30 Uhr den ausgefüllten Vordruck zum Stand der Wasseruhr abgegeben und wollte zugleich meinen neuen Personalausweis abholen. Der läge, so ein Schreiben in der vorigen Woche, zur Abholung bereit.

Ihr Mitarbeiterin an der Pforte aber belehrte mich, das ginge nur nach vorheriger Terminverein-barung. Also bat ich erstaunt um einen entsprechenden Termin. Nach einem Telefonat schickte sie mich zu diesem Zweck um die Ecke in das Bürgerzentrum. Dort herrschte eine angenehme, ruhige und stressfreie Atmosphäre, ich war der einzige Besucher und kam sofort dran. Die Dame hinter der Coronascheibe gab meine Personalien in den Computer ein, der mich zunächst nicht erkennen wollte, wohl weil sie das h in meinem Nachnamen nicht eingetippt hatte. Ich fühlte mich meinem Ausweis physisch schon sehr nahe und überlegte, ob er wohl wohl in ihrem oder im Nachbar-schreibtisch läge. Das Namensproblem ließ sich aufklären und ich bekam einen Termin um 14.15 Uhr.

Um die Uhrzeit fuhr ich also erneut ins Stadtzentrum, erklärte an der Pforte, dass ich nun den Ausweis abholen wolle. Die Dame an der Pforte schaute im PC nach und sagte, es sei kein Termin für mich eingetragen. Ziemlich erschüttert wies ich sie darauf hin, dass sie selbst mich doch vor zwei Stunden wegen des Termins nach nebenan geschickt habe. Daraufhin beschäftigte sie sich erneut mit dem PC, wurde fündig und eröffnete mir mit strengem Blick: Der Termin sei um 14.50, nicht um 14.15 Uhr ! Offenbar sind die billigen Kleinrentner- Hörgeräte ie meines nicht Coronascheiben- und Masken kompatibel, mein Pech. Angesichts der Aussicht, zum dritten Mal von zu Hause in die Stadt zu fahren, im Rathaus abzuhängen oder auf dem unwirtlichen, kalten Rathausplatz über eine halbe Stunde herumstreunen zu müssen, wagte ich es nun, etwas aufzumucken. Ihre Mitarbeiterin ließ daraufhin Gnade vor Recht ergehen, ich durfte wieder nach nebenan, kam mangels anderer Besucher wieder sofort dran, gab den alten Ausweis ab, der wurde mir, etwas abgeschnippelt, zusammen mit dem neuen rausgereicht, noch eine Unterschrift zur Empfangsbestätigung und ich konnte von Dannen ziehen.

Dieser Vorgang dauerte keine Minute, während die Terminvereinbarung 4 bis 5 Minuten gedauert hat. Jetzt gehe ich davon aus, dass es in unserer Stadt hunderte oder gar tausende solcher leicht vertrottelter Rentner wie mich mit allerlei Gebrechen gibt und es daher häufig zu derartigen Situationen kommt. Deshalb mein Vorschlag:

Flexibel mit den Regeln umgehen, mal fünfe grade sein lassen und z.B. auch ohne Terminverein-barung solche einfachen Verwaltungsakte wie Herausgabe eines Ausweises zuzulassen. Angesichts der großen Zahl von Rentnern mit kognitiven Defiziten wie ich oder sonstwie begriffstutzigen Bürgern könnte nach meinen Berechnungen durch die Zeitersparnis eine halbe Stelle eingespart werden.

Zudem habe ich im Wahlkampf mit Erstaunen zur Kenntnis genommen, dass wir beide Vorkämpfer für Klima- und Naturschutz sind. Deshalb werden Sie die Autofahrten sicher auch bedauern, die wie in diesem Fall durch Auflockerung der starren Verwaltungspraxis und einem flexiblen, der jeweiligen Situation angepaßten Vorgehen vermeidbar wären. Zumal ich zugeben muss, dass auch mein betagter Kleinwagen sich nur durch das Verbrennen fossiler Energieträger bewegen lässt, ich also noch nicht einmal mit einem Hybridfahrzeug Klimaschutz vortäuschen kann. Auf jeden Fall würde Bergneustadts CO 2 Bilanz verbessert, die ja es so dringend nötig hat.

Falls Sie jetzt vielleicht nicht wissen, wie Sie ein solch schwieriges und komplexes Problem wie Verhaltensänderung in Verwaltungen angehen könnten, stehe ich ihnen gerne mit meinem Rat zur Verfügung. Ich habe immerhin ein halbes Jahr in der Kölner Stadtverwaltung gearbeitet, die wohl zu den bundesweit größten Härtefällen an Beharrungsvermögen gezählt werden muss.

Mit hoffnungsfrohen Grüßen,
Lothar Gothe


Sehr geehrter Herr Gothe,

vielen Dank für Ihren Brief. Ich schätze diese Art der Kritik außerordentlich und habe es regelrecht genossen ihr zu lesen.

Ich möchte Ihnen hierzu gerne antworten:

Die Terminvereinbarung ist ein notwendiges Übel für den Publikumsverkehr im Rathaus. Wir vermeiden so Kontakte vor allem in Spitzenzeiten. Das System dazu funktioniert.

Nun kann in Verwaltung Vieles angeordnet werden um die Organisation zu verändern. Eines aber kann man schwerlich anordnen: Fingerspitzengefühl oder wie Sie es nennen: Fünfe gerade sein lassen.

Damit will ich natürlich nicht behaupten, dass es den Damen in unserem Service an Fingerspitzengefühl generell mangelt. Aber ich möchte die jungen Kolleginnen auch in Schutz nehmen. Die haben nun einen jungen Bürgermeister bekommen der dann auch noch etwas organisiert und veränderte Abläufe abverlangt, was leider notwendig ist, da wir zu meinem großen Bedauern sehr „coronagebeutelt“ sind. Sie müssen sich da noch einfinden und ein „Gefühl“ entwickeln.

Insofern bitte ich hier um Verständnis, verspreche aber zugleich an einer Flexibilität im Einzelfall zu arbeiten. Ihre doppelte Fahrt bedauere ich.

Ob wir beide nun Vorkämpfer im Bereich Klima- und Naturschutz sind kann ich gar nicht abschließend beurteilen. Meines Erachtens ist aber jedwedes Verwaltungshandeln der Nachhaltigkeit unterzuordnen, insofern nicht nur ökonomischen und sozialen , sondern auch ökologischen Aspekten. Das ist keine bloße Parole, sondern begleitet mich bereits seit dem Jahr 2007 und meiner Veröffentlichung hierzu:

Kaufen Sie es besser nicht, den Text könnte ich auch anderweitig zur Verfügung stellen. Es ist auch aufgrund der dort enthaltenen verwaltungsspezifischen Ausführung eher etwas für „Verwaltungsmenschen“.

Ich hoffe Sie bleiben gesund und so kritisch wie bisher.

Mit freundlichen Grüßen

*Matthias Thul*

e2mod Signature Picture ID 1186

*Stadt Bergneustadt
Bürgermeister*

Rathaus – Zimmer 3.21
Kölner Straße 256
51702 Bergneustadt

Leserbrief zum Artikel „Die Angst vor Übergriffen wächst“

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 marschierte ein Trupp SS-Männer von Drabenderhöhe ins tiefbraune Nümbrecht und verwüstete dort den jüdischen Friedhof. Am nächsten Morgen führte der Volkschullehrer seine Schülern dorthin und diese schändeten unter seiner Anleitung die jüdischen Gräber, welche die SS übersehen hatte. Die Nümbrechter Synagoge brauchten sie nicht in Brand zu setzen, sie war zuvor schon abgerissen worden.

Dies berichtete mir der langjährige Vorsitzende der Oberbergischen Christlich Jüdischen Gesell-schaft, Wilfried Hahn, und erklärte, dieser Lehrer sei eigentlich ein anständiger Christ gewesen und habe seine Untat später sehr bereut.

Wie kann denn aber ein gläubiger Mensch moralisch so tief fallen? Wie auch die vielen tausend anderen Christen, die sich an den Ausschreitungen der „ Reichskristallnacht“ so eifrig und freudig beteiligten? Eine Erklärung findet man in der antisemitischen Hetzschrift „Wider die Juden und ihre Lügen“ von Doktor Martin Luther. SS und SA haben dieses Pamphlet als mörderisches „Drehbuch“ genommen und genau das umgesetzt, was Luther darin fordert: Die Synagogen verbrennen, die Häuser der Juden dem Erdboden gleichmachen, sie verjagen …. Und sie haben für diesen Auftakt der Judenvernichtung ein starkes Datum gewählt, den 10. (nicht 9.!)November, Luthers Geburtstag.

Der Thüringer Bischof Sasse und andere evangelische Würdenträger haben das Pogrom zu Ehren des „Deutschen Helden“ bejubelt, (Hitler vollendet, was Luther begonnen hat), waren doch die Deutschen Christen oder auch die Diakone (SA Jesu Christi) mit „Sieg Heil“- Gebrüll und Hakenkreuz im Logo glühende Nazis, eine Art christliche Abteilung der NSDAP.

Die Stiftung Topografie des Terrors hat diesen kirchlichen Abgrund in der erschütternden Ausstellung „Überall Luthers Worte“ vielfach dokumentiert. (Der Katalog sollte schulische Pflichtlektüre sein). Aber in der Öffentlichkeit wird diese ideologische Wurzel der Nazi-Judenverfolgung bis heute totgeschwiegen, der wütige Antisemit wurde sogar vor Jahresfrist wie ein Popstar gefeiert. Eine ehrliche Aufarbeitung gibt es also bis heute nicht und so wabert das über Jahrhunderte verbreitete Luthergift im gesellschaftlichen Untergrund weiter und droht schon wieder zu einem Samenkorn für Mord und Totschlag zu werden.

Mit soviel braunem Unrat unter dem kirchlichen Teppich geraten die oberflächlichen Gedenkrituale mit immer denselben allgemein gehaltenen, wohlfeilen Verurteilungen des Antisemitismus zu immer verantwortungsloserer Heuchelei. Daß Juden dabei mitmachen, ist mir unbegreiflich.

Leserbrief zu „Der Wald der Zukunft“

Da hat also „meine“ Forstbetriebsgemeinschaft Dörspe Othetal den sterbenden Wald für eine unsäglich desinformierende PR-Aktion genutzt und Politik, Forstbehörde und Nabu eine Plattform geboten, um über ihr gemeinsames Versagen gegenüber dem Klima- und Artenschutz in der Vergangenheit hinwegzutäuschen.

Die unangenehme Wahrheit ist, dass sie allesamt bis zum Katastrophensommer 2018 über die wissenschaftlichen Warnungen vor den Folgen der Klimaerwärmung souverän hinweggingen und völlig unbelehrbar eine Fichtenmonokultur nach der anderen neu angelegt und so den heute beklagten „verheerenden“ Zustand mit verursacht haben. Kritiker wie ich wurden als Ökospinner abgetan.

Deshalb zeugt es schon von einer gewissen Chuzpe, wenn sich diese Experten jetzt als „Retter“ präsentieren und behaupten, den „Wald der Zukunft“ pflanzen zu wollen. Der bestände dann aus einem planlosen Sammelsurium verschiedenster Baumarten aus südlichen Ländern. Der Wald ist aber kein Baukasten, in dem Einzelteile wie beim kaputten Auto mal eben ausgewechselt werden können, sondern ein lebendiges Ökosystem, in welchem Bodenbeschaffenheit, Pilzmyzel, Kleinlebewesen und Mikroorganismen zusammen einen symbiotischen Organismus bilden. Weil eben dieser Lebensraum der türkischen Küstenfichte hier fehlt, wird sie keine Zukunft haben, mag sie auch noch so Wärme liebend sein.

Im Gegensatz zur Äußerung des FBG -Vorsitzenden Fritz wissen wir sehr wohl, wie sich das Klima in den nächsten zehn Jahren entwickelt: Allein durch das CO2, welches schon in der Atmosphäre ist, wird es noch heißer, noch trockener und Wetterereignisse wie Stürme werden extremer. Ohne eine drastische Reduzierung der Klimagase wird es hier bald gar keinen Wald mehr geben, das ist bereits „ausgetestet“. Eine solche ist jedoch nicht in Sicht, ginge sie doch heftig an unseren Konsumspeck.

Endgültig zur absurden Schmierentragödie wird die „Pflanzaktion“ dadurch, dass man im Augenblick bei metertief staubtrockenen Waldböden überhaupt keine Bäume pflanzen kann. Damit sie anwachsen, müssten sie monatelang bewässert werden, was aber, selbst wenn es möglich wäre, gerade vom Kreis wegen des akuten Wassermangels in den Gewässern zu Recht verboten wurde.

Geradezu unanständig finde ich es, Schüler für eine solche haltlose Politshow als Staffage zu missbrauchen. Deren wirklicher „ Wald der Zukunft“ wird nämlich nach neuesten Prognosen in einer mitteleuropäischen Dürrezone liegen und eher wie eine Steppe aussehen. Als Umweltministerin hätte ich deshalb auch lieber einen Hexenschuss gekriegt, als mich für so was ablichten zu lassen.