Archiv der Kategorie: NS-Oberberg

Uni Düsseldorf distanziert sich von Udo Klausa!

Im Dezember 2018 habe ich, zusammen mit 50 Mitunterzeichnern, in einem offenen Brief die Rektorin der Uni Düsseldorf aufgefordert, Udo Klausa die Ehrendoktorwürde zu entziehen.

Durch mehrere Studien ist inzwischen zweifelsfrei belegt, dass Klausa als nationalsozialistischer Landrat in Bendzin, nahe bei Auschwitz, zigtausende Juden in mörderische Ghettos treiben ließ. Wer die unmenschlichen Verhältnisse überlebte, wurde in Viehwaggons verladen und ins Gas von Auschwitz-Birkenau transportiert.

Seine rassistische und antisemitische Gesinnung hat er 1936 in seiner Schrift „Rasse und Wehrrecht“ zum Ausdruck gebracht, in welcher er u.a. forderte, „die guten Ströme des Bluts“ zu fördern und die „Entarteten auszusondern“.

Heute ist die offizielle Antwort der Uni Düsseldorf eingetroffen (hier als PDF), der offene Brief war offenbar „Drohung“ genug, um sie endlich zum Handeln zu zwingen. Das können wir als erfreulichen Erfolg verbuchen, auch wenn damit noch lange keine offensive NS-Aufarbeitung von LVR und Uni abgeschlossen ist. Aber immerhin ist die ungeheuerliche Ehrung eines NS- und Nachkriegstäters beendet („Wer die Täter ehrt, mordet die Opfer noch einmal“ – Ernst Klee).

Der Brief enthält aber für eine akademisch/wissenschaftliche Einrichtung wie eine Uni unentschuldbare Fehler: Klausa war nicht erst während des „2.Weltkriegs“ in den NS „verstrickt“, sondern als NSDAP- und SA-Mitglied seit 1933 und sehr stark mit seiner rassistischen und antisemitischen Abhandlung „Rasse und Wehrrecht“ 1936. Das war bei der Verleihung der Ehrenpromotion schon bekannt, wie konnte es also überhaupt dazu kommen?

Kaminsky/Roth haben nicht Klausas NS-Rolle in Polen untersucht, das hat vielmehr Mary Fulbrook getan und das Ergebnis in ihrem Buch “ A small town near Auschwitz“ veröffentlicht. Kaminsky/Roth haben Klausas Rolle nach 45 untersucht, so steht es ja auch im Untertitel. Die Uni kannte also bereits 2012  sämtliche Fakten zu seiner „NS-Verstrickung“, die zur heutigen Entscheidung geführt haben, und nicht erst 2016, wie die falsche Angabe es suggeriert. Mary Fulbrook hat damals sogar auf Einladung des Instituts für Geschichte, Theorie und  Ethik der Medizin an der Uni einen Vortrag dazu gehalten.

Warum ignorierte die Uni also bis zu unserem offenen Brief diese eindeutigen Fakten, die heute zu dem einstimmigen Beschluss geführt haben, sich von der Ehrenpromotion „ausdrücklich zu distanzieren“?

Leserbrief zur Berichterstattung zum „Pogromtag“

Wegen der alljährlichen Kirchenheuchelei zum Novemberpogrom habe ich wieder den alljährlichen Leserbrief verfassen müssen. Die Medienobrigkeit hat aber anscheinend die Schnauze davon voll (nicht von der Heuchelei). Dabei habe ich ihn kurz und knackig gehalten und denen mitgeteilt, sie brauchten diesmal nicht zu kürzen, ich hätte es selber schon getan. Hat nichts genützt, er ist nicht veröffentlicht worden.

Ich schrieb:

Es ist angesichts des anwachsenden Antisemitismus und Rechtsradikalismus sehr zu begrüßen, dass endlich auch über die Gewaltexzesse am “Reichspogromtag“ im Oberbergischen berichtet wird.

Wenn allerdings Superintendent Knabe die Schuld der Kirche bekennt, die im Wegschauen bestanden habe, so ist das nicht die ganze Wahrheit. Denn tatsächlich haben sich tausende evangelische Christen eifrig als „Freiwillige“ an den Ausschreitungen von SS und SA aktiv beteiligt und sich dabei auf Dr. Martin Luther berufen.

Das konnten sie, weil dieser in seiner Schrift „Über die Juden und ihre Lügen“ genau das Pogrom gefordert hat, was in der Nacht vom 9. zum 10. begann und bis zum 11.November andauerte: Synagogen niederbrennen, die Häuser und Geschäfte der Juden zerstören, sie verjagen und erschlagen.

Die Naziführung hatte das Datum mit Bedacht gewählt, denn am 10. November ist der Geburtstag des glühenden Antisemiten. Kirchliche Würdenträger wie der thüringische Landesbischof begrüßten die Untaten auch ausdrücklich unter Berufung auf Luther.

Das „Wegschauen“ vieler Christen ist also Anlass zu Scham, aber die aktive Beteiligung so vieler anderer an der Gewaltorgie gegen wehrlose Mitmenschen und deren theologische „Rechtfertigung“ durch Kirchenobere, das ist die wirklich schwere Schuld, die auch nach 80 Jahren immer noch unter einem Mantel des (Ver)Schweigens verborgen wird. Solange das so bleibt, kann keine ehrliche Aufarbeitung stattfinden und der „Schoß bleibt fruchtbar noch, aus dem das kroch“.

 

Europa: Bald vereinigt im Faschismus?

Über den blinden Fleck bei den links-alternativen Protesten gegen die AfD

Überall, wo die AfD auftritt, gibt es z.T. heftige Demonstrationen gegen gegen deren rechte, fremdenfeindliche und teils rassistische Politik, so auch vor kurzem in Gummersbach. Hier wird der Protest von einer Vereinigung organisiert, die sich „Oberberg ist bunt, nicht braun“ nennt.

Meine nachfolgende Kritik bezieht sich auf deren Demonstration, gilt aber sicherlich auch für die allermeisten anderen.

Nachdem ich die Berichte dazu und die Redebeiträge gelesen habe, hat sich ein sehr ungutes Gefühl bei mir eingestellt. Es verfestigt sich mein Eindruck, dass wir nämlich den Rechtsradikalismus der AfD lauthals anprangern, aber von eigenen Anteilen an rechten Geisteshaltungen und Verhaltensweisen oder denen der eigenen Partei schweigen; alles Rechte und Rechtsradikale der AfD aufladen um dann drauf zu dreschen und sie somit auch zum Sündenbock zu machen. Dabei tritt dann ein simples, manichäisches Weltbild zu Tage, welches mit der Realität in diesem Land fast nichts zu tun hat: WIR hier, DIE dort. Hier die Guten, da die Bösen. Aus der Rundmail von „Oberberg ist bunt, nicht braun“:

„Wir: 200 – die: 80. Wir: gute Stimmung, Musik, kreative Ideen – die: steife Reden, Selbstbeweihräucherung“.

Auf dieser flachen Ebene von Multikulti-Klischees bewegen sich alle Redebeiträge, bis auf den von Jürgen, der tiefer schürft. Doch die Zeit ist über diese Art links-alternativer, ebenfalls selbstbeweihräuchernder Rituale (z.T auch steifer Reden) hinweg gegangen. Längst sind globale Verteilungskämpfe um die schwindenden Ressourcen und Lebensgrundlagen entbrannt, wobei die egomanische, gewalttätige Verteidigung der westlichen Privilegien und des Wohlstands kein Alleinstellungsmerkmal der AfD ist, sondern parteiübergreifend stattfindet.

Als eine Person, die der „bunten“ oberbergischen Szene zugerechnet wird, schäme ich mich deshalb für diesen selbstgefälligen Auftritt fremd. Zu den Gründen einige Anmerkungen:

Die nationalistische, teils völkisch-rassistische AfD ist angetreten, um die deutsche Wohlstandszone (an der nicht alle gleichermaßen teilhaben) radikal zu verteidigen. Sie will zu diesem Zweck die deutschen Grenzen dicht machen und mit (militärischer) Gewalt gegen alle Eindringlinge vorgehen. Zum Teil liegt dem das NS-Menschenbild vom Herrenmenschen und Untermenschen zugrunde.

Nach innen verfolgt die AfD ein Staatsmodell, das unter Aufrechterhaltung einer demokratischen Fassade autoritäre bis faschistische Strukturen herausbildet, Erdogan läßt grüßen.

Deshalb wird zu Recht gegen die AfD demonstriert.

Die Politik der Bundesregierung und die der EU ist es, die EU-Außengrenzen radikal abzuschotten, um die europäische Wohlstandszone zu schützen (an der allerdings auch nicht alle Europäern gleichermaßen teilhaben). Dabei bedient man sich des türkischen Diktators sowie nordafrikanischer Despoten und Warlordbanden, die für Geld mit Mord, Folter, Vergewaltigung und Versklavung gegen die Flüchtenden vorgehen und andere dadurch abschrecken. Zu diesem Zweck lassen die EU und die Bundesregierung auch seit Jahren zu, dass tausende Geflüchtete auf Lesbos wie Tiere im Freien dahinvegetieren.

Macron und Merkel haben organisiert, dass quer durch Nordafrika eine Grenzsperre errichtet wird, vor der die vor Krieg und Hunger Flüchtenden in den Wüsten verdursten, fernab unserer Blicke und Kameras. Gerade wurde im TV berichtet, dass Algerien seit Jahren unzählige Geflüchtete mit Bussen bis weit hinaus in die Wüste karren läßt und sie dort aussetzt, Zehntausende sollen schon gestorben sein.

Wer dennoch diese Sperre überwindet, soll in Lagern wie denen in Libyen interniert werden und dort – welch widerlicher Zynismus – „Asyl“ in der EU beantragen dürfen.

Diese Abschottungspolitik ist sehr erfolgreich, denn die Flüchtlingszahlen gehen anhaltend stark zurück, obwohl ja die Fluchtursachen Armut, Elend, Ausbeutung, (kriegerische) Gewalt zunehmen.

Nach innen wird der Polizeistaat ausgebaut, in Bayern ist eine Vorbeugehaft eingeführt, die an die „Schutzhaft“ der Nazis erinnert. Sogar psychisch Kranke will man in Bayern wie im NS polizeilich „erfassen“.

Hiergegen rühren sich aber keine Proteste auf der Straße, obwohl doch das AfD-Programm in die Tat umgesetzt wird: Demos gegen die, welche das „Böse“ bislang nur fordern können, aber Schweigen gegenüber denen, die dieses „Böse“ tun, ist da denn nicht etwas total aus den Fugen geraten ?

Kann man denn in dieser Lage „böse“ (AfD) und „gut“ (alle andern im Parteienspektrum) wirklich so sauber unterscheiden?

Die abgehalfterte SPD-Abgeordnete Engelmeier kann das anscheinend und geißelt die böse AfD. Aber wenn ich mich nicht irre, ist ihre Partei seit Jahren an der Regierung und somit auch verantwortlich für die oben beschriebenen schweren Menschenrechtsverletzungen und Brutalitäten.

Auch zwei Grüne blasen vor Empörung über die rechten Rassisten die Backen auf, obwohl ihre Oberen bereit waren und sind, fast alle humanitären und ökologischen Grundsätze zu opfern, um endlich ebenfalls an Merkels Kabinettstisch Platz nehmen zu dürfen. Obwohl ein Innenminister Boris Palmer an Fremdenfeindlichkeit und Abschiebungseifer sich von einem Seehofer nicht übertreffen ließe, obwohl ihr Idol Kretschmann ein Elendsland nach dem anderen als „sicheren Drittstaat“ ( z.B. auch Algerien) anerkennt, um schnelle Abschiebungen zu ermöglichen.

Wer die unmenschliche Flüchtlingspolitik der AfD anprangert, aber zu den unmenschlichen Vorgehensweisen der eigenen Partei schweigt, muss man den denn nicht Heuchler nennen? Ist dann der ausschließliche Protest gegen die AfD nicht billig, „Gratismut“ (Enzensberger)?

Die Selbstgerechtigkeit solcher Anti-AfD Kämpfer wird aber besonders unangenehm, wenn es um die Fluchtursachen geht. Fluchtursachen bekämpfen, das fordern ja alle einschließlich der AfD unentwegt und leiern dieses Mantra ab wie das Vaterunser im Gottesdienst.

Wir wissen genau, was die Fluchtursachen sind und dass sie alle in der millionenfachen Folter namens Hunger enden. Wir alle verurteilen das immer wieder aufs Allerschärfste, bleiben dabei aber stets hübsch im Allgemeinen.

Wohlweislich, denn die Fluchtursachen haben identifizierbare Verursacher. Schaut man etwas zu genau hin, dann müssen wir im Hintergrund des Bildes – oh Schreck! – uns selbst erkennen, nämlich als Nutznießer des Konsumkapitalismus, der mit seinen globalen Raubzügen, Umweltzerstörungen, mit Ausbeutung und Klimawandel, letztlich hinter all dem Elend hervortritt und der die extreme Ungleichheit hervorruft.

Und eine Welt geschaffen hat, in der Milliarden Menschen für unseren Mindeststundenlohn z.B. als Näherin oder in der Kaukauplantage eine ganze Woche lang schuften müssen, wovon sie nicht satt werden können. Wir hingegen können uns von den Scheiß-9Euro drei T Shirts kaufen und nach zweimaligem Gebrauch wegschmeißen oder 15 Tafeln Schokolade futtern.

Das ist eine grausame Welt, beherrscht von einer Wirtschaft , die tötet und auch aus Mitmenschen Müll und Abfall macht, so die Analyse von Papst Franziskus. Im Blick auf uns sagt er in Wim Wenders sehenswertem Film, dass „wir alle etwas ärmer werden müssen“, um diesen Menschheitsskandal zu beenden. Natürlich muss die Weltherrschaft der Bankster, Spekulanten und Finanzverbrecher gestürzt werden, die Macht der globalen Konzerne gebrochen, aber ohne ein deutliches Runterfahren unserer Verbräuche, ohne Konsumverzicht hier wird für die Armen dort so oder so nicht genug zum Leben übrigbleiben können. Wie wir es auch drehen und wenden: Entweder werden wir deutlich „ärmer“ , oder es gibt keine humane Lösung.

Wer aber die extrem ungleiche Verteilung akzeptiert und die konsumistischen Privilegien als sein Recht ansieht, sich ganz selbstverständlich ihrer bedient und vom Staat erwartet, dass der diese auf jeden Fall absichert: Gehört der im Kern nicht selbst zu den Ausbeutern, Menschenverachtern und vielleicht sogar zu den Rassisten, egal ob er nun AfD oder CDUSPDFDPGRÜNELINKE wählt ?

Der Rechtsradikale, der eine Kreuzfahrt auf den Spuren der Wikinger macht, erzeugt genauso Klimaschäden und damit weitere Fluchtursachen wie der liberale Studienrat mit seiner Bildungsreise nach Fernost , der Linke mit dem Flug nach Kuba oder der Sextourist mit dem nach Thailand.

Dafür und für unsere gesamte Verschwendungs- und Vermüllungskultur lassen wir alle vornehmlich andere bezahlen, als Arbeitssklaven, Klimaflüchtlinge, als Hungerleider, als Kriegsopfer.

Die sogenannte Flüchtlingswelle von 2015 ist durch das blutige Kriegschaos im Nahen Osten verursacht worden, in welchem Syrien zerfetzt wird. Wurde diese Gewaltorgie denn nicht dadurch ausgelöst, dass im Irak ein Krieg um Öl geführt wurde mit dem Ziel, den Ölpreis niedrig zu halten, so dass wir unsere übermotorisierten Spritfresser weiterhin kostengünstig volltanken können ?

Die kapitalistische Wachstumswirtschaft und unser Lebensstil kommen bei Millionen unschuldiger Mitmenschen jeden Tag als strukturelle Gewalt an und als militärische, wenn sie sich nicht in ihr Schicksal fügen.

Weil wir so reich leben wollen, müssen sie so arm sein und bleiben.

Wer ehrlich ist, muss zugeben, dass diese Verhältnisse längst nicht nur AfD-Leute beibehalten und abgesichert haben wollen, sondern vermutlich die Mehrheit unserer Bevölkerung. Das zeigt sich auch an der beschämenden Tatsache, dass abertausende Wähler auch von der Linken ruckzuck zur AfD überwechseln, sobald sie das Gefühl haben, durch Flüchtlinge würde ihnen was genommen (was ja bei den hiesigen Armen leider stimmt, bei der Mittelklasse aber gar nicht)

Wie hohl klingen dem allen gegenüber in der Gummersbacher Rede der Grünen die sattsam bekannten grün-alternativen Textbausteine , in denen die Würde des Menschen beschworen wird und Geflüchtete in eine Reihe gestellt werden mit Alleinerziehenden, Demenzkranken, Hartz 4- Beziehern, Pflegebedürftigen, Behinderten, Schwulen und Lesben.

Soweit es sich um Deutsche handelt, wird die AfD wie andere Neoliberale wohl kaum gegen kleine Verbesserungen sein, aber darauf verweisen können, dass andere (z.B. die Grünen) für deren prekäres Leben verantwortlich sind; was Homosexuelle angeht, zeigt die AfD eine geradezu vorbildliche Toleranz: Hat sie doch eine bekennende Lesbe zur Vorsitzenden der Bundestagsfraktion gewählt; auch der stramm rechte Unionsminister Spahn fühlt sich in seinem politischen Umfeld als Schwuler offensichtlich wohl. Unsere diesbezüglichen alten Sprüche laufen also voll an der AfD vorbei ins Leere. Einige Rosinen aus der „grün-versifften“ 68er Revolte hat sie sich freudig heraus gepickt.

Welch ein Rohrkrepierer, wenn der grüne Redner der AfD vorwirft, es sei „diesen Leuten vollkommen egal, was aus Menschen wird, die in Not sind“. Sie würden sich oft „auf christliche Traditionen und Werte berufen“, um dann fortzufahren: “Was sind denn das für Werte, wenn man tausende Menschen in Konzentrationslagern – die verschämt Ankerzentren genannt werden – zusammenfasst und ihnen die Würde nimmt oder sie gleich im Mittelmeer ertrinken läßt“.

Offensichtlich ist dem Redner gar nicht klar, dass seine zutreffende Beschreibung mit AfD falsch adressiert ist, weil diese ja (noch) keinerlei Entscheidungsmacht besitzt um z.B. „Konzentrationslager“ einzurichten. „Diese Leute“ sind also in Wahrheit die Spitzenkräfte der Regierungsparteien CDU, CSU und SPD, wobei auch die von FDP, Grünen und teilweise auch Linken hinter der „Sicherung“ der nach Afrika verschobenen EU-Außengrenzen stehen.

Um die Verwirrung weiter zu steigern: Die oberbergischen Ableger dieser Parteien, „dieser Leute“, haben sich allesamt in einem „Bündnis gegen Rechts“ vereinigt, zusammen mit Kirchen, Gewerkschaften, ca 80 weiteren Organisationen wie auch „Oberberg ist bunt, nicht braun“ . Im Ranking verlogener Veranstaltungen stehen diejenigen dieses Bündnisses ganz weit oben.

Als ich es einmal wagte, dort eine unsäglich verharmlosende Äußerung vom Vizelandrat Prof. Wilke (FDP) zum 2. Weltkrieg zu kritisieren, in der er die Deutschen zu Opfern erklärte, da machte er mich in einer primitiven Schimpfkanonade nieder, als hätte ich eine Majestätsbeleidigung begangen. Keiner trat diesem autoritären „rechten“ Ausfall entgegen, auch die „bunten Oberberger“ duckten sich feige weg, allein die Künstlerin Christine Bretz hatte den Mut, dagegen und gegen das Schweigen der andern zu protestieren.

Zum endgültigen „Erfolg“ fehlt diesem Bündnis nur noch, dass auch die AfD beitritt, um sich von der noch weiter rechts stehenden NPD abzugrenzen: Allen wohl und niemand weh, Karneval beim MCC.

Auch Gerhards Versuch, in den Biografien der AfD-Mandatsträger das „Böse“ heraus zu destillieren, gerät beim Abgeordneten Espendiller zu einer Peinlichkeit: Weil sich offenbar nichts greifbar Rechtsradikales finden läßt (den früheren Vorwurf einer Krimreise muss G. zurück nehmen), behilft sich Gerhard mit psychologisierenden Vermutungen über die Gründe von dessen AfD-Mitgliedschaft, die man genauso auch für tausende Mandatsträger anderer Parteien anstellen könnte. Bringt uns das irgendwie weiter?

Ich meine nach alledem, es wäre Zeit inne zuhalten und die alten links-alternativen Rituale auf ihre Tauglichkeit in der politischen Gegenwart zu überprüfen. Und es scheint ebenfalls notwendig zu sein , angesichts der Zeitenwende und des Grundkonflikts dieses Jahrhunderts die politischen Fronten neu zu sortieren: Vor uns der immer härter werdende Kampf um schwindende Ressourcen und Lebensgrundlagen bei gleichzeitig enorm anwachsender Weltbevölkerung.

Carl Amery hat den Nazifaschismus und Auschwitz nicht als Rückfall ins Mittelalter gesehen, sondern als Vorläufer, quasi als teuflische Generalprobe für diesen unausweichlichen Überlebenskampf aller gegen alle im 21. Jahrhundert. („Hitler als Vorläufer – Auschwitz- Beginn des 21. Jahrhunderts?“ , Luchterhand Verlag)

Die ungebremst fortgesetzte Natur- und Klimazerstörung im Verein mit der rasanten Ausbreitung faschistischer und faschistoider Ideologien und Handlungsweisen im gesamten Parteienspektrum und den Mainstream-Medien scheint für seine düstere Vision zu sprechen.

Leben wir hier denn nicht wie “Herrenmenschen“, während unsere Arbeitssklaven in den Ländern des Südens unter denselben Lebensbedingungen leiden, welche die SS für die slawischen „Untermenschen“ vorgesehen hatte ?

Seit 3 Jahren zerbomben und zertrümmern die Saudis mit ihren Kumpanen den armseligen Jemen mit Waffen, an denen Rheinmetall fette Profite macht. (deren Ausfuhrgenehmigung übrigens auch nicht die AfD erteilt hat). Zu den ständig neuen Toten und Verletzten tritt eine wachsende Hungersnot hinzu und eine Cholera-Epedemie. In dieser Situation blockieren die Saudis den einzigen Hafen und verhindern Hilfe von außen. Für mich ist das Völkermord.

Wer hätte denn vor kurzem noch für möglich gehalten, dass private Schiffsbesatzungen, die Menschen vor dem Ertrinken retten müssen, weil die Staaten das unterlassen, nicht etwa belobigt, sondern als kriminelle „Schlepper“ verfolgt werden ?

Bin ich eigentlich völlig abgedreht, wenn mich die eiskalte Gleichgültigkeit, mit der unser „humanitärer“ Westen das achselzuckend hinnimmt, an dieselbe abscheuliche Gleichgültigkeit erinnert, mit der die viele tausende Akteure im „Dritten Reich“ Behinderte als „Lebensunwerte“ oder „unnütze Esser“ töteten oder verhungern ließen?

Wenn wir es unterlassen, uns über diesen Zustand unserer Welt zu verständigen, werden wir blind für die wirkliche Gefahr und wir bemerken vielleicht gar nicht mehr, dass wir von den Mächtigen instrumentalisiert werden. Vielleicht präsentieren sie uns ja die AfD, damit wir uns an ihr abarbeiten, während sie hinter den Kulissen in aller Ruhe eine neue faschistische Weltordnung organisieren. Trump ist dabei schon weit fort-geschritten, aber die EU holt kräftig auf.

Es müsste ja tatsächlich wieder das Naziprinzip Herrenmensch/Untermensch gelten und mit militärischer Gewalt durchgesetzt werden, wenn der relativ kleine Teil der Menschheit on the sunny side of the street seine von Gier dominierte Lebensweise mit obzönen Verbräuchen und katastrophalen Schäden fortsetzen will. Den Wesenskern dieser Art zu leben bringt ein perverser Werbespruch kurz und knackig auf den Punkt: „Shoppen. Immer. Überall. Kaufhof“ – Dasselbe von der andern Seite betrachtet: „Vergiften/Vermüllen/Versklaven/Vernichten. Immer. Überall. Konsumkapitalismus.“

Nun meine ich, es wäre Zeit, über die Kernfrage der Zukunft zu diskutieren und zu streiten bis die Köpfe rauchen. Dies hier soll ja auch ein Versuch sein, das anzustoßen.

Ich befürchte aber, dass in Zeiten von Facebook, Twitter & Co sich der Unfähigkeit zu trauern die Unfähigkeit zu offener und lebendiger Diskussion hinzugesellt hat. Dass wir in unseren jeweiligen Blasen bald nur noch oberflächliche Statements und Tweets austauschen können, Fotos vom Urlaub, dem Abendessen oder der Demo posten, Smileys verteilen und blind dafür werden, dass rundherum die „Wirtschaft, die tötet“ mehr und mehr einen mörderischen Faschismus des 21. Jahrhunderts gebiert.

Damit wäre dann das Ende von Demokratie, Freiheit und Menschenwürde eingeleitet sowie der physische und kulturelle Ruin unseres immer noch wunderbar schönen blauen Planeten.

Leserbrief zum Artikel „Zeichen setzen gegen den Antisemitismus“

Leserbrief zum Artikel „Zeichen setzen gegen den Antisemitismus“

Wieder dasselbe oberflächliche Ritual zur Reichsprogromnacht: Betroffenheitsbekundungen, scharfe Verurteilung von Antisemitismus und Rassismus, das jüdische Totengebet, Schülerauftritt und wir alle gehen als die Guten nach Hause.

Dabei wäre es gerade in diesem Jahr so wichtig gewesen, endlich auf die tieferen Ursachen der nationalsozialistischen Verfolgung und Vernichtung der Juden zu sprechen zu kommen. Denn die sind zu einem sehr großen Teil in dem mörderischen Antisemitismus des so pompös gefeierten Jubilars Martin Luther zu finden. An den Progromen des 9.November 1938 zeigt sich dies besonders deutlich. Der Ablauf dieser Gewaltorgie entsprach nämlich genau den menschenverachtenden Forderungen Luthers in seiner Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“: Synagogen und Schulen verbrennen, Häuser zerstören, Juden vogelfrei machen, ausplündern, erschlagen…

Anlass war zwar das Attentat eines verzweifelten jüdischen Jugendlichen auf einen deutschen Diplomaten in Paris am 7.11., wonach zunächst ein paar vereinzelte Übergriffe folgten. Doch SA und SS inszenierten dann das Progrom in der Nacht zum 10.11., denn dieses Datum kam sehr gelegen:

„Am 10. November, Luthers Geburtstag, brennen in Deutschland die Synagogen (…) In dieser Stunde muss die Stimme eines Mannes gehört werden, der als der Deutschen Prophet (…) im 16. Jahrhundert der größte Antisemit seiner Zeit geworden ist, der Warner seines Volkes wider die Juden“, so begrüßte der thüringische Landesbischof Sasse die Untaten, an denen sich viele, viele Christen beteiligten. Der evangelische Reichsbischof erklärte, Hitler vollende nun, was Luther begonnen habe.

Dieser Hintergrund des Nazi-Antisemitismus wird weithin tabuisiert, vermutlich haben die Schüler nie davon gehört und die lauen Schuldbekenntnisse seitens der Kirche führen in die Irre:

Man habe sich nicht genug gegen die Nazis gewehrt. So als sei der Nationalsozialismus als etwas Fremdes über die deutschen Christen gekommen. Der Wahlforscher Falter hat herausgefunden, dass jeder zweite evangelische Christ 1932 NSDAP gewählt hat. Die “Deutschen Christen“ waren eine Naziorganisation mit Hitlergruss und Hakenkreuz in ihrer Fahne. Nichts Kirchen-“Fremdes“ also, etwas sehr „Eigenes“. Widerstand leisteten nur wenige Einzelne wie Dietrich Bonhoeffer.

Wer diese Wurzeln des Antisemitismus weiterhin nicht wahr haben will und sich immer noch nicht zu seinem Anteil daran bekennt, der macht sich vor der Jugend schuldig. Wie will er denn heute dem Neonazi entgegentreten, der einen Anschlag auf eine Synagoge verübt hat und sich auf den so hoch geehrten Luther beruft ? Der habe es so nicht gemeint?

Es ist auch kein echtes Zeichen gegen Antisemitismus, Partnerschaften mit israelischen Orten zu pflegen, aber hier wie dort zutiefst beschämende historische Wahrheiten zu leugnen oder totzuschweigen. Dabei wären ehrliche Zeichen angesichts des anwachsenden Rassismus und Antisemitismus doch so dringend nötig.

Nachtrag:

Ich hatte zu meinem Leserbrief extra noch ein kleines Anschreiben verfasst, daß ich dem interessierten Leser meines Blogs auch nicht vorenthalten möchte:

Sehr geehrter Herr Klemmer,

im Anhang finden Sie einen Leserbrief, dessen Inhalt Sie vielleicht als problematisch betrachten. Deshalb weise ich darauf hin, dass alle Tatsachenbehauptungen sorgfältig recherchiert und nachprüfbar sind und dass ich aus Platzgründen auf weitere Zitate verzichtet habe.

Wie ich bereits Ihrem Herrn Thies im Gespräch mitgeteilt habe, hätte ich mir auch diesen Leserbrief gern verkniffen, wenn von Seiten Ihrer Redaktion, etwa in einem Kommentar, die bei den Gedenkveranstaltungen unterschlagenen Informationen der Leserschaft zugänglich gemacht worden wären.

Ich gehe jedenfalls davon aus, dass wir darin übereinstimmen, dass ganz besonders die jungen Menschen einen Anspruch auf die ganze Wahrheit haben. Mag sie auch noch so unangenehm sein.

Mit freundlichen Grüssen, Lothar Gothe Eckenhagenerstr. 33,
51702 Bergneustadt 02265 / 7357

Der Brief ist dann – erwartungsgemäß – nicht abgedruckt worden.

Zweiter Nachtrag:

Auf diesen „unveröffentlichten Leserbrief“ hat dann am 29.11.2017 Herr Dechant Christoph Bersch mit einer an mich adressierten Email reagiert. Der daraus entstandene Mailwechsel ist so interessant – und aufschlussreich – daß ich ihn der geneigten Leserschaft nicht vorenthalten möchte. Auch, wenn dieses Vorgehen als „unfein“ empfunden werden könnte. Hier geht es weiter.

 

Unveröffentlichter Leserbrief zu „AfD- Nachlese“

 

Was war das für ein merkwürdiger Hype um den ausgefallenen AfD-Parteitag in Wiehl. Alle Oberberger schienen auf einmal „bunt und nicht braun“ zu sein, Grüne und CDU, Kirchen und Kultur, Erwachsene und Schüler. Die Riesenwelle machte den Eindruck einer kollektiven Teufelsaustreibung: Ein Reinigungsritual, aus dem die Oberberger als mitfühlende Humanisten und Christen hervorgegangen sind und die Demokratie vor den Feinden beschützten.

Das ist aber zu viel der Ehre für den zusammengewürfelten Haufen von AfDlern und ihren Landesparteitag. Dass allein diese zerstrittene – aber nicht verbotene – Partei in der Lage wäre, die Grundfesten des Staates zu gefährden, ist einfach lächerlich.

Die AfD hat außerdem kein Monopol auf Rassismus, Nationalismus,Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit, vielmehr sind diese brandgefährlichen rechtsradikalen Geisteshaltungen in der Gesellschaft weit verbreitet, in den andern Parteien, in Kirchen,in Gewerkschaften, im Sport.

Wie weit, das haben wir gerade an unseren österreichischen Schwestern und Brüdern gesehen ,wo die Mehrheit stramm rechts bis rechtsradikal gewählt hat

Wenn es darum geht, unseren ungerechtfertigten Wohlstand gegen die aus dem Süden geflüchteten Opfer zu verteidigen, dann legen Deutschland und die EU längst eine Brutalität bei der Flüchtlingsabschreckung an den Tag, wie sie AfD und Mr.Trump lauthals fordern. Den meisten ist das aber peinlich, deshalb reden wir lieber von unseren „Werten“ und heucheln Mitgefühl, während unser tatsächliches Handeln gegenüber den Fluchtursachen von kalter Gleichgültigkeit geprägt ist. Ob der oberbergische „Aufstand der Anständigen“ daher rührt, dass die AfD so schamlos offen ausspricht, was viele von uns klammheimlich denken?

Es rächt sich jetzt, daß die Nazivergangenheit nie wirklich aufgearbeitet wurde. Besonders in der ehemals braunen Hochburg im Südkreis wurde über den mörderische Nazismus und seine hiesigen Protagonisten geschwiegen, es wurde und wird vertuscht, beschönigt und verharmlost. So konnte der Schoß fruchtbar bleiben, aus dem das jetzt wieder kriecht.

Der 9. November und die Rituale des Progromgedenktags stehen vor der Tür. Zu diesem Anlass hat sich aber immer noch kein einziger Kirchenvertreter ehrlich gemacht und z.B. bekannt, daß die Nazis mit dem Progrom Luthers Geburtstag (10.9.) gefeiert haben. Indem sie seine furchtbare antisemitische Hetze in die Tat umsetzten, die Synagogen niederbrannten und eine Gewaltorgie sondergleichen gegen die Juden entfesselten. Der damalige Reichsbischof erklärte danach, Hitler habe vollendet, was Luther begonnen habe. Es gab also eine kräftige kirchliche Wurzel des Nationalsozialismus. Wer diese weiter unter dem Teppich halten will, aber gegen AfD und Konsorten demonstriert, spielt mit gezinkten Karten.

 

Netzwerk gegen Rechts?

Dem Aufruf von „Oberberg ist bunt, nicht braun“ zur Teilnahme an der Veranstaltung des „Netzwerks gegen Rechts“ bin ich gefolgt und erwartete die angekündigte „spannende Diskussion“ zu den „Grundwerten einer „zivilisierten Gesellschaft“.

Es gab aber keine Diskussion und schon gar keine spannende. Stattdessen klopften sich Vertreter der (54 !) Mitgliedsorganisationen und der 13 Kommunen verbal auf die Schultern und beklatschten sich gegenseitig, als wäre allein das bloße formale Bestehen des Netzwerks bereits ein Erfolg im Kampf gegen Rechtsextremismus und Rassismus.

Die Podiumsteilnehmer wurden vom moderierenden Theologen und aus dem Publikum reihum abgefragt und so erfuhren wir, daß die Streetworkerin mit den Problemfällen im Gespräch bleibt, das Gymnasium die Schüler zu respektvollen Bürgern erzieht, der Blogger gegen Haßmails anschreibt, in Bergneustadt trotz 4000 Türken „die Straße nicht brennt“ und der Kampfsportler „im Sport noch nie Rassismus erlebt hat“.

Also offenbar eine ziemlich heile oberbergisch/deutsche Politwelt, in der Grundwerte gelten und die daher von ein paar Rechtsextremen oder der AfD nicht erschüttert werden kann.

Diese Darbietung erschien mir so oberflächlich und so selbstgefällig, dass ich mich zu einem kritischen Einwand habe hinreißen lassen: Denn im Augenblick werden ja in unserem Namen und mit unserem Geld von der Frontex im „failed state“ Lybien kriminelle Banden mit Uniformen, Waffen und Schnellbooten ausgestattet, damit sie als „Küstenwache“ afrikanische Armutsflüchtlinge jagen und abfangen, um sie in – laut Amnesty – „KZ-artigen Lagern“ zu internieren, in denen brutale Gewalt, Vergewaltigung und Sklavenarbeit an der Tagesordnung sind. Das dient offensichtlich der Abschreckung und der Abschottung unserer Wohlstandsfestung Europa.

Zweifellos wird hier der absolut oberste unserer Grundwerte mit Füßen getreten: Die unantastbare Würde des Menschen. Aber diese Menschenrechtsverletzungen nehmen wir achselzuckend hin und auch das Netzwerk gegen Rechts wollte sich wohl die Feierstimmung nicht vermiesen lassen und blieb stumm gegenüber der Frage, ob diese Gleichgültigkeit vielleicht Ausdruck eines unausgesprochenen, weit verbreiteten rassistischen Menschenbilds (Herrenmensch/Untermensch) sei.

Im Gegensatz zu diesem bleiernen (Ver)schweigen stauchte mich der Vize-Landrat aber lauthals zusammen, weil ich es gewagt hatte, einen bedenklichen Satz aus seiner Ansprache zu kritisieren: „Wir haben in der Vergangenheit bittere Erfahrungen mit dem Extremismus machen müssen“. Das klingt, als wären auch wir Deutsche Opfer des Nazismus geworden, während doch in Wahrheit andere Völker, Juden, Roma, Schwule „bittere Erfahrungen“ mit unserem Extremismus machen mußten.

Solche autoritäre Unterdrückung von Kritik, solche Unfähigkeit zu demokratischem Diskurs und das Ersticken einer lebendigen Diskussion habe ich bisher für ein Markenzeichen von rechten (oder stalinistischen) Organisationen gehalten. Aber man lernt ja nie aus.

Richtigstellung zu „Luther – ein Nachtrag“

Ein Besucher der Homepage hat darauf hingewiesen, dass 2009 zum 60sten Jahrestag des Abtransports der 700 BewohnerInnen der Heil- und Pflegeanstalt Waldbröl auf Initiative der Stadt ein Gedenkstein mit folgender Inschrift enthüllt wurde:

„Zum Gedenken an die in der Zeit des Nationalsozialismus als lebensunwert bezeichneten Menschen aus der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt Waldbröl, die durch Zwangssterilisation und Euthanasie ihrer Würde und Ihres Lebens beraubt wurden“

Auf zwei am Stein befestigten Textplatten seien Einzelheiten nachzulesen.

Somit ist mein Vorwurf, dieser oberbergische Krankenmord sei bisher völlig verschwiegen worden, nicht berechtigt.

Allerdings gibt es Unstimmigkeiten: 2009 kann nicht der 60ste Jahrestag gewesen sein, denn dann hätte die Deportation ja 1949 stattgefunden. Nach den Erkenntnissen von Ernst Klee sind die Heimbewohner in der psychiatrischen Vernichtungsanstalt Meseritz-Obrawalde in Polen ermordet worden und nicht wie angegeben in Hadamar. Dort wurden die Vergasungen im August 1941 beendet, im August ’42 wurden die Morde mit Medikamenten wieder aufgenommen.

Den Begriff „Euthanasie“ (schöner, leichter Tod) haben die Nazis zur Verhüllung der systematischen Tötung verwendet, deshalb sollte er heute nur in Anführungszeichen verwendet werden. Selbst nach Nazirecht handelte es sich um Mord, so sollten wir es heute der Klarheit halber auch benennen.

Ein Mantel des Schweigens liegt nach wie vor über den Naziaktivitäten im Oberbergischen, dem Fortbestehen von Nazigeist nach 1945 und dem Schutz der Täter. Der nach jahrelangen Aufforderungen an den Kreistag vom Kreishistoriker dazu vorgelegte Bericht ist sehr lückenhaft, den Kreistag und seine schwer belasteten Nazis hat er ganz außen vor gelassen. Dass z.B. der von 1946 bis 1979 autokratisch regierende OKD Goldenbogen („nicht der allerschlimmste Nazi“) nicht nur Mitglied in der NSDAP, sondern auch in der SA war – siehe Kaminsky/ Roth – wird nicht erwähnt.

Nazitäter werden sogar noch posthum geschützt, während ihre geistigen Nachfolger des NSU wieder „Untermenschen“ mordend jahrelang durch Deutschland ziehen konnten.

Luther – ein Nachtrag

Der OVZ-Ausgabe vom 23.5.17 war eine 12seitige Anzeigen-Sonderveröffentlichung der evangelischen Kirche zu „500 Jahre Reformation“ beigefügt. Neben lauter Grußworten von Oberbürgermeisterin, Kardinal und anderen Honoratioren bis zu Niedecken und Jürgen Becker krampfhafte Verrenkungen, um Luther und die Reformation mit Köln zu verbinden.

Da Luthers Verdienste landauf landab unablässig kommuniziert werden, brauche ich hier nicht auch noch darauf einzugehen.Der große Reformator erreicht in der Verehrung und Anbetung locker den Status katholischer Spitzen-Heiliger; er wird so auf den Altar gehoben, dass nichts Negatives an ihm haften bleibt. Deshalb soll hier das Bild ein wenig vervollständigt werden.

Die zentrale Botschaft des „Lutherjahrs“ findet sich im „Doppelinterview“ mit Präses Rekowski und der „offiziellen Botschafterin der Reformationsjubiläums“ Käßmann.

Luthers glühender Antisemitismus, seine hetzerischen Ausfälle gegen Juden, die Aufrufe, mit Gewalt und Terror gegen sie vorzugehen, das wird mal eben abgetan mit der Bemerkung, die Evangelische Kirche habe sich ja neuerdings von Luthers „Antijudaismus“ distanziert und seine „antijüdischen Hetzschriften“ verurteilt. Wohlweislich wird der Begriff „Antisemitismus“ peinlich vermieden, obwohl dies die korrekte Bezeichnung für viele von Luthers Tiraden wäre. Sein Vernichtungswahn richtete sich ja nicht nur gegen die religiösen Juden, sondern gegen „das Volk der Juden“ und deren „verdorbenes Blut“ ( modern: verdorbene Gene). Der spätere rassistische Antisemitismus knüpfte nahtlos daran an. Aber der stellt ja eine unangenehme Verbindung zur nationalsozialistischen Judenverfolgung und zu Auschwitz her; er könnte peinlicherweise daran erinnern, daß die Nazis sich bei der Vernichtung der Juden durchaus auch auf den Reformator berufen konnten.Nicht zufällig brannten am 10. November 1938, an Luthers Geburtstag, die Synagogen. Der schlimmste Nazihetzer und „Stürmer“-Herausgeber Julius Streicher verteidigte sich im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess nicht ohne Grund mit der Behauptung, wenn der noch leben würde, „säße Dr. Martin Luther heute an meiner Stelle auf der Anklagebank.“

Deshalb beim Interview schneller Themenwechsel und Hinwendung zu positivem Luther-Gedenken. Deutlich mehr Raum im Interview nehmen z.B. „Playmo“-Lutherfiguren ein , von denen 750 000 bereits verkauft seien und die z. B. dem Erzbischof von Guatemala viel Spaß bereitet hätten.

Nach solcherart politischer Verschönerung kann dann der Superintendent Köln-Süd, Dr. Bernhard Seiger in seinen „9,5 Thesen zum Reformationsjahr 2017“ folgendes zum Besten geben:

„Christen …treten stets für die Würde ein, über die jeder Mensch, gleich welchen Geschlechts, welcher Herkunft, Religion oder Lebensorientierung verfügt.“

Gerade im oberbergischen Südkreis lässt sich studieren, dass der Luthersche Judenhass, gepaart mit seinem Obrigkeitsdenken, eine Grundlage des mörderischen Nationalsozialismus bildeten. Kirche und Nazis zogen an einem Strang. Bis heute wird nicht offen darüber geredet, die lokalen Täter sind bis heute tabu, es herrscht Schweigen.

Besonders peinlich führt sich in diesem Zusammenhang die oberbergische Christlich-Jüdische Gesellschaft auf, die beim Kirchenkreis an der Agger angesiedelt ist. Bis vor kurzem noch konnte man auf der Homepage die ungeheuerliche Geschichtsklitterung lesen, dass die „Mitläufer und Mittäter“ „ehrenwert und gutwillig“ gewesen seien. Erst nach jahrelangen Protesten wurde kürzlich diese Reinwaschung von Nazimitläufern und Tätern(!) durch ein Zitat des ersten Nachkriegs-Landrats Dresbach (CDU) ersetzt und abgeschwächt: … aber ich bin nicht geneigt, über all die politisch ungeschulten Menschen den Stab zu brechen, die damals glaubten, es sei eine neuere und bessere Welt entstanden. Der Fluch gilt den politisch Wissenden, die sich diesem System zur Verfügung gestellt haben.“

Demnach konnte ein Christ erst nach „politischer Schulung“ erkennen, daß Entrechtung, Ver-folgung, Deportierung und Ermordung von Mitmenschen, seien es Juden,Zigeuner, Behinderte oder Kommunisten, Unrecht und „schwere Sünde“ war? Obwohl doch die zentrale Botschaft des Jesus von Nazareth unmißverständlich Toleranz, Barmherzigkeit, Nächstenliebe und sogar Feindesliebe verlangte? War „Du sollst nicht töten“ außer Kraft?

Anscheinend haben sich die „Ungeschulten“ weniger an der einfachen Lehre Jesu orientiert, sondern mehr an den Hassorgien und dem Vernichtungswahn des christlichen Schulmeisters Luther.

Wer diese christlichen Wurzeln von nationalsozialistischem Terror und Massenmord leugnet oder unter dem Teppich hält, verhindert eine ehrliche Aufarbeitung und schwächt das „Immunsystem“ gegen die neue braune Gefahr und überlässt die Opfer dem Vergessen.

Kürzlich stieß ich in Ernst Klees Buch „Euthanasie im NS Staat“ auf einen Hinweis, daß in Waldbröl alle Insassen eines Behindertenheims nach Polen deportiert und dort in einem Vernichtungslager ermordet wurden. Ich habe als alter Oberberger zeitlebens aber nie davon gehört oder gelesen. Ist es nicht eine Schande, daß auch 73 Jahre später dieser Massenmord an oberbergischen Mitbürgern totgeschwiegen wird, dass er in keiner Gedenkrede erwähnt wurde? Was sind denn demgegenüber die Trauerbekundungen wert, die zu den offiziellen Gedenktagen regelmäßig wiederholt werden?

Wird es nicht Zeit, uns endlich ehrlich zu machen? Auch im Zusammenhang mit den Feiern zu „500 Jahre Reformation“?

Lutherweg

Zum Artikel „Psalmen in der Wanderpause –  Oberbergischer Lutherweg eröffnet“ in der Wochenendausgabe vom 20.5.2017

Jetzt haben wir also auch im Oberbergischen einen Pilgerweg. Er heißt nicht Jakobs-, sondern Lutherweg und unser Santiago de Compostela ist das beschauliche Lieberhausen. Nun kann man eine Verbindung Luthers zu Oberberg nicht einmal an den Haaren herbeiziehen, aber darum geht es auch gar nicht.

Es handelt sich wohl weniger um ein religiöses Ereignis als um ein Event im Rahmen des kirchlichen Marketing-Rummels im „Lutherjahr“. Die Kirchenfunktionäre glauben offenbar, den fernbleibenden Mitgliedern hinterherlaufen und die alte Botschaft des hingerichteten Juden aus Palästina in moderner Verpackung präsentieren zu müssen.

Herausgekommen ist eine esoterisch angehauchte Wellness-Wandertour, die Fitnesstraining, Abspecken und Spiritualität aufs Angenehmste miteinander verbindet. An acht Stationen des Rundwegs laden Schilder mit Lutherzitaten oder Psalmen zur Rast ein. Dort kann man eine „Auszeit nehmen und nachdenken“. Bei dieser Verbindung von „Wandern mit dem Glauben“ helfen QR-Codes auf den Schildern: Der wandernde Sinnsucher kann sich über sein Smartphone die Texte und die Anleitungen zu „Übungen zur Körpermeditation“ vorlesen lassen. Vertiefen kann er dieses transzendentale Nachdenken womöglich, wenn er dabei Lutherkäppi, Lutherschal, Lutherhemd und Luthersocken trägt.

Nun haben die meisten Mitmenschen, auch die Mehrheit der heutigen Christenheit, andere Probleme als hiesige Wohlstandsbürger, sie müssen in den weltweiten Armuts- und Elendszonen leben und vegetieren in ebenso grausamen Verhältnissen wie die Armen zu Luthers Zeiten.

Deshalb wäre es wohl angebracht, wenn an – sagen wir – 2 Stationen das Handy Luthertexte vorliest, die sich mit deren Problemen befassen. So könnte in Station 7 („Um mich herum“) aus der Schrift „Wider die mörderischen und räuberischen Horden der Bauern“ zitiert werden.

„… man soll sie zerschmeißen, würgen, stechen, heimlich und öffentlich, wer das kann, wie man einen tollen Hund erschlagen muss…“ Das animiert zur Meditation darüber, dass damals wie heute Entrechtung und Ausbeutung bis aufs Blut Gewalt und Terrorismus provoziert. Für die Station 5 („Hinter mir“) böte sich an, eine antisemitische „Hassmail “ Luthers zu verlesen,in welcher er aufruft, die“ jüdischen „Bluthunde“ zu erschlagen, ihre Schulen und Synagogen zu verbrennen, ihre Häuser zu zerstören usw. Dann könnte der Pilger darüber nachsinnen, ob solcherart Hetzschriften irgendwie mit dem Holocaust zu tun haben könnten.

Auf diese Weise könnte der oberbergische Pilgerweg zur Volksbildung beitragen, zumal ja die Anwesenheit vom Dechanten (Achtung: Ökumene!) und der weltlichen Obrigkeit in Person von Landrat und Bürgermeister (beide von der christlichen Partei) bereits dessen große gesellschaftspolitische Bedeutung unter Beweis stellt.


Zu diesem Leserbrief wurden zwei Reaktionen von evangelischen Christen veröffentlicht. Klaus Dripke aus Nümbrecht schreibt:

„Einen interessanten Leserbrief hat Herr Gothe zum Artikel „Psalmen in der Wanderpause“ geschrieben, der über den neu eröffneten Oberbergischen Lutherweg in Lieberhausen berichtet. Herr Gothe spottet ätzend über den Marketing-Rummel und läßt sich vor allem über den miesen Charakter von Luther aus….“

Nachdenklicher äußert sich Hanns Hermann Mertens aus Bielstein:

„Für einen gläubigen Christen wie mich ist solch ein Leserbrief […]  geradezu schmerzhaft. Aber könnte er nicht einer „bitteren Medizin“ vergleichbar sein? Könnte solches Nachdenken nicht geradezu heilsam sein? Denn die kritisierten unchristlichen, unmenschlichen Entgleisungen sind in Luthers Werken tatsächlich zu finden und dürfen nicht vertuscht werden.“