Eigentlich ein lobenswertes Schülerprojekt. Aber.

Leserbrief zum Artikel „Von Margot Friedländer persönlich geehrt“

Dass die Waldbröler Schülerinnen mit dem „Margot -Friedländer- Preis“ geehrt wurden für ihr Projekt „Von Mäusen und Katzen – Antisemitismus in und um Waldbröl“, darauf können sie zu Recht stolz sein, zumal die Holocaust-Überlebende ihn persönlich überreicht hat.

Nicht stolz sein können allerdings die Bürgermeisterin und die Waldbröler Politik. Was hätte denn wohl Frau Friedländer gedacht, wenn sie erfahren hätte, dass in der früheren Nazihochburg immer noch zwei Straßen einem schwer belasteten Altnazi gewidmet sind: Dr. Friedrich-Wilhelm Golgenbogen.

Dieser hat von 1946 bis 79 Oberberg als Oberkreisdirektor autokratisch regiert und die Hand über zahlreiche Nazis in Kreistag und Verwaltung gehalten. An seiner Person ist eine Aufarbeitung der NS -Nachkriegskontinuität durch den Kreishistoriker Pomykaj vor einigen Jahren kläglich gescheitert: Goldenbogen sei als NSDAP-Mitglied nur ein harmloser Mitläufer gewesen. Nicht herausgefunden hatte er dessen Mitgliedschaften in der SA und im Nationalsozialistischen Rechtswahrerbund, obwohl sich die Belege dafür problemlos in der öffentlich zugänglichen Personalakte des „Mannes der ersten Stunde“ im Bundesarchiv finden lassen. Die NS- Juristen hatten die auf den Menschenrechten beruhende Rechtsordnung abgeschafft und durch die Rassengesetze ersetzt, und damit die Verfolgung und Ermordung von angeblich rassisch minderwertigen „Untermenschen“ wie Frau Friedländer „legitimiert“.

Goldenbogen hat Anfang der 50er den Blut-und-Boden-Maler und Leiter der „Hermann Göring Meisterschule“ Werner Peiner über die Maßen mit Wohnraum und Geld gesponsert, dabei störte es ihn nicht, dass der Edelnazi Peiner weiterhin offen als radikaler Antisemit auftrat. Welche Ängste mag vor diesem Hintergrund wohl eine „Dr. Goldenbogenstraße“ bei Holocaustopfern wie Frau Friedländer auslösen?

Vor Jahresfrist hat der Reichshofer Jochen Gölitz bei Waldbröls Bürgermeisterin die Umbenennung der Straße verlangt und dabei auf den Gründer des Nazijuristenbundes hingewiesen, den in Nürnberg gehenkten Hauptkriegsverbrecher Hans Frank, den „ Schlächter von Polen“. Frau Weber sagte zu, die politischen Gremien damit zu befassen, bis heute ist aber keinerlei Reaktion bekannt.

Stattdessen konnte in Waldbröl ein rechtsradikaler Putin/Trump -Verehrer sogenannte „Spaziergänger“-Demos mit 150 Teilnehmern anführen, wobei viele sicher nicht wußten, wem sie da hinterher laufen. Meinen Hinweis auf rechte Drahtzieher dieser Demos beantwortete er mit einem unsäglichen Hetzvideo, welches mich im „Stürmer“-Stil bedrohte und darin gipfelte, dass für Merkel, Lauterbach und Spahn ein „Baum mit schönen Ästen“ gesucht werde. Das Amtsgericht Waldbröl konnte darin keine Volksverhetzung erkennen und ließ ihn mit einem sehr milden Strafbefehl davon kommen. Für die Löschung des Hassvideos musste ich mit einer Zivilklage selber sorgen. Das alles spricht nicht gerade für gelungene Aufarbeitung.

Die Schülerinnen hatten offenbar nur eingeschränkten Zugang zu Informationen und sind insofern dazu missbraucht worden, in Berlin eine blank polierte demokratische Waldbröl- Fassade vorzuführen, hinter der sich aber leider nach wie vor jede Menge brauner Unrat verbirgt.


Dieser Leserbrief hätte eigentlich im Stadtanzeiger veröffentlicht werden sollen, wenn auch nur „entschärft“:

——– Weitergeleitete Nachricht ——–
Betreff:     AW: Leserbrief
Datum:     Mon, 16 Jan 2023 09:20:17 +0000
Von:     RRG.Redaktion.Oberberg
An:     Lothar Gothe
Kopie (CC):     Thielen, Linda, Höhner, Jens

Guten Tag Herr Gothe

Die Lokalredaktion Oberberg wird ihren Leserbrief veröffentlichen unter der Voraussetzung, dass die Redaktion dass die ein oder andere Stelle „entschärfen“ wird.

Signalisieren sie uns bitte hierfür ihr Einverständnis. Wir warten auf ihre Rückinfo.

Freundliche Grüße aus dem Redaktionssekretariat der RRG-Lokalredaktion Oberberg

Ute Klein

*Erreichbar ist das Redaktionssekretariat MO-FR von 9:30 – 17:00 unter 0 22 61 / 92 89 – 0 **● **redaktion.oberberg@ksta-kr.de <mailto:redaktion.oberberg@ksta-kr.de> **●**Kaiserstraße 1, 51643 Gummersbach*


Und irgendwann dann irgendwie doch nicht:

——– Weitergeleitete Nachricht ——–
Betreff:     Leserbrief
Datum:     Mon, 23 Jan 2023 15:39:47 +0100
Von:     Lothar Gothe
An:     Höhner, Jens

Hallo Herr Höhner,

ich höre gerade im Radio. dass Frau Margot Friedländer das Bundesverdienstkreuz erster Klasse verliehen wurde. Das erinnert mich an den „entschärften“ Leserbrief zum Waldbröler Schülerprojekt zum Antisemitismus und dem immer noch geehrten Antisemiten Goldenbogen. Haben Sie den Brief vergessen?

(Falls es Bedenken wegen der Faktenlage hinsichtlich seiner NS Belastung gibt, könnte ich der Redaktion eine Kopie der Personalakte Goldenbogens übermitteln, in welcher seine diversen NS- Mitgliedschaften belegt sind.)

Grüsse,

Lothat Gothe


——– Weitergeleitete Nachricht ——–
Betreff:     Leserbrief
Datum:     Tue, 24 Jan 2023 14:58:39 +0000
Von:     Höhner, Jens
An:     ‚Lothar Gothe‘

Lieber Herr Gothe,

danke für Ihre Mail. Nein, wir haben Ihren Leserbrief nicht vergessen. Allerdings haben wir uns dafür entschieden, ihn nicht zu drucken – trotz der Entschärfungen. Denn unterm Strich greifen Sie darin erneut die Debatten um Goldenbogen und Pomykaj sowie den Fall Gehrmann auf, über alles haben wir hinlänglich und ausreichend berichtet. Und selbstverständlich behalten wir das alles auch weiterhin im Blick. Wenn Sie sich in einem Leserbrief allein mit dem Waldbröler Schüler-Projekt beschäftigen wollen und dieses loben möchten, so wir würden wir uns darüber freuen. Allerdings bitte ohne Verknüpfung zu bereits geführten Diskussionen. Vielen Dank!

Mit freundlichen Grüßen,

Jens Höhner

Telefon – 02291/90 78 32 43

Lokalredaktion

Oberbergische Volkszeitung / Oberbergischer Anzeiger

51545 Waldbröl

Kaiserstraße 25d

Tel. 0 22 91/9 07 83-0

Rheinische Redaktionsgemeinschaft GmbH; Amsterdamer Straße 192, 50735 Köln; Telefon 0221/224-0,

Amtsgericht Köln HRB 81598; Geschäftsführer: Hermann Steveker, Mirco Striewski


——- Weitergeleitete Nachricht ——–
Betreff:     Re: Leserbrief
Datum:     Fri, 27 Jan 2023 15:56:04 +0100
Von:     Lothar Gothe
An:     Höhner, Jens

Liebe Redaktion,

das Gezerre um meinen Leserbrief und vor allem das Ergebnis wirft nicht nur in meinen Augen ein schlechtes Bild auf Ihre Arbeit als unabhängige „vierte Gewalt“.
Tatsächlich haben Sie natürlich über die „Debatten“ Goldenbogen/Pomykaj/ Gehrmann berichtet, allerdings nicht ausreichend: Denn so weit ich mich erinnere, haben Sie in keinem redaktionellen Text die konkreten Mitgliedschaften Goldenbogens in der SA und im NS Rechtswahrerbund genannt, sondern nur meine Bemerkung zitiert, PomykaJs misslungene Aufarbeitung weise “ Lücken“ auf. Das ist für die Leser ein bedeutsamer Unterschied.

Jetzt stehen diese „Debatten“ aber in einem anderen Zusammenhang und es geht um die unerträgliche Diskrepanz zwischen der PR für eine vorbildliche NS Aufarbeitung Waldbröls, welche das preisgekrönte Schülerprojekt zum Antisemitismus suggeriert und der beschämenden Tatsache, dass einem unverbesserlichen Altnazi und Antisemiten immer noch eine Straße gewidmet ist.

Es gibt zwei Erklärungen für Ihre Haltung: Entweder Sie halten wie Pomykaj Goldenbogens totgeschwiegene NS Mitgliedschaften für unbedeutend und ihn für einen „harmlosen Mitläufer“, oder  Sie kuschen vor der Politik, welche die Belastung des ehemals übermächtigen Autokraten mit Macht unter dem Teppich halten will. Beides ist für eine freie kritische Presse nicht akzeptabel.

Wie weit ist denn übrigens der Landrat mit der Suche nach einem externen, unabhängigen Historiker für die neue  Aufarbeitung des NS gekommen ? Herr Klemmer hatte mir geschrieben, die Redaktion werde am Ball bleiben und er wäre gespannt, welchen Historiker der Landrat auswählen würde.

Die Bemerkung, Herr Höhner, dass sich die Redaktion über einen Leserbrief freuen würde, in dem ich ausschließlich  die Schüler loben würde, ohne jeden Hinweis auf die NS Hintergründe, empfinde ich als peinlich.

Es gibt einen neuen Artikel über ein Waldbröler Schülerprojekt zum Antisemitismus. Dazu ist erneut ein lobender Leserbrief fällig, allerdings wieder mit einem unangenehmen Hinweis auf den fetten braunen Fleck auf Waldbröls weißer demokratischer Weste. Ich schreibe ihn, obwohl ich ja jetzt weiß, dass er deshalb  natürlich wieder insgesamt “ entschärft“ werden muss.

Die Leserbriefe und unsere diesbezügliche Korrespondenz lasse ich auf meine Homepage stellen, weil es sich nach Meinung eines befreundeten Historikers um Dokumente der Zeitgeschichte handelt.

Grüsse,

Lothar Gothe