Archiv der Kategorie: Buchbesprechung

Lesung, Vortrag, Diskussion „Eine kleine Stadt bei Auschwitz“

EINE KLEINE STADT BEI AUSCHWITZ

So lautet der Titel des Buchs der englischen Historikerin Mary Fulbrook aus dem sie lesen wird. Es befaßt sich mit der nationalsozialistischen Vergangenheit des Udo Klausa, der von 1954 bis 1975 (der erste) Direktor des Landschaftsverbands Rheinland war und als solcher die schweren Missstände in den Erziehungsheimen und Psychiatrischen Anstalten zu verantworten hatte.

Frau Fulbrook ist ein außergewöhnlich tiefer Einblick in die Persönlichkeitsstruktur eines deutschen Bildungsbürgers gelungen, der dem Dritten Reich in der Verwaltung als Landrat gedient hat, an den Nazi-Verbrechen und dem Holocaust beteiligt war und im Nachkriegsdeutschland davon unbeschadet und unbeirrt als Führungskraft im Rheinland seine Karriere fortsetzen konnte.

Der Historikerin ist deshalb ein so einzigartiger Beitrag zur Aufarbeitung der deutschen Nazivergangenheit gelungen, weil ihr bei diesem Forschungsobjekt nicht nur die wissenschaftlichen Mittel des universitären Elfenbeinturms zur Verfügung standen, sondern auch Erkenntnisse, die aus der persönlichen Beziehung zur Familie Klausa herrühren. Klausas Ehefrau war zeitlebens eine enge Freundin von Fulbrooks Mutter.

Die Geschichte des Udo Klausa ist hochaktuell, weil man an ihr nachvollziehen kann, wie ein humanistisch gebildeter Akademiker in seiner Karriere nach und nach zivilisatorischen Boden verlässt und als Zuarbeiter der rassistischen Barbarei endet. Am Prototyp Klausa hat Mary Fulbrook auch gezeigt, wie die Anfänge aussehen, deren wir uns heute wieder – oder immer noch – erwehren müssen.

In dem Zusammenhang wird Frau Fulbrook auch über ihr neuestes Buch sprechen. Es befasst sich mit den langfristigen Folgen der Beteiligung an Naziverbrechen. Die Nachkriegsjustiz hat die Schuldigen nur sehr unzureichend vor Gericht zur Verantwortung gezogen und private Erzählungen haben die Vergangenheit umgedeutet. Viele Familien – nicht nur die Kinder der Überlebenden, auch die der Täter – müssen die emotionellen Folgen tragen.

(Das Buch erscheint 2018 bei OUP unter dem Titel „Reckonings: Legacies of Nazi Persecution“)

 

Alte Feuerwache, Melchiorstr. 3, Köln – 6. Dezember 20 Uhr

Anmerkungen zu „Die Stadt, das Land, die Welt verändern“

Nachdem ich das fette „Revolutions“-Kompendium* teils gelesen, teils durchgeblättert habe, drängt es mich als Akteur der 7oer und 8oer Jahre zu einer kritischen Stellungnahme.

Zunächst aber will ich die enorme Fleissarbeit durchaus würdigen und auch zugeben, daß ich nach Kenntnisnahme des Inhaltverzeichnisses auf dröge ideologische Abhandlungen gefaßt war und zum Teil doch positiv überrascht wurde.

Leider ist aber auch streckenweise eben das eingetreten, was ich als ursprünglich wohl vorge-sehener Podiumsteilnehmer verhindern wollte: Dass das Buch und die Veranstaltung in der Feuerwache zu einer Art linkem „Heldengedenktag“ abgleiten könnte. Ein (selbst) kritischer Rückblick auf die früheren „Weltrevolutions“-Ziele angesichts unserer heutigen Lebenswirklichkeit ist anscheinend nicht erwünscht. Ist solche Kritikempfindsamkeit nicht ein Kennzeichen aller dogmatischen Organisationen von der römischen Kirche bis hin zu diversen KPs?

Titel und Untertitel des Buchs erheben ja den Anspruch, umfassend, also objektiv über das links-alternative Köln der 7oer und 8oer Jahre zu berichten. Genau das ist aber das Problem, denn aus meiner Sicht wird dieser Anspruch nämlich nicht eingelöst. Weiterlesen