Archiv der Kategorie: Antisemitismus

Martin Luther im Nationalsozialismus – ein Leserbrief

Vor einigen Wochen habe ich im El-De-Haus die Ausstellung „Überall Luthers Worte – Martin Luther im Nationalsozialismus“ besucht. Ich wusste zwar zuvor schon von Luthers antisemitischen Hetzschriften, aber welchen überragenden Einfluss sie auf die Verfolgung und Vernichtung der Juden hatten, das ist mir erst in der Ausstellung klar geworden.*

Ausführlich wird z.B. dokumentiert, dass der Pogrome von 1938 heute zwar am 9. November gedacht wird, dass sie aber von SA und SS zu Luthers Geburtstag am 10. geplant waren und durchgeführt wurden.

Luthers Schrift „Wider die Juden und ihre Lügen“ wurde dabei wie ein Drehbuch benutzt, indem ihre Forderungen in die Tat umgesetzt wurden: Die Synagogen verbrennen, die Häuser und Schulen der Juden dem Erdboden gleichmachen, sie vertreiben und wegen ihres „verdorbenen Bluts“ erschlagen usw.. Große Teile der Führung der evangelischen Kirche bejubelten das (Hitler vollendet, was Luther begann) und viele tausend evangelische Christen beteiligten sich freudig an den Ausschreitungen. In 100000fachen Auflagen wurde die Hetzschrift und Broschüren dazu („Martin Luther über die Juden: Weg mit ihnen!“) verbreitet, im Prinzregententheater in München gab es entsprechende Lesungen.

Bis heute wird das weitgehend unter der Decke gehalten und bei den Gedenkveranstaltungen verschwiegen. Dieses jahrhundertelang verbreitete antisemitische Luther-Gift verschwindet aber nicht mal eben von allein, es wirkt untergründig weiter, wenn es nicht rückhaltlos offengelegt und offensiv aufgearbeitet wird.

Stattdessen wurde „der größte Antisemit seiner Zeit “ und der „Warner seines Volkes wider die Juden“ ( Landesbischof Sasse) vor 2 Jahren mit großem Pomp und über die Maßen weitestgehend kritiklos geehrt. Wie wollen die Kirchenleute denn dann einem Nazi-Brandstifter entgegen treten, wenn der sich auf Luther beruft? Oder denen, die den Rabbi angegriffen und beleidigt haben?

Es ist gesellschaftlich gefährliche Heuchelei, einerseits den Antisemitismus zu beklagen und Betroffenheit zu bekunden, andererseits aber dessen starke kirchliche Wurzel weiterhin zu ver-bergen. Ich kann nicht verstehen, warum die jüdische Gemeinde und die Christlich-Jüdische-Gesellschaft dagegen nicht lauthals prostestieren.

Es ist offenbar höchste Zeit, das nachzuholen.

*In diesem Zusammenhang möchte ich besonders auf den sehr informativen Begleitband zur Ausstellung hinweisen!

Flugblatt zum Auschwitz-Gedenktag in Köln am 28.1.2018

Denis Stuart Rose, „Luther“, 2016

Auschwitz – Luther – Ehrendoktor

Gut, dass es inzwischen endlich vielfältige Formen des Gedenkens an die Opfer der NS-Diktatur gibt. Dennoch bleibt es bei der halben Wahrheit, denn es kann ja keine Opfer ohne Täter geben. Diese aber werden meist weiterhin ver- oder beschwiegen.

Ein solcher wurde gerade ein Jahr lang mit großem Pomp gefeiert: Doktor Martin Luther. In seiner Hetzschrift „Von den Juden und iren Luegen“ hat er rassistisch ( „verdorbenes Blut“ ) zum Massaker an ihnen aufgerufen: Die Synagogen sollen verbrannt, ihre Schulen und Häuser zerstört, sie sollen ausgeplündert und erschlagen werden. Es liest sich wie ein Aktionsplan für die „Reichspogromnacht“, die nicht zufällig in der Nacht zum 10. November 1938 begann, organisiert von SA und SS, unter Beteiligung tausender „Freiwilliger“.

Der thüringische Landesbischof Sasse: „Am 1o. November, Luthers Geburtstag, brennen in Deutschland die Synagogen (…) In dieser Stunde muss die Stimme eines Mannes gehört werden, der als der Prophet der Deutschen… der größte Antisemit seiner Zeit geworden ist…“ Der evangelische Reichsbischof erklärte, Hitler vollende nun, was Luther begonnen habe. Dieser christliche Hintergrund der Schoah wird immer noch tabuisiert, die lauen Schuldbekenntnisse der Kirchen drücken sich darum herum, dass „Nazis“ und Christen weitgehend identisch waren. Wie wollen sie eigentlich heute Neonazis entgegentreten, die einen Anschlag auf eine Synagoge verübt haben und sich auf den so hoch geehrter Luther berufen?

Ein anderer Nazi-Täter heißt Udo Klausa, er war von 1954 bis 1975 erster Landesdirektor des Landschaftsverbands Rheinland und hatte schwere Menschenrechtsverletzungen in Heimen und Psychiatrien zu verantworten.

Als NSDAP- und SA- Angehöriger hat er 1936 die rassistische Hetzschrift „Rasse und Wehrrecht“ verfasst, in welcher er die Förderung der „guten Ströme des Bluts“ forderte und die „Aussonderung der Entarteten“. Als Nazi-Landrat von Bendzin – ca. 40 km von Auschwitz entfernt- hat er 30 000 Juden in viehische Gettos einsperren lassen, von wo aus sie ins Gas deportiert wurden. (siehe: Mary Fulbrook, „Eine kleine Stadt bei Auschwitz“, Klartext Verlag )

Klausa ist aber immer noch Ehrenbürger der Uni Bonn und Inhaber der Ehrendoktorwürde, Mitte der 60er verliehen im Namen der Düsseldorfer Uni vom Inhaber des Lehrstuhls für Psychiatrie, Friedrich Panse, einem „Euthanasiegutachter“, also ein Schreibtischtäter bei den Krankenmorden.

Solch brauner Unrat unterm Teppich, aber Betroffenheit bekunden: PFUI TEUFEL !

V.i.S.d.P. LOTHAR GOTHE ECKENHAGENERSTR 33 51702 BERGNEUSTADT

Luthers Antisemitismus – ein interessanter Link dazu

Aus einer Mail an mich:

„Lieber Lothar,
vielen Dank, ich habe die Schreiben mit intensiven Interesse gelesen – du gibst ja deiner früheren Kirche ein scharfes Contra. […]
Luther trug aus deiner Sicht auch nach 421 Jahren (Mit-)Schuld an den Pogromen 1938 und späteren Vernichtungen, konnte sich aber gegen die Vereinnahmung durch die Nazis und alle sonst beteiligten Deutschen nicht wehren. Hast du übrigens für die Berufung auf Luthers Hetzschriften durch SA, SS eine Quelle? “

Die Frage ist natürlich berechtigt. Ich möchte darum auf diesen interessanten Artikel  von Jan Süselbeck bei literaturkritik.de hinweisen:

Die 500-Jahr-Feier der Reformation hat einen Haken – Martin Luther, der Begründer des Protestantismus, war Antisemit

Leserbrief zum Artikel „Zeichen setzen gegen den Antisemitismus“

Leserbrief zum Artikel „Zeichen setzen gegen den Antisemitismus“

Wieder dasselbe oberflächliche Ritual zur Reichsprogromnacht: Betroffenheitsbekundungen, scharfe Verurteilung von Antisemitismus und Rassismus, das jüdische Totengebet, Schülerauftritt und wir alle gehen als die Guten nach Hause.

Dabei wäre es gerade in diesem Jahr so wichtig gewesen, endlich auf die tieferen Ursachen der nationalsozialistischen Verfolgung und Vernichtung der Juden zu sprechen zu kommen. Denn die sind zu einem sehr großen Teil in dem mörderischen Antisemitismus des so pompös gefeierten Jubilars Martin Luther zu finden. An den Progromen des 9.November 1938 zeigt sich dies besonders deutlich. Der Ablauf dieser Gewaltorgie entsprach nämlich genau den menschenverachtenden Forderungen Luthers in seiner Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“: Synagogen und Schulen verbrennen, Häuser zerstören, Juden vogelfrei machen, ausplündern, erschlagen…

Anlass war zwar das Attentat eines verzweifelten jüdischen Jugendlichen auf einen deutschen Diplomaten in Paris am 7.11., wonach zunächst ein paar vereinzelte Übergriffe folgten. Doch SA und SS inszenierten dann das Progrom in der Nacht zum 10.11., denn dieses Datum kam sehr gelegen:

„Am 10. November, Luthers Geburtstag, brennen in Deutschland die Synagogen (…) In dieser Stunde muss die Stimme eines Mannes gehört werden, der als der Deutschen Prophet (…) im 16. Jahrhundert der größte Antisemit seiner Zeit geworden ist, der Warner seines Volkes wider die Juden“, so begrüßte der thüringische Landesbischof Sasse die Untaten, an denen sich viele, viele Christen beteiligten. Der evangelische Reichsbischof erklärte, Hitler vollende nun, was Luther begonnen habe.

Dieser Hintergrund des Nazi-Antisemitismus wird weithin tabuisiert, vermutlich haben die Schüler nie davon gehört und die lauen Schuldbekenntnisse seitens der Kirche führen in die Irre:

Man habe sich nicht genug gegen die Nazis gewehrt. So als sei der Nationalsozialismus als etwas Fremdes über die deutschen Christen gekommen. Der Wahlforscher Falter hat herausgefunden, dass jeder zweite evangelische Christ 1932 NSDAP gewählt hat. Die “Deutschen Christen“ waren eine Naziorganisation mit Hitlergruss und Hakenkreuz in ihrer Fahne. Nichts Kirchen-“Fremdes“ also, etwas sehr „Eigenes“. Widerstand leisteten nur wenige Einzelne wie Dietrich Bonhoeffer.

Wer diese Wurzeln des Antisemitismus weiterhin nicht wahr haben will und sich immer noch nicht zu seinem Anteil daran bekennt, der macht sich vor der Jugend schuldig. Wie will er denn heute dem Neonazi entgegentreten, der einen Anschlag auf eine Synagoge verübt hat und sich auf den so hoch geehrten Luther beruft ? Der habe es so nicht gemeint?

Es ist auch kein echtes Zeichen gegen Antisemitismus, Partnerschaften mit israelischen Orten zu pflegen, aber hier wie dort zutiefst beschämende historische Wahrheiten zu leugnen oder totzuschweigen. Dabei wären ehrliche Zeichen angesichts des anwachsenden Rassismus und Antisemitismus doch so dringend nötig.

Nachtrag:

Ich hatte zu meinem Leserbrief extra noch ein kleines Anschreiben verfasst, daß ich dem interessierten Leser meines Blogs auch nicht vorenthalten möchte:

Sehr geehrter Herr Klemmer,

im Anhang finden Sie einen Leserbrief, dessen Inhalt Sie vielleicht als problematisch betrachten. Deshalb weise ich darauf hin, dass alle Tatsachenbehauptungen sorgfältig recherchiert und nachprüfbar sind und dass ich aus Platzgründen auf weitere Zitate verzichtet habe.

Wie ich bereits Ihrem Herrn Thies im Gespräch mitgeteilt habe, hätte ich mir auch diesen Leserbrief gern verkniffen, wenn von Seiten Ihrer Redaktion, etwa in einem Kommentar, die bei den Gedenkveranstaltungen unterschlagenen Informationen der Leserschaft zugänglich gemacht worden wären.

Ich gehe jedenfalls davon aus, dass wir darin übereinstimmen, dass ganz besonders die jungen Menschen einen Anspruch auf die ganze Wahrheit haben. Mag sie auch noch so unangenehm sein.

Mit freundlichen Grüssen, Lothar Gothe Eckenhagenerstr. 33,
51702 Bergneustadt 02265 / 7357

Der Brief ist dann – erwartungsgemäß – nicht abgedruckt worden.

Zweiter Nachtrag:

Auf diesen „unveröffentlichten Leserbrief“ hat dann am 29.11.2017 Herr Dechant Christoph Bersch mit einer an mich adressierten Email reagiert. Der daraus entstandene Mailwechsel ist so interessant – und aufschlussreich – daß ich ihn der geneigten Leserschaft nicht vorenthalten möchte. Auch, wenn dieses Vorgehen als „unfein“ empfunden werden könnte. Hier geht es weiter.

 

Lesung, Vortrag, Diskussion „Eine kleine Stadt bei Auschwitz“

EINE KLEINE STADT BEI AUSCHWITZ

So lautet der Titel des Buchs der englischen Historikerin Mary Fulbrook aus dem sie lesen wird. Es befaßt sich mit der nationalsozialistischen Vergangenheit des Udo Klausa, der von 1954 bis 1975 (der erste) Direktor des Landschaftsverbands Rheinland war und als solcher die schweren Missstände in den Erziehungsheimen und Psychiatrischen Anstalten zu verantworten hatte.

Frau Fulbrook ist ein außergewöhnlich tiefer Einblick in die Persönlichkeitsstruktur eines deutschen Bildungsbürgers gelungen, der dem Dritten Reich in der Verwaltung als Landrat gedient hat, an den Nazi-Verbrechen und dem Holocaust beteiligt war und im Nachkriegsdeutschland davon unbeschadet und unbeirrt als Führungskraft im Rheinland seine Karriere fortsetzen konnte.

Der Historikerin ist deshalb ein so einzigartiger Beitrag zur Aufarbeitung der deutschen Nazivergangenheit gelungen, weil ihr bei diesem Forschungsobjekt nicht nur die wissenschaftlichen Mittel des universitären Elfenbeinturms zur Verfügung standen, sondern auch Erkenntnisse, die aus der persönlichen Beziehung zur Familie Klausa herrühren. Klausas Ehefrau war zeitlebens eine enge Freundin von Fulbrooks Mutter.

Die Geschichte des Udo Klausa ist hochaktuell, weil man an ihr nachvollziehen kann, wie ein humanistisch gebildeter Akademiker in seiner Karriere nach und nach zivilisatorischen Boden verlässt und als Zuarbeiter der rassistischen Barbarei endet. Am Prototyp Klausa hat Mary Fulbrook auch gezeigt, wie die Anfänge aussehen, deren wir uns heute wieder – oder immer noch – erwehren müssen.

In dem Zusammenhang wird Frau Fulbrook auch über ihr neuestes Buch sprechen. Es befasst sich mit den langfristigen Folgen der Beteiligung an Naziverbrechen. Die Nachkriegsjustiz hat die Schuldigen nur sehr unzureichend vor Gericht zur Verantwortung gezogen und private Erzählungen haben die Vergangenheit umgedeutet. Viele Familien – nicht nur die Kinder der Überlebenden, auch die der Täter – müssen die emotionellen Folgen tragen.

(Das Buch erscheint 2018 bei OUP unter dem Titel „Reckonings: Legacies of Nazi Persecution“)

 

Alte Feuerwache, Melchiorstr. 3, Köln – 6. Dezember 20 Uhr

Netzwerk gegen Rechts?

Dem Aufruf von „Oberberg ist bunt, nicht braun“ zur Teilnahme an der Veranstaltung des „Netzwerks gegen Rechts“ bin ich gefolgt und erwartete die angekündigte „spannende Diskussion“ zu den „Grundwerten einer „zivilisierten Gesellschaft“.

Es gab aber keine Diskussion und schon gar keine spannende. Stattdessen klopften sich Vertreter der (54 !) Mitgliedsorganisationen und der 13 Kommunen verbal auf die Schultern und beklatschten sich gegenseitig, als wäre allein das bloße formale Bestehen des Netzwerks bereits ein Erfolg im Kampf gegen Rechtsextremismus und Rassismus.

Die Podiumsteilnehmer wurden vom moderierenden Theologen und aus dem Publikum reihum abgefragt und so erfuhren wir, daß die Streetworkerin mit den Problemfällen im Gespräch bleibt, das Gymnasium die Schüler zu respektvollen Bürgern erzieht, der Blogger gegen Haßmails anschreibt, in Bergneustadt trotz 4000 Türken „die Straße nicht brennt“ und der Kampfsportler „im Sport noch nie Rassismus erlebt hat“.

Also offenbar eine ziemlich heile oberbergisch/deutsche Politwelt, in der Grundwerte gelten und die daher von ein paar Rechtsextremen oder der AfD nicht erschüttert werden kann.

Diese Darbietung erschien mir so oberflächlich und so selbstgefällig, dass ich mich zu einem kritischen Einwand habe hinreißen lassen: Denn im Augenblick werden ja in unserem Namen und mit unserem Geld von der Frontex im „failed state“ Lybien kriminelle Banden mit Uniformen, Waffen und Schnellbooten ausgestattet, damit sie als „Küstenwache“ afrikanische Armutsflüchtlinge jagen und abfangen, um sie in – laut Amnesty – „KZ-artigen Lagern“ zu internieren, in denen brutale Gewalt, Vergewaltigung und Sklavenarbeit an der Tagesordnung sind. Das dient offensichtlich der Abschreckung und der Abschottung unserer Wohlstandsfestung Europa.

Zweifellos wird hier der absolut oberste unserer Grundwerte mit Füßen getreten: Die unantastbare Würde des Menschen. Aber diese Menschenrechtsverletzungen nehmen wir achselzuckend hin und auch das Netzwerk gegen Rechts wollte sich wohl die Feierstimmung nicht vermiesen lassen und blieb stumm gegenüber der Frage, ob diese Gleichgültigkeit vielleicht Ausdruck eines unausgesprochenen, weit verbreiteten rassistischen Menschenbilds (Herrenmensch/Untermensch) sei.

Im Gegensatz zu diesem bleiernen (Ver)schweigen stauchte mich der Vize-Landrat aber lauthals zusammen, weil ich es gewagt hatte, einen bedenklichen Satz aus seiner Ansprache zu kritisieren: „Wir haben in der Vergangenheit bittere Erfahrungen mit dem Extremismus machen müssen“. Das klingt, als wären auch wir Deutsche Opfer des Nazismus geworden, während doch in Wahrheit andere Völker, Juden, Roma, Schwule „bittere Erfahrungen“ mit unserem Extremismus machen mußten.

Solche autoritäre Unterdrückung von Kritik, solche Unfähigkeit zu demokratischem Diskurs und das Ersticken einer lebendigen Diskussion habe ich bisher für ein Markenzeichen von rechten (oder stalinistischen) Organisationen gehalten. Aber man lernt ja nie aus.

Richtigstellung zu „Luther – ein Nachtrag“

Ein Besucher der Homepage hat darauf hingewiesen, dass 2009 zum 60sten Jahrestag des Abtransports der 700 BewohnerInnen der Heil- und Pflegeanstalt Waldbröl auf Initiative der Stadt ein Gedenkstein mit folgender Inschrift enthüllt wurde:

„Zum Gedenken an die in der Zeit des Nationalsozialismus als lebensunwert bezeichneten Menschen aus der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt Waldbröl, die durch Zwangssterilisation und Euthanasie ihrer Würde und Ihres Lebens beraubt wurden“

Auf zwei am Stein befestigten Textplatten seien Einzelheiten nachzulesen.

Somit ist mein Vorwurf, dieser oberbergische Krankenmord sei bisher völlig verschwiegen worden, nicht berechtigt.

Allerdings gibt es Unstimmigkeiten: 2009 kann nicht der 60ste Jahrestag gewesen sein, denn dann hätte die Deportation ja 1949 stattgefunden. Nach den Erkenntnissen von Ernst Klee sind die Heimbewohner in der psychiatrischen Vernichtungsanstalt Meseritz-Obrawalde in Polen ermordet worden und nicht wie angegeben in Hadamar. Dort wurden die Vergasungen im August 1941 beendet, im August ’42 wurden die Morde mit Medikamenten wieder aufgenommen.

Den Begriff „Euthanasie“ (schöner, leichter Tod) haben die Nazis zur Verhüllung der systematischen Tötung verwendet, deshalb sollte er heute nur in Anführungszeichen verwendet werden. Selbst nach Nazirecht handelte es sich um Mord, so sollten wir es heute der Klarheit halber auch benennen.

Ein Mantel des Schweigens liegt nach wie vor über den Naziaktivitäten im Oberbergischen, dem Fortbestehen von Nazigeist nach 1945 und dem Schutz der Täter. Der nach jahrelangen Aufforderungen an den Kreistag vom Kreishistoriker dazu vorgelegte Bericht ist sehr lückenhaft, den Kreistag und seine schwer belasteten Nazis hat er ganz außen vor gelassen. Dass z.B. der von 1946 bis 1979 autokratisch regierende OKD Goldenbogen („nicht der allerschlimmste Nazi“) nicht nur Mitglied in der NSDAP, sondern auch in der SA war – siehe Kaminsky/ Roth – wird nicht erwähnt.

Nazitäter werden sogar noch posthum geschützt, während ihre geistigen Nachfolger des NSU wieder „Untermenschen“ mordend jahrelang durch Deutschland ziehen konnten.

Luther – ein Nachtrag

Der OVZ-Ausgabe vom 23.5.17 war eine 12seitige Anzeigen-Sonderveröffentlichung der evangelischen Kirche zu „500 Jahre Reformation“ beigefügt. Neben lauter Grußworten von Oberbürgermeisterin, Kardinal und anderen Honoratioren bis zu Niedecken und Jürgen Becker krampfhafte Verrenkungen, um Luther und die Reformation mit Köln zu verbinden.

Da Luthers Verdienste landauf landab unablässig kommuniziert werden, brauche ich hier nicht auch noch darauf einzugehen.Der große Reformator erreicht in der Verehrung und Anbetung locker den Status katholischer Spitzen-Heiliger; er wird so auf den Altar gehoben, dass nichts Negatives an ihm haften bleibt. Deshalb soll hier das Bild ein wenig vervollständigt werden.

Die zentrale Botschaft des „Lutherjahrs“ findet sich im „Doppelinterview“ mit Präses Rekowski und der „offiziellen Botschafterin der Reformationsjubiläums“ Käßmann.

Luthers glühender Antisemitismus, seine hetzerischen Ausfälle gegen Juden, die Aufrufe, mit Gewalt und Terror gegen sie vorzugehen, das wird mal eben abgetan mit der Bemerkung, die Evangelische Kirche habe sich ja neuerdings von Luthers „Antijudaismus“ distanziert und seine „antijüdischen Hetzschriften“ verurteilt. Wohlweislich wird der Begriff „Antisemitismus“ peinlich vermieden, obwohl dies die korrekte Bezeichnung für viele von Luthers Tiraden wäre. Sein Vernichtungswahn richtete sich ja nicht nur gegen die religiösen Juden, sondern gegen „das Volk der Juden“ und deren „verdorbenes Blut“ ( modern: verdorbene Gene). Der spätere rassistische Antisemitismus knüpfte nahtlos daran an. Aber der stellt ja eine unangenehme Verbindung zur nationalsozialistischen Judenverfolgung und zu Auschwitz her; er könnte peinlicherweise daran erinnern, daß die Nazis sich bei der Vernichtung der Juden durchaus auch auf den Reformator berufen konnten.Nicht zufällig brannten am 10. November 1938, an Luthers Geburtstag, die Synagogen. Der schlimmste Nazihetzer und „Stürmer“-Herausgeber Julius Streicher verteidigte sich im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess nicht ohne Grund mit der Behauptung, wenn der noch leben würde, „säße Dr. Martin Luther heute an meiner Stelle auf der Anklagebank.“

Deshalb beim Interview schneller Themenwechsel und Hinwendung zu positivem Luther-Gedenken. Deutlich mehr Raum im Interview nehmen z.B. „Playmo“-Lutherfiguren ein , von denen 750 000 bereits verkauft seien und die z. B. dem Erzbischof von Guatemala viel Spaß bereitet hätten.

Nach solcherart politischer Verschönerung kann dann der Superintendent Köln-Süd, Dr. Bernhard Seiger in seinen „9,5 Thesen zum Reformationsjahr 2017“ folgendes zum Besten geben:

„Christen …treten stets für die Würde ein, über die jeder Mensch, gleich welchen Geschlechts, welcher Herkunft, Religion oder Lebensorientierung verfügt.“

Gerade im oberbergischen Südkreis lässt sich studieren, dass der Luthersche Judenhass, gepaart mit seinem Obrigkeitsdenken, eine Grundlage des mörderischen Nationalsozialismus bildeten. Kirche und Nazis zogen an einem Strang. Bis heute wird nicht offen darüber geredet, die lokalen Täter sind bis heute tabu, es herrscht Schweigen.

Besonders peinlich führt sich in diesem Zusammenhang die oberbergische Christlich-Jüdische Gesellschaft auf, die beim Kirchenkreis an der Agger angesiedelt ist. Bis vor kurzem noch konnte man auf der Homepage die ungeheuerliche Geschichtsklitterung lesen, dass die „Mitläufer und Mittäter“ „ehrenwert und gutwillig“ gewesen seien. Erst nach jahrelangen Protesten wurde kürzlich diese Reinwaschung von Nazimitläufern und Tätern(!) durch ein Zitat des ersten Nachkriegs-Landrats Dresbach (CDU) ersetzt und abgeschwächt: … aber ich bin nicht geneigt, über all die politisch ungeschulten Menschen den Stab zu brechen, die damals glaubten, es sei eine neuere und bessere Welt entstanden. Der Fluch gilt den politisch Wissenden, die sich diesem System zur Verfügung gestellt haben.“

Demnach konnte ein Christ erst nach „politischer Schulung“ erkennen, daß Entrechtung, Ver-folgung, Deportierung und Ermordung von Mitmenschen, seien es Juden,Zigeuner, Behinderte oder Kommunisten, Unrecht und „schwere Sünde“ war? Obwohl doch die zentrale Botschaft des Jesus von Nazareth unmißverständlich Toleranz, Barmherzigkeit, Nächstenliebe und sogar Feindesliebe verlangte? War „Du sollst nicht töten“ außer Kraft?

Anscheinend haben sich die „Ungeschulten“ weniger an der einfachen Lehre Jesu orientiert, sondern mehr an den Hassorgien und dem Vernichtungswahn des christlichen Schulmeisters Luther.

Wer diese christlichen Wurzeln von nationalsozialistischem Terror und Massenmord leugnet oder unter dem Teppich hält, verhindert eine ehrliche Aufarbeitung und schwächt das „Immunsystem“ gegen die neue braune Gefahr und überlässt die Opfer dem Vergessen.

Kürzlich stieß ich in Ernst Klees Buch „Euthanasie im NS Staat“ auf einen Hinweis, daß in Waldbröl alle Insassen eines Behindertenheims nach Polen deportiert und dort in einem Vernichtungslager ermordet wurden. Ich habe als alter Oberberger zeitlebens aber nie davon gehört oder gelesen. Ist es nicht eine Schande, daß auch 73 Jahre später dieser Massenmord an oberbergischen Mitbürgern totgeschwiegen wird, dass er in keiner Gedenkrede erwähnt wurde? Was sind denn demgegenüber die Trauerbekundungen wert, die zu den offiziellen Gedenktagen regelmäßig wiederholt werden?

Wird es nicht Zeit, uns endlich ehrlich zu machen? Auch im Zusammenhang mit den Feiern zu „500 Jahre Reformation“?

Lutherweg

Zum Artikel „Psalmen in der Wanderpause –  Oberbergischer Lutherweg eröffnet“ in der Wochenendausgabe vom 20.5.2017

Jetzt haben wir also auch im Oberbergischen einen Pilgerweg. Er heißt nicht Jakobs-, sondern Lutherweg und unser Santiago de Compostela ist das beschauliche Lieberhausen. Nun kann man eine Verbindung Luthers zu Oberberg nicht einmal an den Haaren herbeiziehen, aber darum geht es auch gar nicht.

Es handelt sich wohl weniger um ein religiöses Ereignis als um ein Event im Rahmen des kirchlichen Marketing-Rummels im „Lutherjahr“. Die Kirchenfunktionäre glauben offenbar, den fernbleibenden Mitgliedern hinterherlaufen und die alte Botschaft des hingerichteten Juden aus Palästina in moderner Verpackung präsentieren zu müssen.

Herausgekommen ist eine esoterisch angehauchte Wellness-Wandertour, die Fitnesstraining, Abspecken und Spiritualität aufs Angenehmste miteinander verbindet. An acht Stationen des Rundwegs laden Schilder mit Lutherzitaten oder Psalmen zur Rast ein. Dort kann man eine „Auszeit nehmen und nachdenken“. Bei dieser Verbindung von „Wandern mit dem Glauben“ helfen QR-Codes auf den Schildern: Der wandernde Sinnsucher kann sich über sein Smartphone die Texte und die Anleitungen zu „Übungen zur Körpermeditation“ vorlesen lassen. Vertiefen kann er dieses transzendentale Nachdenken womöglich, wenn er dabei Lutherkäppi, Lutherschal, Lutherhemd und Luthersocken trägt.

Nun haben die meisten Mitmenschen, auch die Mehrheit der heutigen Christenheit, andere Probleme als hiesige Wohlstandsbürger, sie müssen in den weltweiten Armuts- und Elendszonen leben und vegetieren in ebenso grausamen Verhältnissen wie die Armen zu Luthers Zeiten.

Deshalb wäre es wohl angebracht, wenn an – sagen wir – 2 Stationen das Handy Luthertexte vorliest, die sich mit deren Problemen befassen. So könnte in Station 7 („Um mich herum“) aus der Schrift „Wider die mörderischen und räuberischen Horden der Bauern“ zitiert werden.

„… man soll sie zerschmeißen, würgen, stechen, heimlich und öffentlich, wer das kann, wie man einen tollen Hund erschlagen muss…“ Das animiert zur Meditation darüber, dass damals wie heute Entrechtung und Ausbeutung bis aufs Blut Gewalt und Terrorismus provoziert. Für die Station 5 („Hinter mir“) böte sich an, eine antisemitische „Hassmail “ Luthers zu verlesen,in welcher er aufruft, die“ jüdischen „Bluthunde“ zu erschlagen, ihre Schulen und Synagogen zu verbrennen, ihre Häuser zu zerstören usw. Dann könnte der Pilger darüber nachsinnen, ob solcherart Hetzschriften irgendwie mit dem Holocaust zu tun haben könnten.

Auf diese Weise könnte der oberbergische Pilgerweg zur Volksbildung beitragen, zumal ja die Anwesenheit vom Dechanten (Achtung: Ökumene!) und der weltlichen Obrigkeit in Person von Landrat und Bürgermeister (beide von der christlichen Partei) bereits dessen große gesellschaftspolitische Bedeutung unter Beweis stellt.


Zu diesem Leserbrief wurden zwei Reaktionen von evangelischen Christen veröffentlicht. Klaus Dripke aus Nümbrecht schreibt:

„Einen interessanten Leserbrief hat Herr Gothe zum Artikel „Psalmen in der Wanderpause“ geschrieben, der über den neu eröffneten Oberbergischen Lutherweg in Lieberhausen berichtet. Herr Gothe spottet ätzend über den Marketing-Rummel und läßt sich vor allem über den miesen Charakter von Luther aus….“

Nachdenklicher äußert sich Hanns Hermann Mertens aus Bielstein:

„Für einen gläubigen Christen wie mich ist solch ein Leserbrief […]  geradezu schmerzhaft. Aber könnte er nicht einer „bitteren Medizin“ vergleichbar sein? Könnte solches Nachdenken nicht geradezu heilsam sein? Denn die kritisierten unchristlichen, unmenschlichen Entgleisungen sind in Luthers Werken tatsächlich zu finden und dürfen nicht vertuscht werden.“