Mein Flugblatt zur Ausstellung KÖLN!68

KÖLN!68: (Maul)Heldengedenktage?!?

Sowohl an dieser Ausstellung als auch an dem Begleitband ist deutliche Kritik angebracht. Als einer der damaligen „radikalen“ Aktivisten will ich versuchen, diese Kritik in Worte zu fassen und einen Kontrapunkt zu setzen zu den durchgängig selbstgefälligen Rückblicken und manchmal peinlichen Selbstbeweihräucherungen.

Im Wesentlichen sind historisch drei grobe Mängel zu registrieren:

  • Der gewaltige Umfang von Ausstellung und Buch erweckt den Anschein, es habe sich bei der Kölner „Studentenrevolte“ um eine Massenbewegung gehandelt. In Wirklichkeit haben die meisten brav studiert (WISO oder Jura), derGroßteil der Linken begnügte sich mit verbal-radikalentheoretischen Disputen und Büchertischen, während der reale Widerstand von einer (sehr) „kleinen radikalen Minderheit“ ausging. Ich verfolge staunend, wie im Laufe der Jahre die Zahl der aktiven „Revolutionäre“ inflationär in die Höhe geht.
  • Wesentliche Gründe für das Aufbegehren tauchen gar nicht mehr oder nur noch am Rande auf. So etwa die „internationale Solidarität“ mit den ausgebeuteten und unterdrückten Völkern in der sogenannten dritten Welt. In der Eröffnungsveranstaltung war das kein Thema, selbst der Vietnamkrieg fand (so gut wie) keine Erwähnung! Im Rückblick nahezuverschwunden ist auch der Widerstand gegen den um sich greifenden gierigen Konsumismus, obwohl er für viele von uns ein wichtiger Antrieb für ihre „außerparlamentarische Opposition“ war.
  • Während sich heute alle möglichen Mitläufer wie Leggewie oder Parteikarrieristen wie Lieb breit machen, sind andere, lebenslang aufrecht gebliebene 68er, wie z.B. Robert (Peter) Naumann aus den Annalen so gut wie verschwunden. Sie haben sich nicht mit dem neoliberalen Konsumkapitalismus versöhnt, keine Karriere angestrebt, viele sind aus Bürgersicht „Looser“ geworden und geblieben – ich zähle mich dazu.

Auf diese Weise wird die „Revolte“ rückwirkend so umgemodelt, dass sie mit der heutigen Lebenswirklichkeit der meisten vorgeblichen Revoluzzer kompatibel ist. Sie konzentrieren sich auf die (Sekundär)„Freiheiten“, diewir errungen haben (die ich hier nicht noch mal alle runterbeten will).

Sie blenden aus, dass auch ihr Mittelklasse-Komfort nach wie vor auf härtester Ausbeutung der Völker des Südens beruht, dass auch der alternativ-konsumistische Lebenstil die globalen Lebensgrundlagen bedroht und die Klimakatastrophe befeuert, bis hin zu den prognostizierten apokalyptischen Zuständen.

So brauchen auch wir 68er Vorkämpfer für eine gerechte Welt uns nicht damit zu befassen, dass unsere Gated Community Europa mit ihrer hochgerüsteten Frontextruppe unseren zusammengeraubten Wohlstand zunehmend mörderisch verteidigt; dass nordafrikanische Despoten und Warlordbanden als unsere Helfershelfer angeworben werden und die elenden Opfer der neoliberalen Ausplünderung der Welt zurAbschreckung in KZ-artigen Lagern foltern, massakrieren oder in die Wüste zurückjagen, wo sie fern von unseren Augen und Kameras – wie zuvor ihr Vieh – verdursten.

Also, Genossinnen und Genossen: VENCEREMOS!

Euer Lothar Gothe (Robert Naumann und Kurt Holl würden diese Kritik sicherlich teilen)

Mehr dazu bei – lothargothe.de – unter „Mein 68“ und „Europa: Bald vereinigt im Faschismus?“

(Übrigens, was die historische Aufarbeitung der Rektoratsbesetzung betrifft: Ich hatte gar keinen Hammer, sondern einen vorübergehenden, medizinisch unerklärlichen Parkinson-Anfall im rechten Bein)

Leserbrief zur Berichterstattung zum „Pogromtag“

Wegen der alljährlichen Kirchenheuchelei zum Novemberpogrom habe ich wieder den alljährlichen Leserbrief verfassen müssen. Die Medienobrigkeit hat aber anscheinend die Schnauze davon voll (nicht von der Heuchelei). Dabei habe ich ihn kurz und knackig gehalten und denen mitgeteilt, sie brauchten diesmal nicht zu kürzen, ich hätte es selber schon getan. Hat nichts genützt, er ist nicht veröffentlicht worden.

Ich schrieb:

Es ist angesichts des anwachsenden Antisemitismus und Rechtsradikalismus sehr zu begrüßen, dass endlich auch über die Gewaltexzesse am “Reichspogromtag“ im Oberbergischen berichtet wird.

Wenn allerdings Superintendent Knabe die Schuld der Kirche bekennt, die im Wegschauen bestanden habe, so ist das nicht die ganze Wahrheit. Denn tatsächlich haben sich tausende evangelische Christen eifrig als „Freiwillige“ an den Ausschreitungen von SS und SA aktiv beteiligt und sich dabei auf Dr. Martin Luther berufen.

Das konnten sie, weil dieser in seiner Schrift „Über die Juden und ihre Lügen“ genau das Pogrom gefordert hat, was in der Nacht vom 9. zum 10. begann und bis zum 11.November andauerte: Synagogen niederbrennen, die Häuser und Geschäfte der Juden zerstören, sie verjagen und erschlagen.

Die Naziführung hatte das Datum mit Bedacht gewählt, denn am 10. November ist der Geburtstag des glühenden Antisemiten. Kirchliche Würdenträger wie der thüringische Landesbischof begrüßten die Untaten auch ausdrücklich unter Berufung auf Luther.

Das „Wegschauen“ vieler Christen ist also Anlass zu Scham, aber die aktive Beteiligung so vieler anderer an der Gewaltorgie gegen wehrlose Mitmenschen und deren theologische „Rechtfertigung“ durch Kirchenobere, das ist die wirklich schwere Schuld, die auch nach 80 Jahren immer noch unter einem Mantel des (Ver)Schweigens verborgen wird. Solange das so bleibt, kann keine ehrliche Aufarbeitung stattfinden und der „Schoß bleibt fruchtbar noch, aus dem das kroch“.

 

Leserbrief zum Artikel „Investition in die Zukunft des Waldes“

Überall begegnet man immer noch erschreckender Ignoranz gegenüber Umweltschädigungen und Klimawandel: Aber was die Lieberhausener Forstbetriebsgemeinschaft hier unter Anleitung eines ausgebildeten Försters veranstaltet, das hätte ich denn doch nicht für möglich gehalten:

Auch nach diesem dramatischen Dürresommer führen sie eine sogenannte Waldkalkung durch, indem tagelang tonnenweise Kalk durch Hubschrauber über den verdorrenden Wäldern und metertief ausgetrockneten Böden abgekippt wird.

Unter „normalen“ Verhältnissen ist das schon reine Symptompfuscherei, denn der Kalk kann nur vorübergehend der Versauerung des Bodens entgegenwirken. An den „Krankheitsursachen“ ändert er nichts: Diese sind Schadstoffeinträge hauptsächlich durch Straßen- und Luftverkehr, Kraftwerke und intensive Landwirtschaft und zunehmend die Klimaerwärmung. Echte Hilfe für den Wald wären also z.B. eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf der Autobahn, Fahrverbote für sinnlose Spritfresser wie SUVs, Stilllegung von Kohlekraftwerken, sehr hohe Besteuerung von Flugbenzin und Umstellung der industriellen Landwirtschaft.

Alle diese Maßnahmen würden aber den Konsum erheblich einschränken, folglich unterbleiben sie und als infantile Ersatzhandlung wird gekalkt.

Es ist aber so unsinnig, als würde man einem Patienten mit Gehirntumor als Heilbehandlung Schmerztabletten verordnen, weil diese kurzzeitig die Kopfschmerzen lindern.

Zudem ist die sich anbahnende Katastrophe durch Förster und Forstbetriebsgemeinschaften zusätzlich auch selbst verschuldet. Haben sie doch alle Warnungen der Klimaexperten beharrlich in den Wind geschlagen und immer weiter statt echtem (Laub-Misch) Wald „Schädlings“-anfällige Nadelholzplantagen angelegt, die jetzt nach und nach zusammenbrechen. Von wegen „Brotbaum“ Fichte! Auch in der Othetaler FBG, in der ich seit 30 Jahre Mitglied bin, herrscht bis heute diese Ignoranz, obwohl man doch die Alternative in Form der Hatzfeldschen Wälder mit dem echten Ökosiegel FSC direkt vor der Nase hat.

Jetzt bewirken die energieintensiven Lieberhausener „Luftangriffe“ jedenfalls gar nichts Gutes, im Gegenteil: Sie heizen das Klima durch ihren enormen CO2-Ausstoß weiter an und beschleunigen durch die Kalkduschen das Aussterben von ohnehin gefährdeten Insekten und Kleinlebewesen: Blinder Aktionismus anstelle von Waldumbau und Klimaschutz. Die toten Fichtenbestände sind nach alledem auch der Ausdruck eines fundamentalen Versagens der Forstbehörden und der Förster, die (wider besseren Wissens) den natürlichen Wald bis heute für die industrielle Holzproduktion in Monokulturen opfern.

Kalken als „Investition in die Zukunft des Waldes“ zu verkaufen, ist daher blanker Zynismus.

Kardinal Woelki im Oberbergischen

Leserbrief zu den Artikeln zum Besuch des Kardinals Woelki im Oberbergischen

Der Kardinal will also mit den oberbergischen Gläubigen darüber sprechen, warum die Kirchen so leer sind und die Kirchenaustritte sich mehren. Als in Belmicke getaufter, aber längst „abgefallener“ Katholik will ich dazu auf einen gewichtigen Grund hinweisen.

Denn wie in Irland und in USA hat die Kirche auch im Erzbistum Köln schwere Schuld auf sich geladen. Allein im Oberbergischen wurden in mindestens zwei Heimen auch Kinder brutal behandelt, gedemütigt und sexuell „missbraucht“.

Im Gummersbacher Kinderheim, so berichten Ehemalige, hätten zwei Nonnen sie zu widerlichen sexuellen Handlungen gezwungen. Die Kinder wurden dort, wenn sie „unartig“ waren, brutal bestraft, so mussten sie z.B. die Nacht im Keller verbringen, eine Hand an ein Heizungsrohr festgebunden.

Im Eckenhagener Josefsheim, so hat der frühere Heimleiter zugegeben, wurden ebenfalls Jungen von Erziehern sexuell „missbraucht“ (Einige der Opfer bestehen übrigens darauf, dass es richtig „vergewaltigt“ heißen müsse, auch dann, wenn „nur“ psychischer Druck ausgeübt wurde). Auch hier unmenschliche Behandlung und harte Bestrafungen. So hat man z.B. Bettnässern über Nacht die Vorhaut zugebunden, mit äußerst schmerzhaften Folgen.

Nach der Volksschule vermittelten die Heime die Jungen als Knechte an Bauern, die sich häufig als erbarmungslose Ausbeuter herausstellten.

Bis heute wird aber auch in Köln weggeschaut und vertuscht, die verbrecherischen Täter vor Strafe bewahrt. Der ehemalige Leiter des Josefsheims erklärte, man habe es in Köln missbilligt, dass er Missbrauchsopfern die Akten zur Verfügung gestellt habe, um ihre Aussagen glaubhaft machen zu können.

Wenn eines von ihnen seine Qualen dennoch beweisen kann, zahlt das Erzbistum als eine Art Wiedergutmachung 5000 Euro. Was mag da wohl in einem der geschundenen Menschenkinder vorgehen, wenn dem Milliarden schweren Erzbischhöflichen Stuhl seine zerstörte Kinderseele und seine lebenslangen posttraumatischen Belastungen nicht mehr wert sind als ein Drittel des Kaufpreises einer bischhöflichen Badewanne in Limburg?

Auch für Woelki ist es längst überfällig, reinen Tisch zu machen und das kann nur damit anfangen, alles offen zu legen, so peinlich es auch ist. Und die Täter benennen und zur Rechenschaft ziehen und die Opfer in einer Weise „entschädigen“, welche diesen Namen verdient. Sonst sind die Kirchen auch deshalb leer, weil Jesus von Nazareth, dem ja die Kinder besonders am Herzen lagen, sich ebenfalls abgewendet hat.

Mal sehen, ob der Kardinal sich den Auftritt seines Papstes in Irland zum Beispiel nimmt oder nicht.

Leserbrief zum Artikel „Braune Wiesen, trockene Brunnen“ vom 24.7.18

Jetzt haben wir also auch im Oberbergischen eine extreme Dürre, also eine der extremen Wetterlagen, die durch den Klimawandel hervorgerufen und in Zukunft immer stärker werden. Dass dies eintreten wird, sagen uns die Wissenschaftler seit mindestens 20 Jahren voraus. Aber ihre Mahnung, den Ausstoß von Klimagasen deutlich zu reduzieren, indem die Verschwendungswirtschaft und der masslose Konsum herunter gefahren werden, verhallte ungehört. Sowohl bei Wirtschaftsführern und Politikern als auch beim einzelnen Verbraucher.

Seit Jahren nehmen neben Stürmen und Starkregen auch die Dürren weltweit zu, in der Sahelzone z.B. hungern die Rinderbauern, deren Tiere verdurstet sind, obwohl sie zur Klimaerwärmung nichts beigetragen haben. Doch Gnade ihnen Gott, wenn sie versuchen sollten, als „Wirtschaftsflüchtlinge“ oder „Asyltouristen“ zu uns zu kommen.

Solange aber nur die Menschen in den armen Ländern den Preis bezahlen, juckt es hier keinen. Im Gegenteil: Bis vor kurzem freute man sich an dem „Gute Laune Sommer“, die Schlagzeile auf der Frontseite der OVZ vor 2 Wochen: „Wohlfühlsommer“!

Jetzt aber trifft es unsere Bauern wie ein Schock: „die psychische Belastung hält uns auch nachts manchmal wach“. Ja, haben sie denn geglaubt, die vorausgesagten Klimawandelfolgen machten einen Bogen um Deutschland und das Oberbergische? Man könne mit gewaltigem Hightech-gespicktem Maschinenpark, Melkkarussel und Soja aus anderen Kontinenten die Naturgesetze überwinden?

Auf der braunen Wiese bringt der 250 PS Trecker mit Mähwerken breit wie ein Segelflieger plötzlich nicht mehr als ein Mann mit einer Sense.

Die Bauern sind Opfer und Täter, die Landwirtschaft ist verantwortlich für ein Viertel der Klimagase und müsste ebenfalls dringend umstellen; auch die Biobauern nutzen dieselbe Großtechnik, auch für sie gibt es keine Begrenzung beim Energieverbrauch, keine Verpflichtung für regionale Kreisläufe.

Jetzt fehlt das Winterfutter, aber man wird das wohl den Polen wegkaufen. Das Jammern wegen der finanziellen Verluste hat jedenfalls angesichts der Armut auch hierzulande ein Geschmäckle, wenn man über Land, Gebäude und einen Maschinen- park im Wert von Millionen verfügt und die nicht unbeträchtlichen Prämienzahlungen der EU bezieht.

Hätten wir rechtzeitig reagiert, es wäre nicht so weit gekommen. „Wir können es ja nicht ändern“, so das fatalistische Resümee des Biobauern. Aber wir können es immer weiter immer noch schlimmer machen. Also Leute, postet ein Foto aus der Karibik, von der Kreuzfahrt oder vom neuen SUV, wie ihr ihn durch den Ehreshovener Wald prügelt, lasst „die Zylinder krachen“ beim Waldbröler Motorrad-Gottesdienst und alle zusammen freuen wir uns nach diesem Supersommer auf das nächste Bergneustädter Wintermärchen.

Europa: Bald vereinigt im Faschismus?

Über den blinden Fleck bei den links-alternativen Protesten gegen die AfD

Überall, wo die AfD auftritt, gibt es z.T. heftige Demonstrationen gegen gegen deren rechte, fremdenfeindliche und teils rassistische Politik, so auch vor kurzem in Gummersbach. Hier wird der Protest von einer Vereinigung organisiert, die sich „Oberberg ist bunt, nicht braun“ nennt.

Meine nachfolgende Kritik bezieht sich auf deren Demonstration, gilt aber sicherlich auch für die allermeisten anderen.

Nachdem ich die Berichte dazu und die Redebeiträge gelesen habe, hat sich ein sehr ungutes Gefühl bei mir eingestellt. Es verfestigt sich mein Eindruck, dass wir nämlich den Rechtsradikalismus der AfD lauthals anprangern, aber von eigenen Anteilen an rechten Geisteshaltungen und Verhaltensweisen oder denen der eigenen Partei schweigen; alles Rechte und Rechtsradikale der AfD aufladen um dann drauf zu dreschen und sie somit auch zum Sündenbock zu machen. Dabei tritt dann ein simples, manichäisches Weltbild zu Tage, welches mit der Realität in diesem Land fast nichts zu tun hat: WIR hier, DIE dort. Hier die Guten, da die Bösen. Aus der Rundmail von „Oberberg ist bunt, nicht braun“:

„Wir: 200 – die: 80. Wir: gute Stimmung, Musik, kreative Ideen – die: steife Reden, Selbstbeweihräucherung“.

Auf dieser flachen Ebene von Multikulti-Klischees bewegen sich alle Redebeiträge, bis auf den von Jürgen, der tiefer schürft. Doch die Zeit ist über diese Art links-alternativer, ebenfalls selbstbeweihräuchernder Rituale (z.T auch steifer Reden) hinweg gegangen. Längst sind globale Verteilungskämpfe um die schwindenden Ressourcen und Lebensgrundlagen entbrannt, wobei die egomanische, gewalttätige Verteidigung der westlichen Privilegien und des Wohlstands kein Alleinstellungsmerkmal der AfD ist, sondern parteiübergreifend stattfindet.

Als eine Person, die der „bunten“ oberbergischen Szene zugerechnet wird, schäme ich mich deshalb für diesen selbstgefälligen Auftritt fremd. Zu den Gründen einige Anmerkungen:

Die nationalistische, teils völkisch-rassistische AfD ist angetreten, um die deutsche Wohlstandszone (an der nicht alle gleichermaßen teilhaben) radikal zu verteidigen. Sie will zu diesem Zweck die deutschen Grenzen dicht machen und mit (militärischer) Gewalt gegen alle Eindringlinge vorgehen. Zum Teil liegt dem das NS-Menschenbild vom Herrenmenschen und Untermenschen zugrunde.

Nach innen verfolgt die AfD ein Staatsmodell, das unter Aufrechterhaltung einer demokratischen Fassade autoritäre bis faschistische Strukturen herausbildet, Erdogan läßt grüßen.

Deshalb wird zu Recht gegen die AfD demonstriert.

Die Politik der Bundesregierung und die der EU ist es, die EU-Außengrenzen radikal abzuschotten, um die europäische Wohlstandszone zu schützen (an der allerdings auch nicht alle Europäern gleichermaßen teilhaben). Dabei bedient man sich des türkischen Diktators sowie nordafrikanischer Despoten und Warlordbanden, die für Geld mit Mord, Folter, Vergewaltigung und Versklavung gegen die Flüchtenden vorgehen und andere dadurch abschrecken. Zu diesem Zweck lassen die EU und die Bundesregierung auch seit Jahren zu, dass tausende Geflüchtete auf Lesbos wie Tiere im Freien dahinvegetieren.

Macron und Merkel haben organisiert, dass quer durch Nordafrika eine Grenzsperre errichtet wird, vor der die vor Krieg und Hunger Flüchtenden in den Wüsten verdursten, fernab unserer Blicke und Kameras. Gerade wurde im TV berichtet, dass Algerien seit Jahren unzählige Geflüchtete mit Bussen bis weit hinaus in die Wüste karren läßt und sie dort aussetzt, Zehntausende sollen schon gestorben sein.

Wer dennoch diese Sperre überwindet, soll in Lagern wie denen in Libyen interniert werden und dort – welch widerlicher Zynismus – „Asyl“ in der EU beantragen dürfen.

Diese Abschottungspolitik ist sehr erfolgreich, denn die Flüchtlingszahlen gehen anhaltend stark zurück, obwohl ja die Fluchtursachen Armut, Elend, Ausbeutung, (kriegerische) Gewalt zunehmen.

Nach innen wird der Polizeistaat ausgebaut, in Bayern ist eine Vorbeugehaft eingeführt, die an die „Schutzhaft“ der Nazis erinnert. Sogar psychisch Kranke will man in Bayern wie im NS polizeilich „erfassen“.

Hiergegen rühren sich aber keine Proteste auf der Straße, obwohl doch das AfD-Programm in die Tat umgesetzt wird: Demos gegen die, welche das „Böse“ bislang nur fordern können, aber Schweigen gegenüber denen, die dieses „Böse“ tun, ist da denn nicht etwas total aus den Fugen geraten ?

Kann man denn in dieser Lage „böse“ (AfD) und „gut“ (alle andern im Parteienspektrum) wirklich so sauber unterscheiden?

Die abgehalfterte SPD-Abgeordnete Engelmeier kann das anscheinend und geißelt die böse AfD. Aber wenn ich mich nicht irre, ist ihre Partei seit Jahren an der Regierung und somit auch verantwortlich für die oben beschriebenen schweren Menschenrechtsverletzungen und Brutalitäten.

Auch zwei Grüne blasen vor Empörung über die rechten Rassisten die Backen auf, obwohl ihre Oberen bereit waren und sind, fast alle humanitären und ökologischen Grundsätze zu opfern, um endlich ebenfalls an Merkels Kabinettstisch Platz nehmen zu dürfen. Obwohl ein Innenminister Boris Palmer an Fremdenfeindlichkeit und Abschiebungseifer sich von einem Seehofer nicht übertreffen ließe, obwohl ihr Idol Kretschmann ein Elendsland nach dem anderen als „sicheren Drittstaat“ ( z.B. auch Algerien) anerkennt, um schnelle Abschiebungen zu ermöglichen.

Wer die unmenschliche Flüchtlingspolitik der AfD anprangert, aber zu den unmenschlichen Vorgehensweisen der eigenen Partei schweigt, muss man den denn nicht Heuchler nennen? Ist dann der ausschließliche Protest gegen die AfD nicht billig, „Gratismut“ (Enzensberger)?

Die Selbstgerechtigkeit solcher Anti-AfD Kämpfer wird aber besonders unangenehm, wenn es um die Fluchtursachen geht. Fluchtursachen bekämpfen, das fordern ja alle einschließlich der AfD unentwegt und leiern dieses Mantra ab wie das Vaterunser im Gottesdienst.

Wir wissen genau, was die Fluchtursachen sind und dass sie alle in der millionenfachen Folter namens Hunger enden. Wir alle verurteilen das immer wieder aufs Allerschärfste, bleiben dabei aber stets hübsch im Allgemeinen.

Wohlweislich, denn die Fluchtursachen haben identifizierbare Verursacher. Schaut man etwas zu genau hin, dann müssen wir im Hintergrund des Bildes – oh Schreck! – uns selbst erkennen, nämlich als Nutznießer des Konsumkapitalismus, der mit seinen globalen Raubzügen, Umweltzerstörungen, mit Ausbeutung und Klimawandel, letztlich hinter all dem Elend hervortritt und der die extreme Ungleichheit hervorruft.

Und eine Welt geschaffen hat, in der Milliarden Menschen für unseren Mindeststundenlohn z.B. als Näherin oder in der Kaukauplantage eine ganze Woche lang schuften müssen, wovon sie nicht satt werden können. Wir hingegen können uns von den Scheiß-9Euro drei T Shirts kaufen und nach zweimaligem Gebrauch wegschmeißen oder 15 Tafeln Schokolade futtern.

Das ist eine grausame Welt, beherrscht von einer Wirtschaft , die tötet und auch aus Mitmenschen Müll und Abfall macht, so die Analyse von Papst Franziskus. Im Blick auf uns sagt er in Wim Wenders sehenswertem Film, dass „wir alle etwas ärmer werden müssen“, um diesen Menschheitsskandal zu beenden. Natürlich muss die Weltherrschaft der Bankster, Spekulanten und Finanzverbrecher gestürzt werden, die Macht der globalen Konzerne gebrochen, aber ohne ein deutliches Runterfahren unserer Verbräuche, ohne Konsumverzicht hier wird für die Armen dort so oder so nicht genug zum Leben übrigbleiben können. Wie wir es auch drehen und wenden: Entweder werden wir deutlich „ärmer“ , oder es gibt keine humane Lösung.

Wer aber die extrem ungleiche Verteilung akzeptiert und die konsumistischen Privilegien als sein Recht ansieht, sich ganz selbstverständlich ihrer bedient und vom Staat erwartet, dass der diese auf jeden Fall absichert: Gehört der im Kern nicht selbst zu den Ausbeutern, Menschenverachtern und vielleicht sogar zu den Rassisten, egal ob er nun AfD oder CDUSPDFDPGRÜNELINKE wählt ?

Der Rechtsradikale, der eine Kreuzfahrt auf den Spuren der Wikinger macht, erzeugt genauso Klimaschäden und damit weitere Fluchtursachen wie der liberale Studienrat mit seiner Bildungsreise nach Fernost , der Linke mit dem Flug nach Kuba oder der Sextourist mit dem nach Thailand.

Dafür und für unsere gesamte Verschwendungs- und Vermüllungskultur lassen wir alle vornehmlich andere bezahlen, als Arbeitssklaven, Klimaflüchtlinge, als Hungerleider, als Kriegsopfer.

Die sogenannte Flüchtlingswelle von 2015 ist durch das blutige Kriegschaos im Nahen Osten verursacht worden, in welchem Syrien zerfetzt wird. Wurde diese Gewaltorgie denn nicht dadurch ausgelöst, dass im Irak ein Krieg um Öl geführt wurde mit dem Ziel, den Ölpreis niedrig zu halten, so dass wir unsere übermotorisierten Spritfresser weiterhin kostengünstig volltanken können ?

Die kapitalistische Wachstumswirtschaft und unser Lebensstil kommen bei Millionen unschuldiger Mitmenschen jeden Tag als strukturelle Gewalt an und als militärische, wenn sie sich nicht in ihr Schicksal fügen.

Weil wir so reich leben wollen, müssen sie so arm sein und bleiben.

Wer ehrlich ist, muss zugeben, dass diese Verhältnisse längst nicht nur AfD-Leute beibehalten und abgesichert haben wollen, sondern vermutlich die Mehrheit unserer Bevölkerung. Das zeigt sich auch an der beschämenden Tatsache, dass abertausende Wähler auch von der Linken ruckzuck zur AfD überwechseln, sobald sie das Gefühl haben, durch Flüchtlinge würde ihnen was genommen (was ja bei den hiesigen Armen leider stimmt, bei der Mittelklasse aber gar nicht)

Wie hohl klingen dem allen gegenüber in der Gummersbacher Rede der Grünen die sattsam bekannten grün-alternativen Textbausteine , in denen die Würde des Menschen beschworen wird und Geflüchtete in eine Reihe gestellt werden mit Alleinerziehenden, Demenzkranken, Hartz 4- Beziehern, Pflegebedürftigen, Behinderten, Schwulen und Lesben.

Soweit es sich um Deutsche handelt, wird die AfD wie andere Neoliberale wohl kaum gegen kleine Verbesserungen sein, aber darauf verweisen können, dass andere (z.B. die Grünen) für deren prekäres Leben verantwortlich sind; was Homosexuelle angeht, zeigt die AfD eine geradezu vorbildliche Toleranz: Hat sie doch eine bekennende Lesbe zur Vorsitzenden der Bundestagsfraktion gewählt; auch der stramm rechte Unionsminister Spahn fühlt sich in seinem politischen Umfeld als Schwuler offensichtlich wohl. Unsere diesbezüglichen alten Sprüche laufen also voll an der AfD vorbei ins Leere. Einige Rosinen aus der „grün-versifften“ 68er Revolte hat sie sich freudig heraus gepickt.

Welch ein Rohrkrepierer, wenn der grüne Redner der AfD vorwirft, es sei „diesen Leuten vollkommen egal, was aus Menschen wird, die in Not sind“. Sie würden sich oft „auf christliche Traditionen und Werte berufen“, um dann fortzufahren: “Was sind denn das für Werte, wenn man tausende Menschen in Konzentrationslagern – die verschämt Ankerzentren genannt werden – zusammenfasst und ihnen die Würde nimmt oder sie gleich im Mittelmeer ertrinken läßt“.

Offensichtlich ist dem Redner gar nicht klar, dass seine zutreffende Beschreibung mit AfD falsch adressiert ist, weil diese ja (noch) keinerlei Entscheidungsmacht besitzt um z.B. „Konzentrationslager“ einzurichten. „Diese Leute“ sind also in Wahrheit die Spitzenkräfte der Regierungsparteien CDU, CSU und SPD, wobei auch die von FDP, Grünen und teilweise auch Linken hinter der „Sicherung“ der nach Afrika verschobenen EU-Außengrenzen stehen.

Um die Verwirrung weiter zu steigern: Die oberbergischen Ableger dieser Parteien, „dieser Leute“, haben sich allesamt in einem „Bündnis gegen Rechts“ vereinigt, zusammen mit Kirchen, Gewerkschaften, ca 80 weiteren Organisationen wie auch „Oberberg ist bunt, nicht braun“ . Im Ranking verlogener Veranstaltungen stehen diejenigen dieses Bündnisses ganz weit oben.

Als ich es einmal wagte, dort eine unsäglich verharmlosende Äußerung vom Vizelandrat Prof. Wilke (FDP) zum 2. Weltkrieg zu kritisieren, in der er die Deutschen zu Opfern erklärte, da machte er mich in einer primitiven Schimpfkanonade nieder, als hätte ich eine Majestätsbeleidigung begangen. Keiner trat diesem autoritären „rechten“ Ausfall entgegen, auch die „bunten Oberberger“ duckten sich feige weg, allein die Künstlerin Christine Bretz hatte den Mut, dagegen und gegen das Schweigen der andern zu protestieren.

Zum endgültigen „Erfolg“ fehlt diesem Bündnis nur noch, dass auch die AfD beitritt, um sich von der noch weiter rechts stehenden NPD abzugrenzen: Allen wohl und niemand weh, Karneval beim MCC.

Auch Gerhards Versuch, in den Biografien der AfD-Mandatsträger das „Böse“ heraus zu destillieren, gerät beim Abgeordneten Espendiller zu einer Peinlichkeit: Weil sich offenbar nichts greifbar Rechtsradikales finden läßt (den früheren Vorwurf einer Krimreise muss G. zurück nehmen), behilft sich Gerhard mit psychologisierenden Vermutungen über die Gründe von dessen AfD-Mitgliedschaft, die man genauso auch für tausende Mandatsträger anderer Parteien anstellen könnte. Bringt uns das irgendwie weiter?

Ich meine nach alledem, es wäre Zeit inne zuhalten und die alten links-alternativen Rituale auf ihre Tauglichkeit in der politischen Gegenwart zu überprüfen. Und es scheint ebenfalls notwendig zu sein , angesichts der Zeitenwende und des Grundkonflikts dieses Jahrhunderts die politischen Fronten neu zu sortieren: Vor uns der immer härter werdende Kampf um schwindende Ressourcen und Lebensgrundlagen bei gleichzeitig enorm anwachsender Weltbevölkerung.

Carl Amery hat den Nazifaschismus und Auschwitz nicht als Rückfall ins Mittelalter gesehen, sondern als Vorläufer, quasi als teuflische Generalprobe für diesen unausweichlichen Überlebenskampf aller gegen alle im 21. Jahrhundert. („Hitler als Vorläufer – Auschwitz- Beginn des 21. Jahrhunderts?“ , Luchterhand Verlag)

Die ungebremst fortgesetzte Natur- und Klimazerstörung im Verein mit der rasanten Ausbreitung faschistischer und faschistoider Ideologien und Handlungsweisen im gesamten Parteienspektrum und den Mainstream-Medien scheint für seine düstere Vision zu sprechen.

Leben wir hier denn nicht wie “Herrenmenschen“, während unsere Arbeitssklaven in den Ländern des Südens unter denselben Lebensbedingungen leiden, welche die SS für die slawischen „Untermenschen“ vorgesehen hatte ?

Seit 3 Jahren zerbomben und zertrümmern die Saudis mit ihren Kumpanen den armseligen Jemen mit Waffen, an denen Rheinmetall fette Profite macht. (deren Ausfuhrgenehmigung übrigens auch nicht die AfD erteilt hat). Zu den ständig neuen Toten und Verletzten tritt eine wachsende Hungersnot hinzu und eine Cholera-Epedemie. In dieser Situation blockieren die Saudis den einzigen Hafen und verhindern Hilfe von außen. Für mich ist das Völkermord.

Wer hätte denn vor kurzem noch für möglich gehalten, dass private Schiffsbesatzungen, die Menschen vor dem Ertrinken retten müssen, weil die Staaten das unterlassen, nicht etwa belobigt, sondern als kriminelle „Schlepper“ verfolgt werden ?

Bin ich eigentlich völlig abgedreht, wenn mich die eiskalte Gleichgültigkeit, mit der unser „humanitärer“ Westen das achselzuckend hinnimmt, an dieselbe abscheuliche Gleichgültigkeit erinnert, mit der die viele tausende Akteure im „Dritten Reich“ Behinderte als „Lebensunwerte“ oder „unnütze Esser“ töteten oder verhungern ließen?

Wenn wir es unterlassen, uns über diesen Zustand unserer Welt zu verständigen, werden wir blind für die wirkliche Gefahr und wir bemerken vielleicht gar nicht mehr, dass wir von den Mächtigen instrumentalisiert werden. Vielleicht präsentieren sie uns ja die AfD, damit wir uns an ihr abarbeiten, während sie hinter den Kulissen in aller Ruhe eine neue faschistische Weltordnung organisieren. Trump ist dabei schon weit fort-geschritten, aber die EU holt kräftig auf.

Es müsste ja tatsächlich wieder das Naziprinzip Herrenmensch/Untermensch gelten und mit militärischer Gewalt durchgesetzt werden, wenn der relativ kleine Teil der Menschheit on the sunny side of the street seine von Gier dominierte Lebensweise mit obzönen Verbräuchen und katastrophalen Schäden fortsetzen will. Den Wesenskern dieser Art zu leben bringt ein perverser Werbespruch kurz und knackig auf den Punkt: „Shoppen. Immer. Überall. Kaufhof“ – Dasselbe von der andern Seite betrachtet: „Vergiften/Vermüllen/Versklaven/Vernichten. Immer. Überall. Konsumkapitalismus.“

Nun meine ich, es wäre Zeit, über die Kernfrage der Zukunft zu diskutieren und zu streiten bis die Köpfe rauchen. Dies hier soll ja auch ein Versuch sein, das anzustoßen.

Ich befürchte aber, dass in Zeiten von Facebook, Twitter & Co sich der Unfähigkeit zu trauern die Unfähigkeit zu offener und lebendiger Diskussion hinzugesellt hat. Dass wir in unseren jeweiligen Blasen bald nur noch oberflächliche Statements und Tweets austauschen können, Fotos vom Urlaub, dem Abendessen oder der Demo posten, Smileys verteilen und blind dafür werden, dass rundherum die „Wirtschaft, die tötet“ mehr und mehr einen mörderischen Faschismus des 21. Jahrhunderts gebiert.

Damit wäre dann das Ende von Demokratie, Freiheit und Menschenwürde eingeleitet sowie der physische und kulturelle Ruin unseres immer noch wunderbar schönen blauen Planeten.

Gestörte Kindheiten

„Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart“ (R.v. Weizsäcker)

Anmerkungen zum LVR Forschungsprojekt

Gestörte Kindheiten

Lebensverhältnisse von Kindern und Jugendlichen in psychiatrichen Einrichtungen des Landschaftsverbands Rheinland (1945 bis 1975)

 

Es ist sicher ein Verdienst der Studie,die menschenverachtenden Lebensbedingungen und die brutalen, teils sadistischen Behandlungsmethoden an Kindern und Jugendlichen in den LVR-Einrichtungen bis in die 70er ans Licht der Öffentlichkeit gebracht zu haben. Und es war längst überfällig, dass sich die Direktorin Lubek für dieses „düstere Kapitel“ bei den Betroffenen im Namen des LVR entschuldigt hat .

Erneut bleibt aber die Frage offen, warum die unglaubliche „medizinische Gewalt“, welche das Forschungsprojekt aufdeckt, noch 3o Jahre nach dem Dritten Reich unter staatlicher Aufsicht ausgeübt werden konnte. Ein Zusammenhang mit dem rassistischen Menschenbild des Nationalsozialismus wird zwar nicht geleugnet, aber es bleibt diesbezüglich bei ein paar allgemeinen Bemerkungen:

„In den psychiatrischen Anstalten wurden zahlreiche Ärzte weiter beschäftigt, die schon im Nationalsozialismus praktiziert hatten und nicht wenige von ihnen waren an der Vorbereitung und Durchführung der Krankenmordaktionen beteiligt gewesen.“

Dann wird noch ein „prägnantes Beispiel“ aufgeführt, nämlich Dr. Hans Aloys Schmitz, der von 1935 bis 1964 an der Bonner Klinik als leitender Arzt tätig war. Schmitz hat sich als T 4 Gutachter betätigt, bei „ der Kindereuthanasie eine verhängnisvolle Rolle gespielt“ und mindestens 160 Kinder aus der Bonner Klinik zum Töten freigegeben.

Damit ist in der Studie die „Vergangenheitsbewältigung“ im Wesentlichen abgeschlossen. Dass ein Naziverbrecher wie Schmitz und zahlreiche Naziärzte weiter beschäftigt wurden, ist schlimm genug. Solche Einzelfälle, seien sie auch zahlreich, können aber nicht erklären, warum jahrzehntelang Menschenrechtsverletzungen an der Tagesordnung waren, ohne dass Vorgesetzte, übergeordnete Behörden oder die Staatsanwalt-schaft eingeschritten wäre, obwohl sie doch keineswegs heimlich geschahen, sondern Teil des „normalen“ Klinikalltags waren.

An zwei Beispielen lässt sich zeigen, dass nicht einzelne „braune“ Schafe für die Verhältnisse in den Einrichtungen des LVR (oder unter seiner Aufsicht stehenden) verantwortlich sein können, sondern dass auch der LVR als Institution seine Schutzbefohlenen als Menschen minderen Werts angesehen und behandelt hat.

Das erste Beispiel ist der beschämende Tatbestand, dass an unzähligen Kindern im Bonner LKH bis in die 70er sog. „Gehirndurchleuchtungen“ (Pneumanzephalografie) vorgenommen wurden. Bei diesem äußerst schmerzhaften Eingriff wird dem Gehirn Flüssigkeit entnommen und Luft hineingepumpt. Neben den teils lang andauernden Qualen riskiert man bei dem massiven Eingriff Gesundheitsschäden „ bis hin zu tödlichen Verläufen“. Ein möglicher diagnostischer Nutzen kann dazu in keinem angemessenen Verhältnis stehen, eine Rechtfertigung wäre nur dann gegeben, wenn es dabei um einen lebensrettenden Eingriff ginge, es ist aber eher das Gegenteil der Fall. Deshalb handelt es sich aus rechtsstaatlicher Sicht um eine permanent begangene schwere Körperverletzung. Zahlreiche Kinder mussten diese Tortur sogar noch in den 70ern erleiden, als längst schon die schmerzfreie Computertomografie zur Verfügung stand. Viele Kinder wurden auch mit Elektroschocks malträtiert, manche sogar mit beiden (Sieg)-“Heil-Behandlungen“.

Zu den erforderlichen Einwilligungen der Eltern: Mir ist ein Fall von 1970 bekannt, da wurde in Bonn die Einwilligung für Elektroschocks an einer jungen Frau dadurch erpresst, dass der Arzt der Mutter versicherte, ohne diese werde ihre Tochter sterben.

Die „Gehirndurchleuchtung“ hatte im NS Hochkonjunktur und diente dem rassistischen Wahn, an den Gehirnformen Herren- und Untermenschen unterscheiden zu können oder z.B. Kriminelle daran zu identifizieren. Ein ähnliches Menschenbild muss also im LVR noch lebendig gewesen sein, das zeigt ja auch der offensichtliche Mangel an Empathie bei allen Beteiligten dem „Krankengut“ gegenüber.

Bis Ende der 60er waren zudem erbbiologisch begründete Diagnosen und „eugenische Denktraditionen“ die Regel: so wurden als „schwachsinnig“ oder „charakterlich abartig“ diagnostizierte Kinder nur verwahrt, mit Psychodrogen vollgepumpt und ruhiggestellt. Deren Krankheit wurde demnach immer noch als Gendefekt betrachtet, folglich war Heilung nicht möglich und Förderung somit unsinnig..

Das zweite Beispiel für „Nazikontinuität“ sind die Vorgänge um den Medikamentenversuch an 40 Kindern der evangelischen Düsselthaler Anstalten – Graf von der Recke-Stiftung. Der diesbezügliche Antrag des Heimleiters beim LVR – unterstützt vom LVR Psychiater Baucke – stieß zunächst bei Landesverwaltungsdirektorin Beuermann auf Bedenken, die wohl weniger auf Mitgefühl mit den Opfern beruhten, sondern vielmehr auf möglichem Widerstand von Angehörigen und weil solche Massnahmen „gegen Missdeutungen von Angehörigen abgeschirmt werden müssen“.

Doch es schaltete sich der Direktor des LKH Grafenberg und Lehrstuhlinhaber an der Uni Düsseldorf, Panse ein und erreichte in einem „längeren Gespäch“ mit Landesrat Jans die Genehmigung. Die Kinder wurden den schwerwiegenden „Neben“wirkungen und Schädigungen des Präparats ausgesetzt, wobei die Höchstdosis nicht wie üblich durch langsame Steigerung der Dosis ermittelt wurde, sondern umgekehrt: Man begann mit starker Überdosierung.

Dr. Martha Beurmann war eine glühende Nationalsozialistin.Von 1939 bis 45 setzte sie im Landesjugendamt die NS Rassenlehre durch, u.a. als „Sachbearbeiterin“ für die Einweisung in die Jugendkonzentrationslager und sie war gemeinsam mit ihrem Vorgesetzten Hecker verantwortlich für die im September 44 erfolgten Deportationen von rheinischen Anstaltsinsassen in die Jugend-KZ. Beide wurden 45 verhaftet, fanden aber nach der Entlassung Jobs bei der Inneren Mission (wie so viele Nazis) und durften bei der Gründung des LVR die alten Posten wieder einnehmen.

Friedrich Panse, der letztlich den abscheulichen Menschenversuch an Kindern durchsetzte, war ab 37 Dozent für „Rassehygiene“ und ab 1940 als T4-Gutachter ein NS Schreibtischmörder an behinderten Menschen. Traumatisierte Frontsoldaten, sog „Kriegsneurotiker,“ mißhandelte er mit hoch dosiertem galvanischen Strom. Die Stimmung unter den T4-Kollegen beschrieb er als „eine berauschende Gehobenheit“. Er wurde vom LG Düsseldorf aber 1950 freigesprochen und später vom LVR als Leiter des LKH Grafenberg und Inhaber des Lehrstuhls für Psychiatrie an der Uni Düsseldorf eingestellt. Diese Position konnte er 1966 nutzen, seinem obersten Chef beim LVR, Klausa, als Quasi-Doktorvater zum Ehrendoktor in Medizin zu verhelfen.

Udo Klausa, Landesdirektor bis 1975, war für die Zustände in Heimen und Psychiatrien der Hauptverantwortliche, zumal er den LVR sehr autokratisch regierte. Er wird in der Studie auch erwähnt, jedoch ohne den geringsten Hinweis auf seine Nazivergangenheit in der SA, als NS-Landrat nahe bei Auschwitz und als Verfasser einer rassistischen Schrift, in welcher er forderte, Behinderte als „Entartete auszusondern“.

Während wie bei Beuermann und Panse auch Klausas Nazibelastung verschwiegen wird, tritt er hier als Wohltäter für Behinderte in Erscheinung (S. 118), weil er den Verein “Lebenshilfe“ unterstützte, der sich seit Mitte der 60er für die Förderung geistig Behinderter anstelle der bloßen Verwahrung einsetzte. Klausas Ehefrau Alexandra hat die NRW-Abteilung dieses Vereins mitgegründet; das Engagement des Ehepaars rührte daher, dass der jüngste Sohn auf Grund einer frühkindlichen Hirnentzündung „verhaltensauffällig“ war.

Dieses Engagement rechtfertigt aber nicht, in einer historischen Studie seine Nazibelastung zu verschweigen. Schon gar nicht, wenn es wie in diesem Fall um unmenschliche Behandlung von Kindern in ihm unterstellten Einrichtungen geht, welche deutliche Anklänge an Nazimethoden aufweisen.

Dass noch 1965 ein solch folterähnlicher Mißbrauch von schutzbefohlenen Kindern als medizinische Versuchskaninchen in staatlichen Einrichtungen überhaupt möglich war, schreit doch nach einer Erklärung. Da die hierfür verantwortlichen Entscheider allesamt im NS in hervorgehobenen Positionen an der „Aussonderung“ und Ermordung der „Entarteten“ beteiligt waren, liegt doch die Vermutung nahe, dass eben immer noch ihre früheren Weltbilder als geistiger Hintergrund Regie geführt haben.

Dass die Studie diese Zusammenhänge nicht weiter verfolgt, sondern z.T sogar verschweigt, halte ich angesichts des anwachsenden Rechtsradikalismus für ein schwerwiegendes Versäumnis. Wie sollen denn junge Menschen über die mörderische Folgen des NS-Rassismus aufgeklärt werden, wenn im Dunkeln bleibt, dass dessen schreckliche Folgen bis in die Gegenwart reichen?

Dürfen Historiker dem LVR eigentlich immer noch nicht die Peinlichkeit zumuten, die darin besteht, dass er seine NS-belasteten Führungskräfte bis vor wenigen Jahren nicht nur beschäftigt und geschützt hat, sondern auch über die Maßen geehrt? Wie 2010 Klausa posthum zu seinem hundertsten Geburtstag mit der devoten Ausstellung „Dirigent eines großen Orchesters“ (Er ist immer noch Ehrenbürger der Uni Bonn und Ehrendoktor der Uni Düsseldorf!)

Oder 1973 Panse in der Todesanzeige von LVR und Uni Düsseldorf: „Ein Leben der Arbeit im Dienst leidender Mitmenschen… ist vollendet.“

Vielleicht ist die Aufdeckung solch konkreter personeller und ideologischer NS-Kontinuitäten bei staatlichen Institutionen wie dem LVR aber auch aus einem anderen Grund unerwünscht: Wirft sie doch ein Schlaglicht darauf, dass die bundesrepulikanische Demokratie von Beginn an dadurch geistig verseucht wurde, dass sich die Nazieliten nach kurzem Abtauchen auf breiter Front in den Führungsetagen von Politik, Wirtschaft und Wissenschaft wieder festsetzen konnten.

Mit gefährlichen Folgen für Demokratie und Rechtsstaat, wie sich heute immer deutlicher zeigt.

Erleben wir denn etwa nicht das Zurückdrängen der sozialpsychiatrischen Denkschulen und Einrichtungen zugunsten einer Pharma-zentrierten, mit der man kostengünstiger einer steigenden Zahl angeblich oder tatsächlich psychisch Kranker Herr werden kann? Weniger mit dem Ziel „Heilung“, sondern eher mit dem von Ruhigstellung: In akuter Situation eine oder zwei Wochen stationär zur Einstellung auf das passende Präparat, und ab dann Depotspritze und Begleitmedikation beim niedergelassenen Psychiater oder beim Hausarzt.

Jeder vierte zwischen 18 und 28 leide inzwischen an der einen oder anderen Form psychischer Erkrankung, wurde kürzlich gemeldet. Als Folge der Digitalisierung erwartet man den Wegfall sehr vieler Jobs, eine erhebliche Ausweitung der krank machenden prekären Lebensverhältnisse wäre damit verbunden.

Eine solche Form von Chemo-Psychiatrie könnte bei dieser politischen Herausforderung hilfreich sein, indem sie Millionen betroffene Mitmenschen ruhig und in Schach hält. Der Fall Gustl Mollath hat ja exemplarisch vorgeführt, dass die (geschlossene) Psychiatrie immer noch ein totalitäres System ist, dass leicht politisch missbraucht werden kann.

Dazu fällt mir ein, dass in den 70ern ein Psychiater (ich glaube er hieß Leibfried o.ä.) eine neue „Geisteskrankheit“ entdeckt hatte, die er „politische Querulanz“ nannte. Diese lag dann vor, wenn jemand „mit übertriebenen Mitteln gegen vermeintliches oder wirkliches Unrecht“ vorgeht. Wenn der Amtspsychiater definieren darf, was „übertrieben“ ist, dann kann er demnach auch jeden einlochen, der z. B. gegen eine Diktatur aufbegehrt. Schöne Aussichten!

Deshalb müssen alle Demokraten höchst alarmiert zur Kenntnis nehmen, dass Bayern ja bereits ein Gesetz in der Mache hat, welches die polizeiliche „Erfassung“ aller psychisch Kranken und Auffälligen möglich macht. Gleichzeitig sollen per Gesetz die Polizeibefugnisse so weitgehend ausgeweitet werden, dass eine Art Vorbeugeinhaftierung möglich wird, im Dritten Reich als „Schutzhaft“ bekannt und gefürchtet.

Die lückenlose Erfassung war damals die Voraussetzung und die Grundlage für die Verfolgung und letztlich für die Vernichtung kranker, „lebensunwerter“ Mitmenschen.

Insofern ist es unverzeihlich, dass die Hintergründe der erforschten, teils grausamen Lebensverhältnisse der Kinder in LVR-Einrichtungen nicht im Hinblick auf den NS weiter untersucht, sondern dass offensichtliche Kontinuitäten verschwiegen wurden; obwohl diese doch heute wieder im sich rundum ausbreitenden Rechtsradikalismus und dem Rechtsruck des gesamten Parteienspektrums eine erschreckende Wirksamkeit entfalten. Wer hätte denn vor kurzen noch für möglich gehalten, dass im Bundestag über die zynische Äußerung eines Abgeordneten diskutiert werden muss, welche den verheerenden Weltkrieg der Nazis, den Holocaust und die Krankenmorde als „Vogelschiss“ in der deutschen Geschichte unsäglich bagatellisiert?